Wirtschaft spricht jede Sprache

Viele Gründer wissen nur wenig über Beratungsangebote und Förderungen. Die neue muttersprachliche Beratung nützt nun auch Hochqualifizierten.

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Das türkische Gemüsegeschäft gegenüber vom Büro, die polnische Baufirma, die italienische Pizzeria – Migranten sind in vielen verschiedenen Zweigen der österreichischen Wirtschaft als Unternehmer aktiv. Und das in hohem Ausmaß, wie eine Studie 2007 ergab: Etwa ein Drittel der Wiener Einzelunternehmen wird von Inhabern mit Migrationshintergrund betrieben. Das entspricht etwa dem Anteil der nicht in Österreich geborenen Wiener an der Gesamtbevölkerung der Stadt.

 

International orientiert

Längst bewegen sich diese sogenannten „ethnischen Ökonomien“ aber nicht mehr nur in den Geschäftsfeldern, die man traditionell von ihnen erwarten würde. Auch sogenannte „globale Unternehmer“ wurden in der Studie identifiziert. Diese neue Gründergeneration verfügt über eine sehr gute Ausbildung, zumeist einen Studienabschluss, und orientiert sich am internationalen Markt. Ganz selbstverständlich nutzen sie dabei die verschiedenen Informations- und Weiterbildungsangebote für Migranten und Nicht-migranten.

Ein solcher Gründer ist Gökhan Yildirim. Er hat an der TU Wien Bauingenieurwesen studiert und einen Gewerbeschein in Unternehmensberatung. Nun will er sein umwelttechnisches Wisssen und seine Sprachkenntnisse österreichischen Firmen zur Verfügung stellen, die in der Türkei Geschäfte machen möchten, und umgekehrt: „Ich nehme das Motto ernst, dass Wien der Brückenkopf zu Südosteuropa sein will.“

So hat er nicht nur einen Abschluss am Wifi Management College gemacht, sondern auch Mingo Migrant Enterprises aufgesucht. Diese im Mai 2008 vom Wiener Wirtschaftsförderungsfonds gegründete Beratungsstelle im 10. Wiener Gemeindebezirk ergänzt das allgemeine Angebot von Mingo Services für Jungunternehmer, Einpersonenunternehmen, Gründer, Kleinstbetriebe und neue Selbstständige: Speziell migrantische Gründer werden hier mit Informationen in ihrer Muttersprache auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet und erhalten Kontakte zu den zuständigen Einrichtungen der Stadt Wien. „Türkisch ist meine Muttersprache“, sagt Yildirim, der fließend Deutsch spricht. „Manches kann ich auf Türkisch besser ausdrücken als auf Deutsch.“

Abgesehen von sprachlichen Barrieren haben die nicht österreichischen Gründer aber mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen wie ihre österreichischen Kollegen, sagt Nilgül Raeke, Leiterin von Mingo Migrant Enterprises: Ein Businessplan muss erstellt werden, Know-how für Marketing, Vertrieb oder PR fehlen, außerdem braucht das Unternehmen Kapital. Die Mingo Academy bietet dafür kostenlose Kurse an. Dort sitzen dann österreichische und migrantische Gründer einträchtig nebeneinander.

 

Brennpunkt Wien

Auch andere Institutionen haben das Thema „ethnische Ökonomien“ für sich entdeckt und entsprechende Angebote entwickelt. Am 7. April etwa informiert die Wirtschaftskammer Wien migrantische Unternehmer in kostenlosen Vorträgen über die Wiener Einkaufsstraßen, über erfolgreiche Gründung, über Finanzierung und Förderungen, über Aus- und Weiterbildung, über die Beschäftigung von Mitarbeitern sowie über Lehrlingsausbildung. An der VHS Ottakring gibt es zweisprachige Grundkurse für Betriebswirtschaft.

Wien ist derzeit schon allein aufgrund seines überdurchschnittlich hohen Anteils an Migranten ein Brennpunkt der Aktivitäten. In anderen Bundesländern ist man noch nicht ganz so weit. In Oberösterreich etwa geht die Wirtschaftskammer von 5000 Unternehmern mit Migrationshintergrund aus, derzeit werden zielgruppenspezifische Angebote entwickelt. Denn nicht alle nutzen die vorhandenen Strukturen so gut wie Gökhan Yildirim. Die Zahlen für Wien: 41 Prozent aller migrantischen Gründer wussten nichts von vorhandenen Beratungangeboten. 87 Prozent der migrantischen Gründer mit Pflichtschulabschluss haben ohne Beratung gegründet, ebenso wie 33 Prozent der Uni- und FH-Absolventen.

AUF EINEN BLICK

Ein Drittel der Einzelunternehmen in Wien wird von Personen mit Migrationshintergrund geleitet.

Auch hoch qualifizierte Migranten nutzen muttersprachliche Bildungsangebote.

Schwerpunkt der Angebote ist Wien: Erst langsam werden auch in den Bundesländern entsprechende Services entwickelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2009)

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