Lebensmittelverschwendung: Warum Tausende Tonnen Essen im Müll landen

In Europa werden jeden Tag umgerechnet rund 150 Sattelschlepper voller Lebensmittel weggeworfen. Was Organisationen dagegen tun – und wie jeder Einzelne helfen kann.

(c) Stanislav Kogiku

Wien. Ein roter Container, bis zum Überquellen gefüllt mit Salatköpfen, steht an einer Ecke des Wiener Großmarkts. Hier, gegenüber des Mülldepots, scheint er in der eisigen Kälte auf die Entsorgung zu warten. Hunderte Kilo Salat müssen das sein. Jeden Tag werden mehrere Tonnen der zum Verzehr gedachten Lebensmittel nicht verkauft – aus Gründen, die man teilweise nur schwer nachvollziehen kann. Großhändler laden am Ende des Tages überschüssige Ware im Biomüll ab. Es betrifft aber nicht nur Salat auf dem Großgrünmarkt, sondern jedes erdenkliche Lebensmittel. Jährlich werden Tausende Tonnen an noch genießbaren Lebensmitteln weggeworfen.

 

1. Wie viele Lebensmittel werden in Österreich verschwendet?

Laut einer FAO-Studie werden weltweit pro Jahr ein Drittel der Lebensmittel weggeworfen, die für den Verzehr produziert wurden und die noch genießbar gewesen wären. Das entspricht 1,3 Milliarden Tonnen. In der EU schmeißt jeder Bürger 173 Kilo Lebensmittel im Jahr in den Müll, das entspricht täglich 150 vollen Sattelschleppern. Allein in Österreich werden jährlich 760.000 Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen, wovon mindestens die Hälfte noch genießbar wäre. In Wien landet täglich so viel Brot im Müll, dass man damit ganz Graz versorgen könnte.

 

2. Warum kommen so viele einwandfreie Produkte in den Müll?

Durch die hohen Ansprüche der Konsumenten in Bezug auf perfekte Produkte werden Waren bereits bei kleineren Beschädigungen der Verpackungen nicht mehr zum Verkauf angeboten. Vielleicht sind die Produkte nicht mehr schön genug und passen nicht ins Bild. Nicht verkaufte Lebensmittel, Saisonware (zum Beispiel weihnachtliche Süßigkeiten) oder Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, werden weggeworfen, obwohl sie ohne Bedenken noch zum Verzehr geeignet wären. Auf dem Großmarkt in Wien etwa wird ein Großteil der Ware, die nicht mehr verkauft wird, von den Händlern gegen eine geringe Gebühr vor Ort entsorgt. Durch diese Produkte würde mehr Arbeit als Gewinn für sie entstehen. Das ist nicht rentabel. So fallen auf dem Großmarkt jährlich bei 400.000 Tonnen umgesetzten Lebensmitteln 7000 Tonnen Müll an.

 

3. Was wird gegen die Lebensmittelverschwendung gemacht?

Ohne den Einsatz der Wiener Tafel wäre die Menge an weggeworfenen Waren auf dem größten Obst- und Gemüsemarkt Österreichs deutlich größer. Die Wiener Tafel wurde 1999 gegründet, um den übermäßigen Lebensmittelabfall in Österreich zu reduzieren und damit auch noch einem guten Zweck zu dienen. Strategisch günstig hat sich die Organisation direkt vor dem Mülldepot platziert – bevor etwas noch Verwertbares auf dem Müll landet, könnte es hier noch abgefangen werden. Auch große Unternehmen stellen der Wiener Tafel unentgeltlich ihre ausrangierte Ware zur Verfügung. Täglich werden mehrere Tonnen Lebensmittel angeliefert.

 

4. Wohin kommen all diese geretteten Lebensmittel dann?

„Der Fokus des Unternehmens liegt darauf, Lebensmittel, die zu viel sind, an armutsbetroffene Menschen zu bringen“, erzählt die Ehrenamtskoordinatorin Theresa Seitz. In bestehende Einrichtungen wie Mutter-Kind-Häuser, Flüchtlingswohngemeinschaften und Obdachlosenheime werden vor allem frische Produkte wie Obst und Gemüse geliefert. Verteilt wird die noch genießbare Ware von ehrenamtlichen Helfern.

 

5. Wie kann jeder Einzelne mithelfen, Lebensmittel zu retten?

Das Problem der Lebensmittelverschwendung liegt nur zum Teil an den Konzernen. Denn über die Hälfte der weggeworfenen Ware kommt von privaten Haushalten. Das liegt vor allem an falscher Planung und Lagerung der Einkäufe – und an der Verwechslung des Mindesthaltbarkeitsdatums mit dem Verfallsdatum. Nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, heißt das nicht, dass ein Produkt nicht mehr genießbar ist. Um Bewusstsein dafür zu schaffen, hat die Wiener Tafel mithilfe der MA38 die tatsächliche Haltbarkeit von Lebensmitteln bestimmt. Ein weiteres Projekt ist die Tafelbox: ein kompostierbarer Behälter für Essen, das in Restaurants übrig bleibt.

Auf einen Blick

Wiener Tafel. Die Wiener Tafel ist eine soziale Hilfsorganisation mit einem Standort auf dem Großmarkt in Simmering. Lebensmittelhändler und -produzenten stellen überflüssige Waren zur Verfügung, die mithilfe von Ehrenamtlichen sortiert und an soziale Einrichtungen verteilt werden. Helfer werden zu jeder Zeit gesucht. Ebenfalls hat die Wiener Tafel Ideen zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung entwickelt. Darunter die kompostierbare Tafelbox und eine in Zusammenarbeit mit MA38 erstellte Liste der tatsächlichen Haltbarkeit von Lebensmitteln. Diese kann in der Broschüre zur sicheren Nutzung von Lebensmitteln nachgelesen werden. Mehr unter wienertafel.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2018)

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