Ein Kind als Hemmschuh: Männer im "Zeugungsstreik"

Junge Männer wollen immer seltener Nachwuchs. Dabei gibt es Gründe, warum viele in den "Zeugungsstreik" treten: Aus Angst vor Nachteilen im Job oder weniger Zeit für sich selbst und ihre persönliche Entfaltung.

(c) FABRY Clemens

„Ich will keine Kinder, weil ich keine Lust habe, mein Leben aufzugeben. Ich mache viel Sport, arbeite 60 Stunden und gehe viel fort. Wenn ich ein Kind hätte, gäbe es nur noch das Kind und die Arbeit“, sagt Robert M. „Das ist vielleicht egoistisch, aber das ist mir egal.“ Früher war das nicht so. Anfang 20 hätte er vielleicht seiner damaligen Freundin zuliebe einem Kind zugestimmt. „Das wäre aber nicht richtig gewesen. Ich habe auch nicht den Wunsch, mich fortzupflanzen“, meint der 37-Jährige, der seit neun Jahren wieder liiert ist.

So wie Robert M. denken heute immer mehr junge Männer. Nachwuchs wird zunehmend als Hemmschuh für die persönliche Entfaltung gesehen. Eine Verweigerung, die in den Medien – analog zum „Gebärstreik“ bei Frauen – gerne mit dem Begriff „Zeugungsstreik“ belegt wird. „In der Wissenschaft verwendet man dieses Wort nicht“, sagt Psychoanalytiker und Männerforscher Erich Lehner. Aber ja, es gebe durchaus Gründe, warum junge Männer zunehmend keinen Nachwuchs haben wollen.

Allerdings, so der Experte, müsse man Studien und Umfragen, die dieses Ergebnis bringen, genauer anschauen: „Wenn Männer um die 20 das sagen, heißt das nicht, dass sie grundsätzlich keine Kinder wollen , sondern nur im Moment nicht.“ Gerade für junge Männer sei es wichtiger, erst einmal stabile Verhältnisse herzustellen – also eine stabile Beziehung, einen fixen Job.

Dass Männer keinen Nachwuchs haben wollen, weil sie Nachteile im Job befürchten oder Angst haben, ihre Freiheit zu verlieren, das gebe es zwar auch, doch sei das zu eindimensional gedacht. „Die Berufsorientierung ist natürlich ein fixer Bestandteil der männlichen Identität“, so Lehner. „Doch Arbeit bedeutet für Männer nicht nur Geld verdienen und Wohlstand, sondern ist auch konnotiert mit der Familie.“

Und zugunsten der Familie seien Männer auch durchaus bereit, die eine oder andere Einbuße hinzunehmen. „In einer neuen Studie können wir empirisch belegen, dass es unter Männern eine absolute Bereitschaft gibt, einen finanziellen Verzicht auf sich zu nehmen“, so der Männerforscher.


Existenzminimum. Ein Ergebnis, das Alexander H. so nicht unterschreiben kann. Der 40-Jährige hat zwar, ebenso wie seine Lebensgefährtin, einen Kinderwunsch – es scheitert aber schlicht am Geld. „Wir leben beide am Existenzminimum mit rund 1200 Euro pro Kopf und haben keinen familiären Rückhalt“, sagt der Grazer. Die Haushaltskasse reiche gerade für zwei, unerwartete Ausgaben gehen sich da nur schwer aus. „Die Kaufkraft der Einkommen sinkt jährlich. Und wir sind auch mit dem Bildungssystem, inklusive Zwangskindergarten, unzufrieden“, sagt H.

Abgesehen von finanzieller Unterstützung – wie könnte man Männer stärker motivieren, Kinder zu zeugen und sich um sie zu kümmern? Hier sind laut Lehner Projekte nötig, die nicht nur Männer darin bestärken, in Karenz zu gehen, sondern auch Betriebe. Karenzmanagement sei hier das Zauberwort– die Betroffenen und ihre Arbeitgeber planen gemeinsam, wie es am besten geht.

Insgesamt sollten sich Männer aber nicht allzu stark in die Verliererrolle gedrängt sehen. „Denn würden die Frauen ähnlich stark wie die Männer abwägen, welche Nachteile sie im Job durch ein Kind haben“, meint Lehner, „dann hätten wir eine Geburtenrate von null.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2010)

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