Schule: Kommt „verstaatlichte“ Sexkunde?

Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) fordert einen „Neustart“ für den Erlass zur schulischen Sexualerziehung. Eltern sollten mitentscheiden dürfen.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Wien. Zehn DIN-A4-Seiten sorgen seit Wochen – vor allem in konservativen Kreisen – für Aufregung. Es handelt sich um den neuen Erlass zur schulischen Sexualerziehung. Dieser übergehe die Eltern, konfrontiere Kinder auf nicht altersgemäße Weise mit Pornografie und ignoriere zentrale Begriffe wie „Liebe“ und „Familie“, haben zuletzt etwa die Kirche und der katholische Familienverband moniert. Nun erreicht die Debatte die politische Ebene: Familienministerin Sophie Karmasin fordert im Gespräch mit der „Presse“ nämlich nicht nur eine Überarbeitung, sondern sogar einen „Neustart“ für den Sexualerziehungserlass.
Es sei nämlich schon bei der Entstehung des Sexualerziehungserlasses einiges schiefgegangen. So beklagt Karmasin eine zu kurze Begutachtungsfrist und die Ausgrenzung von Schulpartnern und Eltern. „Dass die Eltern in der Entstehung nicht miteinbezogen worden sind, ist kein gutes Zeichen“, so die Familienministerin. Dieser Fauxpas spiegle sich auch im Inhalt des Erlasses wider. Er beschneide nämlich die Rechte der Eltern. Während der bisherige Erlass, der auf das Jahr 1970 zurückgeht und zuletzt 1990 überarbeitet wurde, klar festgelegt hat, dass Sexualerziehung „die primäre Aufgabe der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten“ ist, macht das der neue nicht. In diesem steht geschrieben: „Zeitgemäße Sexualerziehung versteht sich heute als eine Form der schulischen Bildung (. . .)“.
Die Familienministerin, die bisher kaum dem konservativen Flügel in der ÖVP zugerechnet werden konnte, warnt: „Anscheinend soll Sexualerziehung ausschließlich in die Schulen verlagert werden. Ich würde sogar davon sprechen, dass die Sexualerziehung verstaatlicht werden soll. Das entspricht sicherlich nicht dem Wunsch der Eltern.“

Eltern sollen Altersgrenze festlegen

Die Liste der Befürchtungen, was diese Änderung bedeuten könnte, ist lang. Das Institut für Ehe und Familie (eine Einrichtung der Bischofskonferenz) warnte zuletzt beispielsweise davor, dass Schüler „eindeutig pornografischen Inhalten, die nichts mit einfühlsamer Sexualpädagogik zu tun haben und schon gar nicht altersgerecht sein können“, ausgesetzt werden. Diese Angst rührt daher, dass im Erlassentwurf empfohlen wird, Sexual- und Medienerziehung zu verbinden und Pornografie wie auch Sexting (das Verschicken erotischer Fotos) im Unterricht zu thematisieren.
Die Familienministerin versteht die Sorge: „Wenn der Passus, dass die Eltern primäre Ansprechpartner sind, draußen ist, dann gibt es nachvollziehbare Befürchtungen.“ Sie sei zwar dafür, dass Sexualerziehung in der Schule thematisiert werde. Ab welchem Alter und in welcher Form das in der Schule passiere, hätten aber die Eltern und Erziehungsberechtigten zu entscheiden. So wünsche sie sich, dass Pädagogen ihre Pläne in puncto Sexualerziehung mit den Elternvereinen bzw. Elternvertretern einer Klasse im Vorfeld bestimmen. „Dann kann man das individuell und sensibel handhaben“, sagt Karmasin.
Dass dieser neue Erlass für Diskussionen sorgt, war schon klar, als ihn Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) angekündigt hat. Damals sorgte sie mit der Aussage, Sexualerziehung könne nicht früh genug beginnen, für Aufsehen. Karmasin ist auch hier um Vorsicht bemüht: Eine aktive Sexualerziehung im Kindergarten sei ihrer Meinung nach verfrüht, passiv – im Sinn eines Beantwortens von Fragen – sei das aber wichtig.
Die in den vergangenen Tagen und Wochen öffentlich gewordenen Vorbehalte von Kirche und Elternverbänden nahm das Bildungsressort bisher gelassen zur Kenntnis. Der Erlass zur schulischen Sexualerziehung sei von „ausgewiesenen Experten“ erarbeitet und danach einem breiten Kreis zur Diskussion zur Verfügung gestellt worden – darunter neben anderen Ministerien und Organisationen aus dem Gesundheitsbereich auch Elternvertretern, Familienverbänden und ebenso kirchlichen Organisationen. Nun sichte man die Rückmeldungen.

Politische Bildung wird Pflichtmodul

Für weniger Aufregung sorgt (vorerst) eine andere Reform, die Heinisch-Hosek am Freitag angekündigt hat: Ab Herbst soll die Politische Bildung als sogenanntes Pflichtmodul (das sind Lehrplanbestandteile, die im Unterricht durchzugehen sind) ab der sechsten Schulstufe im Geschichteunterricht eingeführt werden. Außerdem soll das Unterrichtsprinzip überarbeitet werden, mit dem Politische Bildung auf allen Schulstufen und in allen Schulformen verankert ist.

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