Suchtpräventation: Kindergarten ohne Barbie und Puzzle

Das zeitlich begrenzte Projekt „spielzeugfreier Kindergarten“ soll Selbstbewusstsein und Lebenskompetenzen der Kleinen stärken und auf diesem Wege einen Beitrag zur Vorbeugung von Süchten leisten.

(c) Rasselbande

Wie geht es zu in einem Kindergarten, dem man der Kinder beliebteste Konsumgüter nimmt – die Spielsachen? „Der Lärmpegel war am Anfang enorm, der Bewegungsdrang der Kinder kaum mehr zu bändigen“, schildert Simone Ranetbauer, Kindergarten-Pädagogin im privaten Kindergarten „Rasselbande“ in Linz. Aber schon sehr bald hätten Buben und Mädchen ihre eigenen Grenzen erfahren und sich selbst Ruhepausen verordnet. „Der Lärmpegel hat sich wieder gelegt.“

Beim spielzeugfreien Kindergarten, einem 1992 in Deutschland entwickelten Projekt, das inzwischen auch in Österreich Einzug gehalten hat, wird für drei Monate auf alle vorgefertigten Spielsachen verzichtet. Die Aktivitäts-Palette geht nun allein von den Kindern aus, Kindergärtnerinnen werden zu Beraterinnen, Betreuerinnen, Begleiterinnen. Ranetbauer: „Freilich achten wir darauf, dass Grenzen nicht überschritten werden.“ Aber ansonsten haben die Kleinen das Sagen.


„Es war ganz toll“

Mehrere Studien (eine davon durchgeführt von der Informationsstelle für Suchtprävention MA 15 in Wien und vom österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung = ÖIBF) haben gezeigt, dass das spielzeuglose Spielen Selbstbewusstsein und Lebenskompetenzen stärkt.

„Es war ganz toll, wie die Größeren mit den Kleineren umgegangen sind“, berichtet Ranetbauer. „Sehr bald haben sie auch die unter Dreijährigen von sich aus integriert und sie bei Rollenspielen entsprechend eingesetzt, ganz ohne unser Zutun.“ Das habe die soziale Lebenskompetenz beider Altersgruppen gestärkt.


Mehr Kreativität und Empathie

„Unsere Studie hat zudem einen signifikantem Zugewinn an Lebenskompetenz in den Bereichen soziale Interaktion, Kreativität, Expressivität von Bedürfnissen und Gefühlen, Konfliktlösungsfähigkeit, Empathie und Selbstvertrauen ausgewiesen“, sagt Regine Wieser vom ÖIBF. Aber auch die Sprachkompetenz wurde gestärkt, die Fähigkeit, Probleme wahrzunehmen und selbst Lösungen zu entwickeln, gefördert. Nun gibt es in der Suchtforschung jede Menge Hinweise darauf, dass Menschen die vielfältige Lebenskompetenzen entwickelt haben, deutlich weniger suchtgefährdet sind. „Beim spielzeugfreien Kindergarten geht es, vereinfacht gesagt darum, Suchtprävention zu leisten, indem wir Kinder stark machen“, so Elisabeth Seifert, Expertin für Suchtprävention und Geschäftsführerin der Aktion Jugendschutz Bayern, in einem Interview in der Ärzte-Woche.


Unheimlicher Einfallsreichtum

Stark ohne Puppe und Spider-Man? Ranetbauer ortet einen „unheimlichen Einfallsreichtum“, die wildesten Baukonstruktionen aus Seilen, Polstern, Decken und Tannenzapfen entstehen, „die Kinder erfinden ganz tolle Rollenspiele, sie experimentieren viel, werden Ameisenforscher, sie entdecken physikalische Gesetze. Kein einziges Mal ist ein Kind zu uns gekommen und hat gesagt, es wäre ihm langweilig.“

Schwenk von Linz nach Neusiedl, wo die heute achtjährige Rosanna einen spielzeugfreien Kindergarten besuchte, das „irrsinnig toll“ fand und daheim schwärmte: „Endlich dürfen wir einmal das tun, was wir wirklich wollen.“


Für Erwachsene anstrengend

Die Schwärmerei und die positiven Veränderungen seiner Tochter veranlassten Michael Schmalhofer, Psychotherapeut mit Schwerpunkt Kinderpsychotherapie und Suchttherapie, sich mit der Materie näher auseinanderzusetzen. Infolge half er mehreren Kindergärten, die Initiative umzusetzen, heute gibt er sein Wissen in Fortbildungsveranstaltungen weiter und begleitet Kindergärtner und Eltern bei der Umsetzung. „Denn für Erwachsene bedeutet das schon viel mehr Aufwand.“

Denn die Kinder fordern mehr Aufmerksamkeit, mehr persönliche Beziehung, mehr Zuwendung – sowohl im Kindergarten als auch zu Hause. „Weil Beziehung eines der ureigensten Bedürfnisse eines Kindes ist, und ein Kind im Rahmen dieses Projekts lernt, seine eigenen Bedürfnisse zu spüren, zu erkennen und zu artikulieren und einzufordern.“ Das sei für Erwachsene mitunter anstrengend, aber für das weitere Leben des Kindes schon sehr bedeutungsvoll. Das weitere Leben? Die Frage, wie lange die positiven Auswirkungen der zeitlich beschränkten Barbie- und Plastikauto-Losigkeit tatsächlich anhalten, ist noch nicht wirklich beantwortet. „Es wäre aber schon sehr interessant zu wissen, wie sich das langfristig auswirkt, damit müsste sich die Forschung beschäftigen“, fordert Eva Mückstein, Präsidentin des österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie.


Der geplagte Vater

Im Prinzip, so Mückstein, sei das Unterfangen spielzeugfreier Kindergarten eine „gute Idee, auch weil die Kinder lernen, ihren eigenen Bedürfnissen zu folgen“. Eine Unsicherheit stelle jedoch die Tatsache dar, dass in einem Kindergarten ohne Puzzle und Pony eine völlig andere Situation hergestellt werde, „und außerhalb reagiert wieder der Überfluss. Wie gehen Kinder damit um?“

„Sie sind zu Hause nicht mehr so schlampig, sie räumen ihr Spielzeug von selbst weg. Sie sind auch viel selbstständiger und hilfsbereiter“, weiß Ranetbauer aus Elternrückmeldungen. Freilich gibt es auch negative Reaktionen wie jene eines Vaters, der sich beklagt hatte, dass er keinen richtigen Urlaub gehabt habe, weil sein Sohn dauernd seine Aufmerksamkeit eingefordert habe und mit ihm spielen wollte. „Die Mutter dieses Sohnes wiederum war vom Projekt begeistert“, erzählt Schmalhofer.


Kein Spielzeug-Verzicht zu Hause

Nicht begeistert sind er und andere psychologisch Versierte von der Idee, den Kindern auch zu Hause, das Spielzeug wegzunehmen. Denn zum einen, so Schmalhofer, sei das Projekt für den pädagogisch gesicherten Rahmen eines Kindergartens entwickelt worden und zum anderen „haben Lego, Malbuch Co. durchaus ihren wertvollen Stellenwert.“ (Siehe unten stehenden Artikel).

AUF EINEN BLICK.

Macht es Sinn, einen Kindergarten für eine gewisse Zeit frei von Spielzeug zu halten? Ja sagen einige Studien, denen zu Folge Spielen ohne Spielzeug viele Vorteile bringt.
Vorteile:
Die Lebenskompetenzen der Kleinen werden gestärkt – unter anderem in den Bereichen Interaktion, Expression von Bedürfnissen und Gefühlen, Konfliktlösungsfähigkeit. Und Menschen mit vielfältigen Lebenskompetenzen sind deutlich weniger suchtgefährdet. [M. Bruckberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2008)

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