Männerforscher: „Männer sind ja nicht einfach böse, unmoralische Schweine“

Man müsse sich mehr um die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Männern kümmern, fordert Männerforscher Josef Christian Aigner. Für Elternpaare, die ihre Arbeitszeit zu gleichen Teilen reduzieren, sollte es steuerliche Begünstigungen geben.

Vater mit Sohn
Vater mit Sohn
Vater mit Sohn – (c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)

Die Presse: Wenn wir von Familienfreundlichkeit sprechen: Wie väterfreundlich ist Österreich?

Josef Christian Aigner: Bei Familienpolitik wurden die Männer gern vergessen. Wenn man sich heute etwa Ausschreibungen für familienfreundliche Betriebe ansieht, geht es fast immer nur um Frauen und Kinderbetreuung. Dabei wäre es im Sinn der Frauen, für die Männer günstige Bedingungen zu schaffen: weil man sie dann auch leichter verpflichten kann, sich um familiäre Angelegenheiten zu kümmern.

Was müsste man machen?

Ein Punkt ist das Image: Noch immer werden Väter, die in Karenz gehen, von vielen Betrieben belächelt. Vielfach gelten sie als etwas eigenartig oder als unmännlich. Und das, obwohl man weiß, dass Männer, die sich um den Kinderalltag kümmern, auch bessere Fähigkeiten für das betriebliche Management mitbringen: dass sie gelassener, geduldiger sind. Die Wirtschaft müsste etwas dafür tun, dass Männer eine Karenz ohne Schaden an ihrem Ansehen wählen können.

 

Was müsste man an der Karenz an sich ändern?

Wichtig wäre ein ausgedehnteres Use-it-or-lose-it-Modell, wie es das schon in Ansätzen gibt: Mehrere Monate einer einkommensabhängigen Karenz, die verfallen, wenn sie der Vater nicht nimmt.

Das klingt, als müsste man die Väter zu ihrem Glück zwingen.

Ohne einen gewissen Druck wird es nicht gehen – weil wir das Bewusstsein, dass Kinder Frauensache sind, nicht so schnell wegkriegen. Auch alle Arten von Papamonat sind übrigens zentral. Nicht zuletzt deshalb, weil das Kleinstkind und die typische Männlichkeit etwas sehr Widersprüchliches sind – und die Männer hier sehr viel lernen könnten. Hier müsste man sich für die einkommensschwächeren Väter etwas einfallen lassen.

Um Karenz allein geht es aber ja nicht. Auch später ist Kinderbetreuung eher Frauensache.

Man könnte mit Maßnahmen ansetzen, für die es in nördlichen Ländern Beispiele gab, die im Zuge der Sparpolitik untergingen: Anreize, damit Männer und Frauen ihre Arbeitszeit zu gleichen Teilen reduzieren – beispielsweise 30/30 anstatt der oft üblichen 40/20. Das stößt schnell an die Grenzen der Ökonomie. Daher wären steuerliche Begünstigungen oder Anreize über die Familienbeihilfe sinnvoll.


Was brauchte es sonst noch, um Väter zu fördern?

Was fehlt, ist eine wirkliche Männerpolitik. Man müsste sich mehr um die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Männern kümmern. Das gäbe auch wichtige Auskünfte darüber, wie man Väterlichkeit fördern kann. Denn die Männer sind ja nicht einfach böse, unmoralische Schweine, die sich nicht um ihre Familien kümmern, wie das bisweilen von feministischer Seite tönt. Sie stehen unter geschlechterpolitischen und arbeitsmarktpolitischen Zwängen, die ihnen das Leben nicht einfacher machen – und auch den Zugang zu Kindern nicht.

Spielen Sie auf die klassische Ernährerrolle an?

Die Breadwinner-Ideologie ist noch immer sehr verbreitet. Es gibt eine gewisse Aufweichung bei 15 bis 20Prozent der Männer, die als sogenannte neue Väter gelten.

Zerreißt es da viele zwischen den verschiedenen Anforderungen?

Zumindest denke ich, dass das neoliberal verschärfte Wirtschaften vor allem die Männer trifft, die immer noch mehr auf ihre Identität als Arbeitnehmer getrimmt werden. Und gleichzeitig haben sie auch den Anspruch, sich für die Familie zu engagieren – es ist ja nicht so, dass die Männer sich nur abseilen wollen.

DIE IDEEN

Josef Christian Aigner

(*1953) ist Psychologe und Pädagoge. An der Uni Innsbruck forscht er besonders zu Männern, Vätern und Buben. Seine Vorschläge: eine Imagekampagne, um Väterkarenz attraktiver zu machen, finanzielle Anreize für Elternpaare, die ihre Arbeitszeit zu gleichen Teilen reduzieren, und eine wirkliche Männerpolitik. [ Archiv ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2014)

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