Eltern, Teenager und der erste große Liebeskummer

Die erste Liebe ist besonders intensiv. Genauso stark erleben Teenager aber auch die erste Zurückweisung. Eltern können dafür sorgen, dass daraus keine Lebenskrise wird.

Eltern Teenager erste grosse
Schließen
Eltern Teenager erste grosse
Liebeskummer – (c) BilderBox

Mit 13 hatte Julia oft vor Aufregung rote Wangen und Herzklopfen. In ihrem Kopf: zwei kurze Sätze. Welcher davon stimmt, das wechselt ständig. Entscheidend ist, wohin das Pendel am Ende ausschlägt. Und ob bei der Mathe-Hausübung eine gerade oder eine ungerade Zahl herauskommt. Gerade bedeutet für Julia nämlich: Er liebt mich. Ungerade: Er liebt mich nicht.

Er, das ist Lukas, 14. Julia kennt ihn schon lange. Sie sitzen im Schulbus nebeneinander, gehen in dieselbe Klasse. Bei Projektarbeiten wählen Julia und Lukas immer das gleiche Thema, damit sie in einer Gruppe zusammenarbeiten können. Am Nachmittag gehen sie oft zusammen Billard spielen oder ins Kino. Kurz gesagt: Julia und Lukas sind richtig gute Freunde. Dann will Julia mehr. Aber Lukas nicht. Damit beginnen für Julia harte Zeiten. „Mit 13 kann man sich da extrem reinsteigern“, erzählt die inzwischen 16-Jährige. „Es hat sehr weh getan.“

„Beim ersten Mal erlebt man alles besonders intensiv“, sagt Birgit Maurer, Psychologin und Gründerin der Wiener Liebeskummer-Praxis. „Die erste Konfrontation mit der Liebe hebt jeden komplett aus der Spur.“ Wer Glück in der Liebe hat, schwebt auf Wolke sieben. Wer zurückgewiesen wird, fällt in ein tiefes Loch. „Für Teenager ist das besonders heftig“, weiß Maurer. „Der erste Kuss ist wie ein Feuerwerk. Und wenn er nicht wie erhofft passiert, löst das ebenso starke Gefühle aus.“ Aber in die andere Richtung.

„Junge Menschen mit Liebeskummer können unglaublich enttäuscht sein. Da brauchen sie unbedingt jemanden, der ihnen hilft.“ Das können zum Beispiel die Eltern sein. Wenn sie dabei richtig agieren, leisten sie einen entscheidenden Beitrag, das gebrochene junge Herz wieder zusammenzuflicken. Wer Fehler macht, verstärkt das Problem. Dann kann aus dem Liebesdrama eine Lebenskrise werden.


Salz in die Wunden. Liebesthemen sind schwierige Themen. Vor allem bei Teenagern. Bevor sich Mama und Papa auf dieses heikle Terrain begeben können, müssen sie überhaupt einmal wissen, dass ihr Kind Liebeskummer hat. „Ab elf, zwölf Jahren ist damit zu rechnen“, sagt Belinda Mikosz, Leiterin des Psychologischen Dienstes der MAG ELF. Die Anzeichen für Liebeskummer können vielfältig sein. Typisch sind Verschlossenheit, Inaktivität, schlechte Laune und Reizbarkeit. Extremes Essverhalten – Heißhunger oder radikale Diät – ist ebenfalls eine mögliche Begleiterscheinung, vor allem bei Mädchen. Auch schlechte Schulnoten und veränderte Outfits können den Eltern signalisieren, dass hier jemand unter akutem Liebeskummer leidet.

Und dann? „Gesprächsbereitschaft signalisieren, ohne zu viel nachzubohren“, rät Mikosz. „Sich Zeit für die Kinder nehmen. Etwas mit ihnen unternehmen, das Spaß macht, und ihnen hilft, sich abzulenken.“ Und: Einfach nett sein, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Die Kinder befinden sich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Ihr Selbstbewusstsein ist angeschlagen. Sie sind wütend, frustriert, fühlen sich hilflos. Da fällt es nicht immer leicht, den Erwartungen der Erwachsenen zu entsprechen. Wenn Eltern genau das einfordern, kann es zur Eskalation kommen. Dann haben viele Jugendlichen das Gefühl, dass sich die ganze Welt gegen sie verschworen hat.


„Der war eh nichts für dich.“ Auch altersweise Ratschläge kommen nicht gut an. „Teenager mit Liebeskummer wollen sich mitteilen und ihr Herz ausschütten. Sie brauchen jemanden, der zuhört, und keine Belehrungen“, betont Mikosz. Wichtig sei auch, dass die Eltern das Thema ernst nehmen und ihm die große Bedeutung zugestehen, die es für den Nachwuchs hat. Ganz falsch seien Sätze wie: „Was brauchst du schon verliebt sein?“ Oder: „Der war eh nichts für dich.“ Und vor allem: „Schau lieber, dass du bessere Schulnoten bekommst.“ „Solche Aussagen tun den Jugendlichen in dieser Lage richtig weh“, weiß Mikosz auch aus ihrer Arbeit mit Teenagern, die sich unter www.talkbox.at an sie wenden. Thema Nummer eins bei der Online-Jugendberatungsstelle: Liebeskummer.

Einen festen Partner, dem ich vertrauen kann. Das wünschen sich laut der aktuellen tfactory-Trendstudie Timescout fast 70 Prozent der Elf- bis 19-Jährigen. „Teenager leben heute in einer Gesellschaft, die immer weniger Stabilität bietet. Umso mehr versprechen sie sich von einer Beziehung Sicherheit“, sagt Michael Schaefberger, Geschäftsführer vontfactoryÖsterreich. Eine feste Beziehung in jungen Jahren, das ist immer mehr in. Die Folge: Gruppendruck. So wie bei Julia. Rückblickend weiß sie: „Mir ist es damals weniger um Lukas gegangen als darum, endlich einen Freund zu haben. Fast alle Mädchen in meiner Klasse hatten einen Freund. Nur ich nicht.“ Das nagt am Selbstbewusstsein. Und wirft unangenehme Fragen auf: Was haben alle anderen, was ich nicht habe? Was stimmt nicht mit mir?

Julia war verzweifelt. Und sah nur einen Ausweg: „Vielleicht will mich einer, wenn ich ganz dünn bin.“ In kurzer Zeit nahm sie zehn Kilo ab. Mit 14 Jahren war sie 160 cm groß und 44 Kilo leicht. „Da sind mir richtig die Schulterknochen rausgestanden.“ Freunde, Eltern und Verwandte haben sie aufgebaut, abgelenkt – und ihr aus der Krise geholfen. „Wenn man Spaß hat, lernt man auch, sich wieder selbst zu gefallen. Und spürt, dass es nicht das Ende der Welt ist, wenn man einmal Pech in der Liebe hat“, meint Julia. Anfang März feiert sie ein besonderes Jubiläum: Sie ist jetzt seit eineinhalb Jahren mit Paul zusammen. Ob er sie liebt? „Na, das will ich schon hoffen“, meint sie lachend. Die schwierige Zeit mit Lukas und dem Liebeskummer möchte sie aber nicht missen. „Das hat mich geprägt.“ „Liebeskummer lohnt sich“, meint Birgit Maurer sogar. „Krisen sind wichtig für die Entwicklung und stärken die Persönlichkeit. Und Liebeskummer ist eine der massivsten möglichen Krisen.“

Hilfe bei Liebeskummer

www.talkbox.at

www.liebeskummerpraxis.at

www.firstlove.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2010)

Kommentar zu Artikel:

Eltern, Teenager und der erste große Liebeskummer

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen