Asyl: "Wenn wir ihnen kein Deutsch beibringen, brocken wir uns Schwierigkeiten ein"

Das staatliche Angebot an Deutschkursen für Asylwerber reicht nicht. Studenten der PH Oberösterreich sind selbst aktiv geworden und unterrichten vier Mal wöchentlich 100 Asylwerber. Manche Flüchtlinge gehen dafür fünf Stunden zu Fuß.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Linz. 26 Kärtchen sollen am Ende auf dem Tisch liegen – eines für jeden deutschen Buchstaben. Noch sind es nur fünf. Ganz oben liegt eines mit dem Buchstaben A – daneben ein Apfel. Das Zettelchen darunter ziert ein B – rechts davon eine Banane. Nun hält die Studentin ein Kärtchen mit dem Buchstaben F in die Höhe. Die Blicke der vor ihr sitzenden Männer beginnen schnell hin und her zu schweifen. Es bleibt ruhig.

Der junge Mann mit dem Dreitagebart und den schwarzen Locken – den eigenen Namen wollen die meisten nicht in der Zeitung lesen – beendet zögerlich die Stille: „Ffffff“, sagt er leise. Die Studentin nickt: „Genau. F wie Feder“. Damit haben die Flüchtlinge den sechsten Buchstaben des deutschen Alphabets gelernt.

Vier Mal pro Woche finden sich an der Pädagogischen Hochschule (PH) Oberösterreich rund 100 Asylwerber zum Deutschlernen ein. Begonnen hat alles klein. Als in Linz direkt neben der PH Zelte für Asylwerber aufgeschlagen wurden, besuchten die Studenten der lokalen Hochschülerschaft (ÖH) ihre neuen Nachbarn, um Hilfe anzubieten. Sie versprachen, mit 20 Flüchtlingen Deutsch zu lernen. Denn: Staatliche Deutschkurse gibt es nur für bereits anerkannte Flüchtlinge – und selbst die sind Mangelware. („Wenn es der Staat nicht macht, dann müssen es eben die Staatsbürger tun.“) Gewartet haben auf die Studenten gleich am ersten Tag 35 Flüchtlinge. Drei Tage später waren es 200.

 

Skript in einer Nacht gelernt

Längerfristige Planung des Projekts gab es keine. Aber große Hilfsbereitschaft. Mittlerweile ermöglichen 20 Freiwillige – darunter (angehende) Lehrer, Studenten und Professoren der PH –, montags, dienstags, mittwochs und donnerstags parallel mehrere zweistündige Deutschkurse abzuhalten.

Gelernt wird in verschiedenen Leistungsgruppen. Da sind einerseits die Männer, die in ihrer Heimat nicht alphabetisiert wurden und nun mit Hilfe von Kärtchen, Obst und Playmobilfiguren die ersten Buchstaben lernen. Und andererseits geflüchtete Ärzte, Juristen, Autoren und Medizintechniker, die fließend Englisch sprechen und die das 50-seitige Deutsch-Skript, das die ÖH im Eiltempo ausgearbeitet hat, innerhalb einer einzigen Nacht im Selbststudium erlernen.

In der Alphabetisierungsgruppe sitzt ein knapp 50-jähriger Syrer. Er übt die Aussprache der Buchstaben. I und E verwechselt er ständig. Zwischen seiner Betonung von O und U hört man auch bei aufmerksamem Zuhören keinen Unterschied. Nach jedem ausgesprochenen Buchstaben blickt er verunsichert auf. Erst wenn er Lob erntet, blättert er um.

Ein paar Räume weiter haben sieben Afghanen in der ersten Reihe Platz genommen. Das Wort „einfach“ wurde mit dem Beamer an die Wand geworfen. Die Flüchtlinge beginnen es laut vor sich herzusagen. Fünf Mal, zehn Mal – und sie wiederholen es noch immer. Nur beim Begriff „Bauchschmerzen“, der danach an die Wand projiziert wird, zögern sie etwas. Ihr Lachen verrät: Die Aussprache des Wortes ist noch etwas zu schwierig.

„Sie erleichtern den Lehrern das Arbeiten durch ihre Motivation“, sagt Eva Prammer-Semmler, eine der helfenden PH-Professorinnen. Wirklich zielorientiert könne man aber nicht arbeiten. Es sei ein ständiges Kommen und Gehen. Am vergangenen Freitag, als die Zelte am Linzer Polizeisportplatz abgebaut wurden, mussten besonders viele Flüchtlinge das Quartier nahe der PH verlassen. Einige kamen in Turnsälen unter. Deshalb bieten Studenten und Professoren auch dort Deutschkurse an. Flächendeckend ist das nicht möglich.

 

„Mehr als ein Deutschkurs“

Und so gehen viele Flüchtlinge zu Fuß zum Deutschkurs an der PH. Hamed etwa. Der Syrer marschiert vier Mal pro Woche von der Gemeinde Wilhering bis nach Linz. Gehzeit: fast zweieinhalb Stunden. In eine Richtung. Denn Geld für Öffitickets bekommen die Asylwerber nicht. Die ÖH-Vertreter, Katharina Harrer und Konstantin Zenleser, nennen das „beschämend“. Gerne würden sie mit ihrer Initiative „die eigentlich Verantwortlichen inspirieren zu handeln“ – Öffitickes zu finanzieren und Deutschkurse zu schaffen. Die helfenden Professorinnen sehen das ähnlich: „Wenn wir versäumen, diesen Menschen Deutsch beizubringen und ihnen unsere Kultur näherzubringen, brocken wir uns große Schwierigkeiten ein“, sagt Prammer-Semmler. Das Projekt sei, wie Professorin Christine Plaimauer es ausdrückt, „mehr als ein Deutschkurs“ – nämlich „der einzig freundliche Kontakt für Flüchtlinge mit Österreichern“.

 

Schicksale im Klassenzimmer

Auch wenn Flüchtlinge hier primär herkommen, um Deutsch zu lernen, nehmen sie auch ihre persönlichen Schicksale mit ins Klassenzimmer. Als eine Gruppe von Asylwerbern kürzlich die Satzstellung üben sollte, mussten sie Sätze zum Thema Familie bilden: „Ich habe (k)ein, ein oder zwei Kind(er)“, sollten sie sagen. Da fragte ein junger Mann, wie dieser Satz in der Mitvergangenheit laute. Das sei noch zu schwer für ihn, entgegnete die Professorin. Da sagte der Flüchtling auf Englisch: „Aber ich habe keine, sondern hatte einmal Kinder.“

AUF EINEN BLICK

Die Hochschülerschaft der Pädagogischen Hochschule (PH) Oberösterreich bietet kostenlose Deutschkurse für Flüchtlinge an. Rund 20 Freiwillige – angehende Lehrer, Studenten und PH-Professoren – halten vier Mal pro Woche zweistündige Kurse ab. Die Hochschülerschaft hat außerdem binnen eineinhalb Wochen ein 50-seitiges Deutschskript entwickelt – mit Übersetzungen auf Englisch, Arabisch, Farsi und Russisch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2015)

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