Wissenschaftliche "Parallelkarrieren" als Chance

Wenn Wissenschaft immer öfter zur Halbtagsbeschäftigung wird, könnte eine Lösung im „Cross-Employment“ liegen.

Die Joanneum-Research-Studie zu „Nutzen und Effekte der Grundlagenforschung“ (siehe oben) wirft die Frage auf, inwiefern sich wissenschaftliches Arbeiten an Österreichs Unis zunehmend in Richtung universitärer „Halbtagsbeschäftigung“ hin entwickelt. Wie lässt sich diese Studie mit anderen Befunden verknüpfen? Vor wenigen Jahren führte das Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung (iff-Fakultät, Uni Klagenfurt) eine empirische Befragung unter WissenschaftlerInnen und DoktorandInnen an Österreichs Universitäten durch, die sich den Rollenmodellen des Doktoratsstudiums widmete. Die Studie ist in der Zwischenzeit öffentlich zugänglich, es ist davon auszugehen, dass viele der Befunde noch immer zutreffen.

Die Karriereabsichten und Studienmotive der DoktorandInnen sind vielschichtig. In Abhängigkeit von der Disziplin gaben 27 bis 38Prozent der befragten WissenschaftlerInnen an, dass DoktorandInnen eine wissenschaftliche Karriere an einer Hochschule anstreben. Bei den DoktorandInnen selbst lag dieser Wert zwischen 17 und 31Prozent. Da es neben der wissenschaftlichen Hochschulkarriere auch noch andere Wissenschaftskarrieren gibt (etwa im außeruniversitären Bereich oder im Ausland bzw. eine Forschungskarriere in der Wirtschaft), lässt die iff-Studie folgende These zu: Zusammengefasst, über alle Disziplinen, streben zumindest 60Prozent der DoktorandInnen an Österreichs Unis in der einen oder anderen Form eine wissenschaftliche Karriere an.

Das Interesse an einer wissenschaftlichen Karriere scheint damit unter Österreichs DoktorandInnen nach wie vor groß zu sein. Es stellt sich die Frage (auch Forschungsfrage), inwieweit sich hier ein neuer Typ von WissenschaftlerIn herausbildet oder herausbilden müsste. Ist Beschäftigung an einer Universität zunehmend Halbtagsbeschäftigung, so könnte eine Antwort im „Cross-Employment“ liegen. Das heißt, es werden komplementäre Beschäftigungen mit mehreren Organisationen angestrebt. Der Wissenschaftler, die Wissenschaftlerin, würde in einer netzwerkartigen Logik gleichzeitig mehrere Beschäftigungsformen mit universitären (und nichtuniversitären) Institutionen eingehen und quasi „Parallelkarrieren“ innerhalb und außerhalb der Wissenschaften zeitgleich verfolgen. Im Kompetenzprofil hieße das, wissenschaftliche Kompetenzen mit Anwendungskompetenzen zu integrieren.

Entsteht da ein neuer Typ von wissenschaftlicher Gesamtkarriere und „Academic Professional“, und unterstützt das die Wissenschaftsbasierung der Wissensgesellschaft? Cross-Employment ist natürlich nicht die einzig mögliche Antwort und Lösung aller Probleme. Gefordert sind jedoch flexible universitäre Strukturen sowie Flexibilität im gesellschaftlichen Umfeld, der Wirtschaft sowie der gesetzlichen Rahmenbedingungen, um das wissenschaftsbasierte Innovationspotenzial von „cross-employed“ WissenschaftlerInnen voll zur Entfaltung bringen zu können. Bewegen wir uns da in Richtung nichtlinearer, also paralleler Innovation? Hochschulpolitische Diskurse sollten dieses Thema stärker aufgreifen.
Die iff-Studie finden Sie hier als PDF-Dokument.

 

E-Mails an: bildung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2011)

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