Inklusion: "Da gibt es Grenzen des Zumutbaren"

Gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung sei ein gutes Anliegen – trotzdem sollten Sonderschulen nicht abgeschafft werden.

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Herr Ahrbeck, hätten Sie ein Kind, das im Rollstuhl sitzt: In welche Schule würden Sie es schicken?

Bernd Ahrbeck: Kinder im Rollstuhl sind ja nun sehr unterschiedlich. Aber auf die allgemeine Frage hin würde ich sagen: Ich würde das Kind erst einmal in die allgemeine Schule schicken, wenn dort die notwendigen Bedingungen für das Kind gegeben sind.

Und ein Kind mit Downsyndrom?

Bei einem Kind mit Downsyndrom würde ich auch erst an eine allgemeine Schule denken und dann überlegen, ob es dort gut zurechtkommt. Generell würde ich damit beginnen.

Sie wissen, worauf die Frage hinausläuft: Wo wäre denn die Grenze, was die Integration von Kindern mit Behinderung angeht?

Es gibt zwei kritische Punkte: wenn das behinderte Kind dort nicht gut zurechtkommt, also schlechter als in einer speziellen Einrichtung. Oder wenn die gesamte Klassengemeinschaft von der gemeinsamen Beschulung massive Nachteile hat, etwa bei Kindern, die verhaltensgestört oder gewalttätig sind. Da gibt es Grenzen des Zumutbaren.

Es wird viel darüber gestritten, ob es Sonderschulen überhaupt noch geben soll. In der UN-Menschenrechtskonvention ist die Rede von der vollständigen Integration.

Die UN-Konvention ist da ziemlich offen, sie lässt verschiedene Interpretationen zu. Zum einen wird das Recht auf eine allgemeine Schule betont. Zum anderen geht es darum, dass Kinder das höchstmögliche Maß an Förderung bekommen sollen und dass Besonderes nicht negativ diskriminierend angesehen werden darf.

Und das bedeutet Ihrer Meinung nach?

Es muss unterschiedliche Wege geben. Kinder, die die Gebärdensprache brauchen, müssen untereinander sein, damit sie kommunizieren können. Wenn nicht, ist ihr Kommunikationssystem nur begrenzt zugänglich, und sie haben erhebliche Nachteile davon. Was ist, wenn etwa Kinder mit schweren Verhaltensstörungen spezielle intensivpädagogische Settings brauchen, um zurechtzukommen und letztlich einen Gewinn und nicht einen großen Nachteil von Schule zu haben?

Sie sagen: Wenn es nur noch Inklusion gibt, richtet man potenziell Schaden an.

Wenn man sagt, die gemeinsame Beschulung aller Kinder sei ein unumstößliches Menschenrecht, das für jeden zwingend gelten muss, dann spielt die Empirie und die Lebensrealität keine Rolle mehr. Dann gibt es nur eine Antwort, nämlich unbedingt Gemeinsamkeit. Und das halte ich für grundlegend falsch. Die Frage ist doch: Was bewirkt Schule bei Schülern? Und hier muss man die unterschiedlichen und zum Teil auch widersprüchlichen empirischen Befunde zur Kenntnis nehmen. Sonst wird die Inklusion zu einem moralischen Unternehmen, bei dem das Kindeswohl im konkreten Fall an zweiter Stelle steht.

Wird über Inklusion derzeit zu sehr auf der moralischen Ebene diskutiert?

Bei den oft tonangebenden Kräften wird das zu sehr moralisch, zu wenig gelassen, zu wenig an der Realität diskutiert. Und ich glaube, dass man dem guten Anliegen – ich bin ja auch für mehr Gemeinsamkeit – einen Bärendienst erweist, wenn man die schulischen Schwierigkeiten und Widersprüche und die individuellen Förderbedürfnisse nicht ernst nimmt.

Viele stellen die Frage, ob man ein Kind nicht erst recht zum Behinderten macht, wenn man es in eine spezielle Einrichtung, also eine Sonderschule, schickt. Sehen Sie das nicht als Problem?

Doch, diese Frage stellt sich. Sie können aber umgekehrt auch fragen: Machen Sie ein Kind nicht zu einem besonderen, wenn es in die allgemeine Schule kommt und es dort ein Außenseiter ist und es ihm psychisch schlecht geht?

Das kann man wohl beides fragen. Bei der Sonderschule argumentieren viele aber: Der Sonderschulbesuch ist ein Stigma, das man nicht mehr los wird.

Einrichtungen können stigmatisieren, das stimmt. Aber die Stigmatisierungskategorie löst sich ja nicht dadurch auf, dass die Kinder gemeinsam zur Schule gehen. Da gibt es nach wie vor die besonders Leistungsschwachen, die besonders Verhaltensgestörten. Und diese Kinder stehen oft am Rand, sie werden abgelehnt oder gar gemobbt, noch bevor sie offiziell die Diagnose förderungsbedürftiges Kind haben.

Viele sagen: Wenn die Sonderschule einmal da ist, finden sich auch genügend Kinder, die man dort hinschicken kann. Womöglich auch Kinder, die gar nicht hinmüssten.

Natürlich ist es so, dass die Institutionen versuchen, sich zu erhalten. Diese Neigung gibt es aber in der inklusiven Schule genauso: Da ist es dann der Versuch, alle Kinder dort zu halten, selbst wenn es ihnen nicht mehr gut tut. Wichtig ist, dass in jedem einzelnen Fall sorgsam zum Wohl des Kindes entschieden wird.

Wer soll denn darüber entscheiden? In Österreich sind es die Eltern.

Das ist eine Möglichkeit. Sie sind verantwortlich für die Entwicklung des Kindes, und sie machen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Die einen sagen: „Mit einem Downsyndrom-Kind in der Grundschule, das geht wunderbar. Das Kind hat dort soziale Kontakte und es fühlt sich wohl.“ Andere sagen: „Das Kind kommt dort überhaupt nicht zurecht, es quält sich, es fühlt sich alleingelassen.“ Man muss respektieren, dass die Menschen die Dinge unterschiedlich sehen.

Es gibt Eltern, die sich einfach nicht vorstellen können, dass ihr behindertes Kind in eine allgemeine Schule geht. Weil sie das nicht kennen, weil es ihnen Angst macht. Wäre da nicht Bewusstseinsbildung angesagt?

Unbedingt. Wenn es den Eltern überhaupt nicht in den Sinn kommt, ein behindertes Kind dorthin zu schicken, muss man mit ihnen sprechen und sie aufklären und die positiven Möglichkeiten beleuchten. Ich bin ja sehr für mehr gemeinsame Beschulung und dafür, dass es weniger Sonderschulen gibt. Ich bin nur entschieden dagegen, dass spezielle Einrichtungen grundsätzlich aufgelöst werden.

Ein Argument in der Inklusionsdebatte ist die Toleranz: Wenn man nie mit Menschen mit Behinderung in Kontakt kommt – woher soll ein vorurteilsfreier und angstfreier Umgang kommen?

Da haben Sie recht. Die gemeinsame Beschulung ist ein hoher Wert, auch unter dem Aspekt Toleranz, andere Menschen kennenzulernen. Ich sage nur: Das darf nicht das einzige Kriterium sein, es geht auch um eine optimale Förderung.

Aber wie soll denn eine Schule, in der aussortiert wird, auf eine Inklusion in der Gesellschaft vorbereiten?

Ich schätze den Begriff des Aussortierens nicht, weil er die Sache nicht wirklich trifft. Kinder, die in spezielle Einrichtungen gehen, trennen sich von anderen Kindern. Es stimmt, dass Kindern mit Lernbeeinträchtigung das oft peinlich ist, dass sie das Gefühl haben: „Ich gehe in die Doofenschule.“ Die andere Seite ist, dass diese Kinder sich in diesen speziellen Schulen oft viel wohler fühlen als im großen Zusammenhang aller – weil sie dort oft am Rand stehen, wenig Selbstbewusstsein haben und sich nicht akzeptiert fühlen.

Wenn die Schule vorbei ist, kommen ja auch diese Kinder in diesen großen Zusammenhang hinein. Wie löst man diesen Widerspruch?

Die Schule kann die Grundwidersprüche der Gesellschaft nicht auflösen. Sie kann auf die Gesellschaft vorbereiten. Sie kann zu mehr Toleranz und Akzeptanz beitragen. Aber sie wird das Leistungsprinzip nicht auflösen können. Und nach der Schule werden allen Kindern die gleichen Fragen gestellt. Es geht darum, was man kognitiv kann, was man emotional kann, was sozial.

Immer wieder fällt im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderung der Satz: „Es ist normal, anders zu sein.“ Würden Sie ihn unterschreiben?

Menschen müssen in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptiert werden, das ist ganz klar. Die Anerkennung von Vielfalt, um die es bei Inklusion immer geht, ist mitunter jedoch eine naive Kategorie. Auf den ersten Blick sagt jeder: „Das ist ja schön und begrüßenswert.“ Aber es gibt auch Lebensformen, die schlicht und einfach schrecklich sind. Jugendliche, die gewalttätig werden, kommen zu 80 Prozent aus Elternhäusern, wo sie massiv gewalttätige Übergriffe erleben. Und das ist keine schöne und begrüßenswerte Form von Normalität.

Und bei Behinderung?

Eine Behinderung ist ein Zustand, den man zu verändern sucht. Behinderung ist auf Förderung angewiesen. Das gilt für viele andere Kategorien von Vielfalt nicht. Ob ein Mensch der Religion A, B oder C angehört, ob er in einem bestimmten kulturellen Milieu lebt oder eine bestimmte sexuelle Ausrichtung hat, das muss als gegeben akzeptiert werden.

Der Umgang mit Behinderung ist aber oftmals auch nicht wertfrei.

Das ist doch auch ein großes Problem in uns selbst. Denn einerseits hat jeder Mensch das gleiche Recht akzeptiert zu werden. Andererseits, wenn wir ehrlich sind, freuen wir uns auch darüber, dass wir nicht behindert sind. Die meisten Eltern wünschen sich keine behinderten Kinder. Insofern ist die Begegnung mit der Behinderung auch ein konflikthaftes Unternehmen in uns allen. Aber nicht eines, das man dadurch wegjubeln kann, indem man sagt: „Jetzt sind wir alle gleich, und es gibt keine Unterschiede mehr.“

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