Türkische Erziehung: Selbständigkeit ist weniger wichtig

Türken würden ihren Nachwuchs viel emotionaler erziehen als Österreicher und kleinen Kindern mehr erlauben, sagt eine junge türkische Mutter in der DiePresse.com-Serie zur Erziehung von Migranten.

(c) Rosa Schmidt-Vierthaler

Tuba El Kashef passt nicht in das Bild, das in Wien oft von türkischen Frauen gezeichnet wird. Was wohl auch daran liegt, dass sie kein Kopftuch trägt: "Ich bin nicht religiös, aber traditionsbewusst", erzählt sie. Die Erziehung ihrer Kinder spiegelt diese Haltung wider: Sie will ein gutes Mittelmaß finden, ihnen Freiheit ermöglichen und trotzdem Grenzen setzen. Ihre kleine Tochter Aylin hat derzeit noch viel Freiraum. So hält Tuba nichts davon, die Uhrzeit als bestimmendes Element zu verwenden - es sei wichtiger, die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen.

Österreicher seien zwar bei kleinen Kindern streng, Jugendliche dürften aber "alles machen", wie sie beobachtet habe: "Die Kinder dürfen in Österreich nicht mal im Hof spielen, da gibt es gleich eine Anzeige. Aber Kinder sollen doch laut sein und spielen dürfen." Auf der anderen Seite gebe es viele 15- und 16-Jährige, die sich stark betrinken und die ganze Nacht wegbleiben würden. In der Türkei sei das Gegenteil der Fall: Kleine Kinder dürften sich austoben, Teenager müssten sich dagegen starke Kontrolle durch die Eltern gefallen lassen.

Türkische Migranten in Österreich erziehen ihre Kinder oft nicht mehr so, wie es in der Türkei üblich ist. "Viele sind zwischen zwei Kulturen steckengeblieben, das macht sie anders", sagt Tuba vorsichtig. Sie fühlt sich den Türken in der Türkei auch stärker verbunden als denen, die schon lange hier leben. Immerhin ist sie auch erst vor wenigen Jahren aus Istanbul gekommen.

Türkische Mütter sind emotionaler

Die zweijährige Aylin rührt eine Plastillin-Speise in einem Kinderkochtopf an. Die gerämige Wohnung, in sie mit ihrer Mutter, ihrem Vater und bald auch einem kleinen Bruder lebt, ist charakteristisch für die österreichische Mittelschicht: Die Kinderküche vom schwedischen Einrichtungshaus, der Hochstuhl vom norwegischen Qualitätshersteller. Tuba kam nach Wien, um hier Mathematik zu studieren und heiratete einen Kärntner mit ägyptischen Wurzeln. Ist sie denn eine typische türkische Mutter? Nein, sagt sie selbst. Ja, sagt ihr Mann, der Gebietsbetreuer für ein Getränkeprodukt arbeitet. Und begründet es damit, dass sie oft nicht diskutiere, sondern gleich mal laut werde. Sie gibt es lachend zu. "Die türkische Erziehung ist emotionaler", sagt Tuba. Kinder werden oft umarmt und geküsst, es gehe aber auch lauter zu.

An erster Stelle in der Werteskala türkischer Eltern liegt meist Respekt und Gehorsam, wie diverse Studien zeigen. Die Erziehung zu Respekt und Gehorsam soll die familiären Bindungen festigen. Dies will Tuba nur begrenzt weitergeben: "Bei Türken bedeutet Respekt, dass man nichts gegen die Eltern sagen darf." Vor allem gegen den Vater nicht. Diskussion innerhalb der Familie sei aber wichtig. 

Selbständigkeit ist kein Erziehungsziel

Türkische Mütter machen fast alles für ihre Kinder: Kochen, putzen, aufräumen - das Kind lerne so aber nicht, selbständig zu werden, sagt Tuba. Ihre eigene Mutter ließ sie zuhause nie arbeiten, als Jugendliche machte sie nicht einmal ihr Bett. Was sie im Nachhinein nicht positiv sieht: "Ich bin erst selbständig geworden, als ich nach Österreich kam." In der Türkei dagegen bleiben junge Erwachsene oft bis zu ihrer Hochzeit bei den Eltern wohnen - Männer genauso wie Frauen. Das habe nicht nur finanzielle Gründe, meint Tuba. Es habe sich so eingebürgert.

Als Zeichen mangelnder Liebe gesehen

In Österreich ist Selbständigkeit mittlerweile das wichtigste Erziehungsziel, wie aus einer 2009 durchgeführten Studie des Linzer Market-Instituts hervorgeht. Zwar sind nur 48 Prozent der Befragten selbst dazu erzogen worden, 68 Prozent sagen aber, dass man es sollte. Damit ist Selbständigkeit vor "Ehrlichkeit und Offenheit" der wichtigste Erziehungsgrundsatz. Die Montessori-Aufforderung "Hilf mir, es selbst zu tun" ist auch das Credo vieler Pädagogen. Bei Türken ist es jedoch kein besonders wichtiges Erziehungsziel. Es könnte einer Mutter als Zeichen mangelnder Liebe ausgelegt werden, wenn sie ihre Kinder Hausarbeit machen lasse.

 

 

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