Erziehung: "Schuldgefühl ist ein Markstein der moralischen Entwicklung"

Lang war sie verpönt, jetzt wendet sich das: Eine Studie der Universität Toronto sorgt für eine kleine Rehabilitation des Schuldgefühls bei der Erziehung von Kindern.

Die „gesunde“ Schuld fördert das soziale Verhalten von Kindern, besagt eine neue Langzeitstudie.
Die „gesunde“ Schuld fördert das soziale Verhalten von Kindern, besagt eine neue Langzeitstudie.
Die „gesunde“ Schuld fördert das soziale Verhalten von Kindern, besagt eine neue Langzeitstudie. – Getty Images

Für Mütter und Väter sind sie nie aus der Mode gekommen, bei der Erziehung waren sie aber lang verpönt: Schuldgefühle zu erzeugen oder zu verstärken galt als Methode aus der Mottenkiste, die in der Moderne nichts zu suchen hatte. Jetzt erleben diese aber eine kleine Rehabilitation, über die jüngst die „New York Times“ berichtete. Zwar ist das Thema fraglos differenziert zu betrachten, aber nicht alle Schuld ist schlecht, wie eine darin zitierte Langzeitstudie der Universität Toronto zur Entwicklung von Schuld bei Kindern aufzeigt. Für Studienautorin und Psychologin Tina Malti ist Schuld demnach eine Emotion, die dem Mitgefühl ähnelt, „und diese moralische Schuld zu entwickeln ist durchaus gesund und gut“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Sie hilft dem Kind, sich von Aggressionen und unsozialem Verhalten fernzuhalten.“

Allerdings sei es wichtig zu unterscheiden, ab welchem Alter Kinder was verstehen können, betont die Studienautorin. So weinen kleine Kinder vielleicht, wenn sie ein Spielzeug zerbrochen haben – allerdings fehlt ihnen im Vorschulalter noch das Verständnis, Dinge aus der Perspektive anderer zu betrachten. Ab dem sechsten Lebensjahr berichteten die meisten Kinder, sich schuldig zu fühlen, wenn sie andere Kinder angriffen, so die Studie. Das könne durchaus hilfreich sein, um andere Kinder zukünftig besser zu behandeln. „Wir haben einiges an wissenschaftlichen Beweisen, dass diese ,gesunde‘ Schuld das Sozialverhalten von Kindern fördert“, so die Psychologin, die in ihrer Studie 175 Kinder über sechs Jahre beobachtet hat.

Luise Hollerer, klinische Psychologin und Psychotherapeutin in Graz, betont, dass Kinder erst einmal alt genug sein müssen, um diese komplexen Emotionen überhaupt verstehen zu können. Danach sollte man Kinder im Lernprozess begleiten. „Dabei ist ein autoritatives Verhalten wichtig“, sagt Hollerer. Was bedeutet, nicht autoritär, aber auch nicht nachgiebig zu sein, sondern darauf zu achten, dass das Kind die Zusammenhänge verstehen könne. Wenn Kinder etwa das Spielzeug anderer kaputt machen, dann sollte man zunächst einmal sagen: „Das war jetzt nicht okay, wir klären das später“, um danach in Ruhe zu hinterfragen: „Was ist da passiert, wie geht's dir damit, und was könntest du tun, damit du und das betroffene Kind wieder glücklich seid?“, so Hollerer.

Nicht alles tolerieren

Wichtig sei, lösungsorientiert zu bleiben, aber eben auch das Kind die Verantwortung dafür übernehmen zu lassen, wenn es gegen soziale Regeln verstoßen habe. Alles zu tolerieren und schönreden zu wollen, um jede Form von Schuldgefühlen zu vermeiden, sei keine Lösung, so die Psychologin: „Es ist sicher besser, wenn Kinder begleitet in diese moralische Identität hineinwachsen und Hilfestellungen bekommen, ehe sie später beispielsweise in der Schule auf knallharte Gruppensituationen treffen.“

Wichtig ist es auch, Schuldgefühle nicht mit Scham zu verwechseln. Während das Gefühl der Schuld die innere Auseinandersetzung mit einer Situation betrifft, ist Scham das, was man vor einer äußeren Instanz empfindet – etwa anderen Familienmitgliedern oder einem Richter. Wobei sich die Grenzen nicht immer ganz klar ziehen lassen, wie Roy Richard Ginker, Professor Anthropology an der George-Washington-Universität, in der „New York Times“ betont: „Wir können uns durchaus auch in Abwesenheit eines Publikums allein dadurch beschämt fühlen, dass wir uns dieses vorstellen.“

Warum Scham nicht hilft

Sätze wie „Schäm dich!“ sind trotzdem wenig sinnvoll. „Beschämen hilft nicht“, sagt auch die Wiener Kinderpsychologin Theresia Herbst. „Denn beschämt zu werden führt zu einer Ohnmachtserfahrung, und viele neigen dazu, dann selbst Macht zu erlangen, um andere zu beschämen und sich ohnmächtig fühlen zu lassen.“

Was hilft also? Kinder müssen ein inneres Radar entwickeln, einen Wertkompass. Denn wenn der nicht da ist, helfen auch keine strengen Schuldzuweisungen von den Eltern: „Wer keine Schuldgefühle hat, dem mache ich auch keine“, sagt Herbst. „Das Schuldgefühl ist ein Markstein der moralischen Entwicklung, und Kinder lernen dieses unterschiedlich schnell. Schließlich sehen wir ja auch immer wieder Erwachsene, die gar kein Schuldgefühl und auch kein Gewissen haben.“ Wie wichtig es ist, diesen Unterschieden in den Persönlichkeiten der Kinder Rechnung zu tragen, betont auch Studienautorin Malti. Sie habe als klinische Psychologin sowohl mit Kindern gearbeitet, die einen völligen Mangel an Schuldgefühlen gezeigt hätten, als auch mit jenen, die sich durch fehlgeleitete Schuld für die Leiden anderer verantwortlich fühlten.

Kinder müssen also lernen zu unterscheiden, was wirklich in ihre Verantwortung fällt. „Wenn Eltern sich streiten, ist es wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass das nichts mit seinem Verhalten zu tun hat“, sagt Malti. Denn wenn das Kind sich darüber anhaltend sorge, könne das zu massiven Ängsten oder gar Depressionen führen.

Kinder lernen von Eltern

Auch die Sprache spielt dabei eine wichtige Rolle. Dem Kind nach Missgeschicken oder Zwischenfällen das Gefühl zu geben, mit ihm sei etwas nicht in Ordnung, ist wenig hilfreich; ihm Strategien in die Hand zu geben, wie die Dinge in Zukunft besser gelöst werden können, dagegen deutlich mehr.

Und dann ist da auch immer noch die Vorbildfunktion, durch die Kinder lernen, mit Schuld und Verantwortung umzugehen. „Der Spruch: ,Es hat keinen Sinn, Kinder zu erziehen, sie machen sowieso alles nach‘ stimmt zwar nicht immer, aber oft“, so Herbst. Was dann vielleicht wieder ein Grund für Schuldgefühle bei den Eltern sein kann – aber das ist ein anderes Thema.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2018)

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