Jugendkultur: Von Crash-Diät bis Augapfel-Tattoo

Teenager haben geringere Skrupel denn je, ihr Aussehen zu manipulieren. Fast jedes Mittel ist recht, um zwei Ziele zu erreichen: entweder „perfekt“ schön zu werden, oder möglichst ungewöhnlich auszusehen.

(c) AP (Gregorio Borgia)

Kann ich ein Piercing haben?“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“ – „Weil das weh tut und hässlich ist.“ – „Du bist so spießig. Und Ahnung hast Du auch keine. Die Kathi hat eins, und das hat gar nicht weh getan.“ – „Du bist erst 14, und in zwei Jahren gefällt's Dir nicht mehr.“ – „Doch. Und außerdem, wenn ich 16 bin, kannst Du mir eh nix mehr sagen.“

Und so weiter und so fort. Diskussionen dieser Art sind in vielen Familien mit Teenager-Kindern mittlerweile an der Tagesordnung – und zwar unabhängig von der sozialen Schicht. Eltern können allerdings froh sein, wenn es „nur“ um ein Piercing an einer halbwegs unverfänglichen Stelle – Nase, Lippe oder Bauchnabel – oder um eine relativ unauffällige Tätowierung geht. Denn die Schmerzgrenze der jugendlichen Generation, was ihren Körpern zugemutet werden kann, ist heute offenbar höher denn je: Crash-Diäten, die in gefährliche Essstörungen münden können; eine gestiegene Bereitschaft, sich schon in sehr jungen Jahren den schmerzhaftesten Schönheitsoperationen zu unterziehen; Piercings in allen nur erdenklichen Körperpartien; Ohrläppchen, die mithilfe von Dehnspiralen zu riesigen Löchern verwandelt werden; Tätowierungen jeglicher Art, Farbe und Größe bis hin zu „Hardcore“-Varianten wie dem Augapfel-Tattoo, bei dem mit einer Nadel Farbe in den Augapfel injiziert wird.

 

Nur das Image zählt

Die Gedankenwelt dahinter fasst die Gesundheitsberaterin des Bundesamts für Gesundheit der Schweiz, Ilona Kickbusch, zusammen: „Der Körper wird nur noch als bloßes Material gesehen, als Instrument zur Selbstdarstellung. Es zählt nicht mehr die Persönlichkeit, sondern nur noch das Image, das man der Welt präsentiert, und hier immer mehr das Body-Image.“

Diese Außenwirkung ist nicht nur innerhalb des direkten und persönlichen Freundeskreises ausschlaggebend, sondern auch in der für Teenager so zentralen Chat-Community. Dort ist die Selbstdarstellung mittels cooler Fotos inzwischen mindestens ebenso wichtig für die Anhäufung möglichst vieler Freunde wie die virtuose Beherrschung des jeweiligen Chat-Jargons.

 

Der „Clan“ bestimmt

Die Ziele, die mithilfe des eigenen Körpers verfolgt werden, stehen miteinander allerdings in einem Widerspruch. Auf der einen Seite unterwerfen sich Jugendliche einem vorgegebenen Ideal von Schönheit, das ihnen vor allem durch die Medien vermittelt wird. Auf der anderen Seite wird der Körper zunehmend Mittel, um sich von der Masse abzuheben und gegen bestehende Normen zu rebellieren. Was früher über „Aktion“ passierte, geschieht heute über „Image“.

Die Motivation hängt dabei von der Gruppe ab, der sich der jeweilige Jugendliche zurechnet. „Die Differenzierung erfolgt heute nicht mehr über die soziale Schicht, sondern über neue Clans“, sagt Kickbusch.

Viele dieser Trends, die mittlerweile auch in Europa angekommen sind, starteten in den USA. Nicht zuletzt der, dass das Zielpublikum für die Manipulation des eigenen Körpers immer jünger wird – vor allem in punkto Sucht nach Schönheit. Teenie-Serien, Girlie-Magazine und Sendungen wie „Germany's Next Topmodel“ zementieren diese Tendenz. Wer dort auftritt und nicht „perfekt“ ist, kommt meist nur in der Rolle des Trottels, des Kasperls oder des Verlierers vor.

„Wir sollen da keine Illusionen haben: In unserer Gesellschaft bekommen schöne Leute leichter eine Stelle, einen Partner und sind sozial besser akzeptiert“, sagt Kickbusch.

Die Gruppe der Jugendlichen, die danach streben, körperlich „perfekt“ zu sein, setzt die oft unmögliche Erreichung dieses Ziels mit Glück gleich. Und nachdem der Wunsch nach Glück altersunabhängig ist, hat bereits jedes zweite Mädchen im Alter von 13 oder 14 eine Diät und jede fünfte amerikanische College-Studentin eine Schönheitsoperation hinter sich. 60 Prozent amerikanischer Jugendlicher im Alter zwischen 16 und 24 können sich einen Eingriff vorstellen.

 

Jedes 5. Kind denkt an OP

In Deutschland wünscht sich jedes fünfte Kind zwischen neun und 14 später eine operationelle Verschönerung, zeigt eine Untersuchung der Deutschen Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft. Die Berührungsangst Jugendlicher mit Schönheitsoperationen sei deutlich kleiner geworden, meint auch der deutsche Psychologe Uwe Schönrade: „Eher vergleichbar mit einem neuen Haarschnitt.“

Eltern geraten bei diesem Thema oft in Argumentationsnotstand. Je mehr Mütter selbst auf der Suche nach der Idealfigur zwischen Diäten und Schönheitschirurgen pendeln, umso mehr saugen ihre Töchter diese Denkmuster bereits mit der Muttermilch auf – vorausgesetzt, sie bekommen noch welche. Denn wie Beate Wimmer-Puchinger, Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien, berichtet, verweigern manche Mütter ihren Babies bereits die Milch – aus Angst, diese könnte die Kinder dick machen. „Das Gefühl dafür, was ein normales, pummeliges Kindchen-Schema oder gesunden Babyspeck ausmacht, geht teilweise verloren“, sagt Wimmer-Puchinger. In den USA seien auch Mutter-Töchter-Paare keine Ausnahme, die gemeinsam zur Schönheits-OP gingen. Ebenso wenig wie der größere Busen zu Weihnachten oder die neue Nase zum College-Abschluss.

Betroffen sind allerdings nicht nur Mädchen. Immer mehr Burschen und junge Männer verfallen dem „Brad Pitt-Syndrom“ (Ilona Kickbusch) und orientieren sich am perfekten Sixpack-Body, der ihnen in Zeitschriften angetragen wird. Das Resultat: Zehn Prozent der Essstörungen treten mittlerweile bei jungen Männern auf, Anabolika und Steroide sind nicht mehr nur auf die Gruppe der Bodybuilder beschränkt, sondern dienen der „ganz normalen“ Korrektur des Körpers.

Die mittel- und langfristigen Konsequenzen dieses radikalen Umgangs mit dem eigenen Körper werden sich wohl erst in absehbarer Zukunft zeigen. Bereits jetzt aber malen Experten einige Teufelchen an die Wand. So steigt die Zahl der Entzündungen durch schlecht gemachte Piercings und Tätowierungen. Einige Schätzungen sprechen von 20 Prozent, die anschließend medizinische Aufmerksamkeit brauchen, andere von knapp einem Drittel. Die Spätfolgen extremer Eingriffe wie dem Augapfel-Tattoo ist – im wahrsten Sinn des Worts – völlig unabsehbar. Bereits jetzt nimmt in Europa die Debatte darüber zu, wer eigentlich für die medizinische Reparaturen dieser Abenteuer bezahlen sollte: Krankenkasse oder Kunde?

 

Spätfolgen lauern

Bei Schönheitsoperationen, die an Kundinnen ab 15 durchgeführt werden, drohen ebenfalls schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen, da der Organismus noch im Wachstum ist. Aber auch wer sich bereits mit 17 die Brust operieren lässt, sollte laut Wimmer-Puchinger zwei Dinge bedenken: Erstens, dass es später Schwierigkeiten beim Stillen geben könnte, und zweitens, dass man nie eine Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs wird machen können, weil die Röntgenstrahlen das Implantat nicht durchdringen. Zwar gebe es die teure Magnetresonanz, doch bleibe die Gefahr, dass Krebs später erkannt wird.

Aber wen interessiert schon, was später kommt? Sicher keinen Teen, dessen momentanes Lebensglück einzig und allein davon abhängt, entweder besonders schön oder besonders gruselig auszusehen.

ZUM THEMA

„Der gemachte Körper“ ist der Titel einer international besetzten Tagung, die am 27.und 28.November von der Stadt Wien im Wiener Rathaus veranstaltet wird. Untertitel: „Körperbild(er) zwischen Schlankheitswahn, Schönheitskult, Idealisierung und Natürlichkeit“

Im Mittelpunkt steht die von den Medien angespornte Suche nach dem perfekten Körper mit Hilfe von Diäten und Schönheitsoperationen. Ein wichtiges Element dabei sind die Auswirkungen auf die Jugend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2008)

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