»Eine Ritalin-Gesellschaft«

Psychopharmaka für Kinder boomen, die Klientel wird immer jünger. Besonders beliebt: ein Medikament für „schlimme Kinder“. Diagnose: ADHS.

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Im Jahr 2000 wurden in Österreich 8000 Psychopharmaka für Kinder zwischen fünf und acht Jahren verschrieben, 2007 war diese Zahl bereits doppelt so hoch. In Deutschland wird für Elf- bis 14-Jährige mehr Geld für Medikamente gegen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom) ausgegeben als für Erkältungsmittel. Was passiert da?

Heiner Keupp: In postmodernen Verhältnissen, wo beide Eltern vom Beruf bestimmt sind, niemand Zeit für das Kind hat, dieses mit den Medien groß wird, haben wir eine Wohlstandsvernachlässigung. Dazu kommt jetzt auch noch die Angst, den eigenen Job zu verlieren. Das trifft vor allem die Mittelschicht. Die fürchtet auch, dass die Kinder nicht gut auf den Weg gebracht werden. Und da wird dann mitunter auch eine Behandlung von ADHS mit dem Medikament Ritalin als der richtige Weg angesehen, damit die Kinder nicht mehr als Verlierer auf der Straße herumlaufen. Sie sind natürlich trotzdem Verlierer.

 

Was heißt das für die Kinder, wenn sie so früh mit Psychopharmaka gefüttert werden?

Für die Kinder kann das ein Stück Normalität sein. Sie kennen das ja zum Teil auch nicht anders. Das macht der Papa so, das macht die Mama so. Ich kenne auch Kinder, die nach der Ritalin-Behandlung sagen: Ich bin froh, dass ich jetzt nicht immer derjenige bin, der den Lehrer ärgert. Die Eltern sind froh, die Lehrer sind froh.

 

Aber ist ADHS wirklich so weit verbreitet?

ADHS ist eine Modediagnose und funktioniert nur deshalb so gut, weil Interessen dahinterstehen. Wenn die Eltern mit ihrem Kind erhebliche Probleme haben, weil es nie still sitzt, dann ist es ja wunderbar, wenn jemand kommt und sagt: Das ist eine Krankheit. Dann ist man nicht dafür verantwortlich, es gibt eine Medikation, das Ritalin. Es gibt eine Explosion bei Ritalin-Verschreibungen. Das ist sehr problematisch. Diese Kinder packen einfach die Anforderungen, die an sie gerichtet werden, noch nicht. Sei es in der Schule oder im Kindergarten.

 

Bekommen etwa auch schon Kindergartenkinder Ritalin?

Ja. Der große Zuwachs ist bei Schulkindern. Es gibt aber auch Vier- bis Fünfjährige, die in den Kindereinrichtungen unruhig sind. Dann wird diese Diagnose auch gestellt. Doch Zappelphilippe hat es schon immer gegeben. Die Frage sollte eher sein: Was muten wir Kindern in einem frühen Alter an Konzentration, an Leistungsbereitschaft, an Einordnungs- und Unterordnungsbereitschaft zu? Wenn Kinder das nicht leisten können, zeigt sich das in öffentlichen Einrichtungen. Und dass man dann so schnell mit diesen Diagnosen bei der Hand ist, zeugt von der Unfähigkeit der öffentlichen Instanzen. Die sind darauf nicht eingestellt und dafür nicht ausgebildet. Sie wollen gut funktionierende kleine Marionetten. Das sind aber unsere Kinder nicht. Die Eltern sind ja oft sehr beglückt, dass sie plötzlich ein braves Kind haben. Aber dafür bezahlt man einen hohen Preis.

 

Für die Eltern kann das aber doch wirklich eine große Erleichterung sein: eine Pille, kein Zeitaufwand und alles passt wieder.

Das wird auch deshalb nicht problematisiert, weil viele Erwachsene heute ja auch nicht mehr anders funktionieren. Zum Frühstück eine Dosis, um den Tag gut rumzubringen. In den USA bekommt die Hälfte der Kinder mit ihrem Frühstück auch gleich ein paar Pillen mit auf den Weg. Das ist eine Ritalin-Gesellschaft. Wo ein Problem auftaucht, fragt man nicht nach den Gründen und Ursachen. Das Problem wird mit Medikamenten stillgelegt.

 

Sind wir in Deutschland oder Österreich auch schon eine Ritalin-Gesellschaft?

Wir sind auf dem Weg dorthin, das ist ganz eindeutig. In die Erziehungsberatung in Deutschland, die in jedem Bezirk Niederlassungen hat, kommen inzwischen fast 33 Prozent der Kinder mit Verdacht auf oder vom Arzt bestätigten ADHS. Eine unglaubliche Zunahme.

 

Sehen Sie da eigentlich einen Zusammenhang mit der immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Situation?

Ja. Ökonomische Krisen, die die Eltern treffen, wirken sich ganz schnell auf die Kinder aus. Damit Kinder gut in die Welt kommen, brauchen sie aber die Erfahrung, dass sie mit ihrem Handeln etwas bewegen können. Verhaltensstörungen sind dann oft später der verzweifelte Versuch zu zeigen: Mich gibt's ja auch noch.

 

Haben Sie eine höhere Bereitschaft bei der Mittelschicht festgestellt, Kindern Psychopharmaka zu geben?

Das ist ja auch eine Geldfrage. Wenn Ihnen das der Arzt nicht verschreibt, dann müssen Sie es selbst finanzieren, und diese Dinge sind nicht ganz billig. Die Medikationen im Mittelschichtbereich sind deutlich höher als im Unterschichtbereich. Gleichzeitig geht die Mittelschicht aber auch leichter den Weg einer Kinderpsychotherapie. Das Bewusstsein, dass die Dinge schwieriger werden können, wenn man sie nicht an der Wurzel packt, ist in den gebildeten Schichten sicher höher.

 

Sind Buben stärker betroffen als Mädchen?

Bis zwölf, 13 Jahre haben Jungs mehr Probleme. In der Pubertät holen die Mädchen auf. Aber die Mädchen fallen seltener auf, weil sie ihre Probleme und Ängste still verarbeiten – oder nicht verarbeiten. Niemand kriegt was mit. Die Jungs sind laut, aggressiv, stehen dadurch sehr schnell im Zentrum der Problembearbeitung. Sie stören den Betrieb. Ein stilles Mädchen stört keinen Betrieb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2009)

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