Jesper Juul: "Kindererziehung ist für manche ein Leistungssport"

Eltern überfordern sich heute selbst, sagt der dänische Bestseller-Autor und Familienexperte Jesper Juul. Kinder werden zunehmend als Projekt gesehen, in ihrer Entwicklung normiert und haben zu wenig Freiraum. Glücklich wird damit niemand.

Die Presse: Eltern haben noch nie soviel über Erziehung gewusst. Und waren noch nie so unsicher. Warum?

Jesper Juul: Meine Eltern hatten viel Unterstützung von draußen, konnten den linken oder rechten Nachbarn fragen, Schwester oder Bruder, und alle hatten mehr oder weniger dieselben Meinungen. Meine Generation dachte auch noch, es sei ganz leicht: Einfach das Gegenteil von dem tun, was unsere Eltern gemacht haben. Das hat nicht gestimmt. Heute gibt es keinen Konsens mehr über Werte. Eltern müssen entweder eine überschaubare Methode „kaufen" oder sich fragen, was für ein Vater. was für eine Mutter sie sein wollen. Zum ersten Mal seit dem Mittelalter befinden sich Eltern in so einer Situation.

Gleichzeitig ist die Forschung in den letzten 15 Jahren explodiert. Was ich noch als Entwicklungspsychologie gelernt habe, ist heute nicht nur altmodisch, es war einfach falsch. Daher kann ich diese Unsicherheit sehr gut verstehen. Mir tut es auch immer leid, wenn Politiker Eltern direkt kritisieren, nach dem Motto „Das weiß doch jeder". Dazu kommt, dass die meisten unserer übernommenen Normen aus einer „Mangelgesellschaft" stammen. Heute haben wir viel mehr Geld. Auch dieses Geländer gibt es nicht mehr. Es gibt keine Antworten, es gibt keine Rezepte. Aber es ist auch eine sehr interessante Zeit. Und die meisten Eltern sind ja konstruktiv-unsicher, engagiert, interessiert. Und schaffen es ganz gut.


Erziehen wir unsere Kinder heute zu viel oder zu wenig?

Juul: Viele Kinder werden in einer gewissen Weise heute „übererzogen": Löffel gehört so, Hände aus den Hosentaschen. Das ist nicht Erziehung, das ist Konditionierung. Erziehung findet zwischen den Zeilen statt. Was Kinder beeindruckt, was sie ins Erwachsenenalter mitnehmen, darüber haben wir wenig oder keine Kontrolle. In Wahrheit muss man viel weniger Energie für die Kinder aufwenden und besser auf das eigene Leben und das mit dem Partner achten. Das ist viel besser für die Kinder als die „Kinder im Zentrum"-Philosophie.

 

Erziehungsratgeber - auch Ihre Bücher - verkaufen sich so gut wie nie, Programme wie „Super Nannies" boomen. Verunsichern die vielen Ratschläge nicht?

Juul: Ja. Das passiert oft. Es gibt keine Erziehungsexperten. Niemand weiß, wie man das richtig macht. Ich würde auf meine Bücher gern einen Stempel drucken: Verboten für Eltern mit Kindern unter 14 Monaten. Die ersten eineinhalb Jahre sollte man sein Kinder mal kennen lernen. Man kann seine innere Mutter oder Vater mobilisieren - oder man kann Super Nanny kaufen. Aber ich finde solche Sendungen furchtbar. Das ist eine Art Sozial-Pornografie. Man exponiert unglückliche Kinder gnadenlos. Und mit jedem Satz wird die Botschaft vermittelt: „Diese Kinder sind böse." In Norwegen wurde dieses Programm wieder verboten. Und das war viel milder als die britische oder deutsche Version.

 

Viele Eltern klagen heute, dass sie überfordert sind. Wieso?

Juul: Eltern stöhnen oft und sagen: „Kleine Kinder fordern so viel Aufmerksamkeit." Das stimmt. Die fordern viel Aufmerksamkeit. Glücklicherweise brauchen sie nicht so viel wie sie fordern. Das ist für junge Mütter eine große Überraschung. Die glauben, man muss 24 Stunden Mutter sein und 24 Stunden ist nicht genug.

Kinder zu haben, ist eine lange, eine unendliche Liebesbeziehung, wie zwischen Männern und Frauen. Aber niemand sagt, das Leben zwischen Männern und Frauen ist einfach oder ohne Konflikte. Warum machen wir einen Unterschied zwischen „richtigen Menschen" und Kindern?

Kindererziehung ist für manche ein Leistungssport. Das ist ja unerträglich. Für die Kinder und für die Eltern. Außerdem verändern sich die Trends unter Eltern alle vier Jahre. Derzeit haben wir die Tendenz, aus den Kindern Projekte zu machen. Zuerst wollten alle super-intelligente Kinder, jetzt wollen alle glückliche Kinder. Das ist doch Wahnsinn, das geht nicht. Wer unter uns Erwachsenen ist mehr als ab und zu zehn, 15 Minuten glücklich?

 

Aber wollen nicht alle Eltern glückliche Kinder?

Juul: Es gibt einen großen Unterschied, sich das zu wünschen und ein Projekt daraus zu machen. Denn dann werden die Kinder sehr, sehr unglücklich. Man braucht sich nicht zu überfordern. Man kann es auch ganz ruhig angehen.

 

Ruhig angehen ist gut. Aber fehlt uns nicht allen die Zeit für die Kindererziehung?

Juul: Das ist eine gängige Ansicht. In Dänemark arbeiten ja viel mehr Mütter früher als in Österreich. Aber niemandem ist es bisher gelungen, zu beweisen, dass das richtig ist. Zu meiner Zeit war das genauso. Man soll die Vergangenheit nicht romantisieren. Beziehungen zwischen Kindern und Eltern waren oft nicht gut, das Verhältnis zwischen Kindern und Vätern oft nicht existent. Wir haben seither etwas ganz Wichtiges entschieden und gesagt, wir dürfen Kinder nicht mit Gewalt erziehen - sei es psychisch oder physisch. Die tiefe Angst, die Kinder noch vor einer Generation vor Erwachsenen hatten, gibt es nicht mehr. Darüber beschweren sich viele Erwachsene oder Lehrer. So war es aber auch bei den Frauen. Die haben auch plötzlich angefangen, zu reden und zu sagen, was sie wollen. Genauso ist es für Kinder. Die haben jetzt zum ersten Mal die Möglichkeit, sich zu richtigen freien Menschen zu entwickeln. Das hat nichts mit Erziehungsfehlern zu tun.

 

Wie wirkt sich denn die ständige Betreuung der Kinder durch Erwachsene aus?

Juul: Die Kinder haben nicht mehr die paar Stunden am Tag, wo sie ohne Erwachsene sein können. Das geht noch in einem Dorf, aber nicht in Wien. Die Kinder werden immer von Erwachsenen betreut und beobachtet. Das ist ein sehr großer Verlust. Die soziale Kompetenz haben wir früher miteinander und ohne Erwachsene entwickelt. Wenn meine Mutter gesehen hätte, was wir so getrieben haben! Das war nicht immer schön, aber wir haben viel davon gelernt. Heute will zum Beispiel niemand Aggressionen haben. Das verbindet man mit Gewalt. So ist es aber nicht.
Unsere Welt für Kinder wird enger und enger. Paradoxerweise reden wir aber die ganze Zeit darüber, dass die Kinder Grenzen brauchen. Skandinavische Kinder verbringen zwischen dem Alter von eins und 15 ganze 25.000 Stunden in pädagogischen Einrichtungen. Sechs sieben Stunden jeden Tag mit Erwachsenen und Kindern, die sie sich nicht aussuchen können. Es ist eigentlich erstaunlich, dass so viele Kinder das mitmachen.

 

Fehlen männliche Bezugspersonen, gerade für Buben?

Juul: Vor 50 Jahren waren vielleicht zwei, drei Prozent der Väter in die frühe Bindungsphase ihrer Kinder im ersten Lebensjahr involviert. In Dänemark sind es jetzt 45, 50 Prozent. In Österreich weniger. Man soll aber nicht immer darüber reden, wie das für die Kinder ist. Unsere Geschichte ist ja voller abwesender Väter. Man kann die Männer auch heute nicht überreden. Das wollen ja vor allem Politikerinnen gerne. Man sollte darüber reden, wie wertvoll das für die Väter ist; welche Qualitäten und Erkenntnisse man da gewinnen kann. In Österreich ist die Diskussion ein bisschen begrenzt.

Die Männer sollen nicht Ersatzmütter werden, in so einer Rolle fühlt sich kein Mann wohl. Man muss die Vaterrolle neu definieren. Das kann man von Frauen nicht lernen. Aber ich sehe viele Buben, denen Aggressionsprobleme bescheinigt werden. Niemand fragt: „Auf wen bist du so böse?" Die Buben haben eine neue Freiheit, also ohne Gewalt. Und die wissen nicht, wie sie ihre maskuline Energie umsetzen sollen. Das kann man nämlich auch nicht von Frauen lernen, das muss man mit dem Vater machen. Väter sollten mit ihren Buben ab dem Alter von eineinhalb Jahren jeden Tag 15 Minuten kämpfen. Da dürfen sie ruhig auch gewinnen. Diese Körperlichkeit ist sehr wichtig. Früher war unsere Gesellschaft sehr maskulin, mit Militär etc.. Heute ist unsere Gesellschaft sehr femininisiert. Kinder, die sich da nicht wohl fühlen, suchen diese maskuline Konfrontation dann oft mit der Polizei, werden kriminell oder werden Machos. Das Problem kann man aber lösen. Als Gesellschaft müssen wir auf die Männer warten. Ich glaube, das wird recht schnell gehen.

 

In Österreich wird ein Papa-Monat diskutiert. Bringt das was?

Juul: Ich rate Müttern seit 30 Jahren: Wenn das Kind zwischen neun Monaten und eineinhalb Jahren alt ist, musst Du von zuhause mindestens 18 Tage weggehen. Und am besten nicht anrufen. Der Mann kann sich melden, wenn er Hilfe braucht. Solange dauert es, bis einem Vater sein Kind unter die Haut geht und er einen Sensor dafür entwickelt, wie ihn die meisten Mütter haben. Das war immer sehr erfolgreich. Auch wenn sich ein Vater anschließend wieder zurückgezogen hat, ist ein ganz anderes Verständnis geblieben, wieso sich eine Mutter überfordert fühlen kann. Aber unsere Politiker sollten nicht entscheiden, wie wir leben.

 

Sind die Kinder in den letzten 20, 30 Jahren schwieriger geworden?

Juul: Ja. Genau wie die Frauen. Sie sagen heute mehr oder weniger, was sie wollen. Das haben Kinder früher nie gemacht. Heute sind sie auffällig, man sieht sie, man hört sie. Das ist so schnell gegangen, dass sich die Erwachsenen nicht drauf einstellen konnten. Man muss heute anders mit Kindern umgehen.

 

In Österreich wurde vor kurzem eine Studie vorgelegt, dass der Anteil von Kindern mit tatsächlichen psychischen Problemen gestiegen ist. Sind die Kinder heute kränker?

Juul: Viele dieser Diagnosen und Kategorien sind post-moderne Konstruktionen. Wir haben die Experten und die müssen irgendwas machen. Zu ihrer fachlichen Identität gehört es, nach Fehlern zu suchen, nicht nach Möglichkeiten. Die Kinder werden wie nie zuvor kategorisiert. Dazu kommt, dass sich die Kinder früher und freier ausdrücken können: Zu Hause geht's mir nicht gut, ich zeige das in der Schule. Man muss sich hier aber auch den Zustand der gesamten Gesellschaft ansehen. Wie viele psychisch Kranke gibt es, wie sieht es mit Medikamenten- und Alkoholmissbrauch aus? Das hat alles eine längere Geschichte. Es passiert heute aber früher.

 

Versagt da nicht auch die Schule?

Juul: Lehrer lernen in ihrer Ausbildung nichts über Kinder, sie lernen über Schüler. Sie lernen auch nichts über Erwachsene und wissen nicht, wie man mit Eltern redet. Die fürchten sich vor Eltern. Wir haben hier eine Gruppe, die mit immer weniger Freude arbeitet und von der Gesellschaft nicht unterstützt wird. Sie werden nur kritisiert. Wir sollten uns viel mehr um die Aus- und Fortbildung von Lehrern kümmern. Eigentlich sollten wir sagen: In den nächsten 15 Jahren sind die Schulen für die Lehrer da. So ist es auch in Familien: Wenn es den Kindern schlecht geht, muss man sich um die Eltern kümmern. Es ist zu primitiv zu sagen: mehr Zeit für die Kinder, Grenzen setzen. Das kommt von Männern über 70 und hat nichts mit der Realität zu tun.

 

Die Normen werden ja auch bei der Entwicklung von Kindern immer enger. Was das Kind wann können soll. Erhöht das nicht auch den Druck auf die Eltern?

Juul: Der Druck zu Konformität oder „Normalität" wird größer und größer. Das kommt aber leider auch von den Eltern. In Oslo etwa haben die Apotheker plötzlich auf einen Missbrauch von Abführmitteln hingewiesen, durch ganz junge Mädchen mit acht oder neun Jahren. Und warum? Die Mütter sitzen in den Kaffeehäusern und reden über überflüssige Kilo und die armen Kinder glauben, das Leben dreht sich nur darum. Das kommt aber von den Erwachsenen.

Eigentlich ist es ganz einfach. Wenn wir wissen wollen, wie sieht es mit Kindern und Jugendlichen in 15 Jahren aus, dann brauchen wir nur die anschauen, die heute 25 bis 40 Jahre alt sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 7. 4. 2008) 

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