BG/BRG/SRG Innsbruck
„Kulturen müssen vermischt werden!“

Buddys, Streitschlichter, gemeinsame Abenteuer – das ist ein Anfang.

(c) AP (Jockel Finck)

Kulturen müssen vermischt werden“, sagt Mohammed Fahad, Betreiber eines Jugendlokals in Innsbruck. Sein Ziel war es, mit seinem Lokal die verschiedenen Kulturen zusammenzuführen, und das Zusammensein von „Einheimischen“ und „Ausländern“ funktioniert dort einwandfrei.

Bei uns in der Schule gibt es Klassen, in denen die muslimischen Schüler so gut integriert sind, dass sie gar nicht auffallen. Auch der Direktor sieht in den Muslimen keine Problemgruppe. Allerdings muss man bedenken, dass es nur wenige Muslime bei uns gibt. Daher sind die Rahmenbedingungen gut, noch dazu, weil die meisten der Muslime schon der zweiten Generation in Österreich angehören.

Das heißt aber nicht, dass es keine Probleme gibt.

Die muslimischen Schüler haben untereinander einen sehr starken Zusammenhalt. Man sieht sie immer beieinander stehen. Beim Buffet, im Hof und vor dem Eingang. Sie bleiben unter sich, kein anderer stellt sich dazu. Man hat das Gefühl, man ist nicht erwünscht. Das wird dadurch verstärkt, dass die Muslime untereinander Türkisch sprechen. Dieses Verhalten zeigt kein großes Interesse an Integration.

Wenn die Muslime aber einzeln unterwegs sind, mischen sie sich unter die Leute, bemühen sich nicht aufzufallen, sprechen natürlich Deutsch, sind aufgeschlossener und wirken viel sympathischer.


Sonst kommt der große Bruder

Muslimische Schüler haben grundsätzlich ein anderes Freizeitverhalten. Sie gehen in andere Lokale, trinken keinen Alkohol und gehen auch mit Mädchen anders um. Das macht ein Miteinander oft schwierig.

Wenn die Kleinen mit zehn Jahren an unsere Schule kommen, sind kulturelle Unterschiede noch nicht sehr ausgeprägt – abgesehen davon, dass jeder weiß, man darf muslimische Mädchen nicht ärgern, sonst holen sie ihre großen Brüder, und das kann schlimm werden. Im Lauf der Zeit verstärken sich jedoch die Differenzen. Allerdings liegt darin auch die Chance gegenzusteuern, z.B. gleich am Anfang den kleinen Mädchen beizubringen, dass sie ihre Probleme selber lösen können.

Wie das geht, vermitteln den Kindern sogenannte „Buddys“, das sind ältere Schülerinnen und Schüler, die sie betreuen und ihnen bei ihren Schwierigkeiten helfen. Außerdem gibt es bei uns das sogenannte „Soziale Lernen“, bei manchen Schülern zwar gar nicht beliebt, wenn man schon wieder über die Klassengemeinschaft reden muss und gemeinschaftsfördernde Spiele spielt, und das am Nachmittag, in der Freizeit. Aber die Mehrheit der Schüler ist überzeugt, dass das über Jahre hinweg sehr viel bringt.

Wenn es doch einmal zu gröberen Konflikten kommt, vor allem zwischen Schülern aus verschiedenen Klassen, haben wir noch Mediatoren – speziell als Streitschlichter ausgebildete Schülerinnen und Schüler.

In unserer Klasse ist eine Methode zu Förderung der Integration besonders beliebt: gemeinsam wegfahren und etwas miteinander unternehmen. Natürlich kann man auch im Unterricht in den einzelnen Fächern sehr viel lernen, für dieses Projekt etwa über den Einfluss der muslimischen Kultur auf die Entwicklung des Abendlandes oder die Bedeutung der Türkei für die EU. Wenn man weg ist von zu Hause, aus dem Alltag, lernt man den anderen auch ganz anders kennen.

Unsere Befragungen (Interviews von Klassenvorständen, Fragebögen an alle Klassen) zeigen noch eine andere Seite: Viele unserer Muslime schätzen sich zwar als integriert, aber klar benachteiligt ein. Das heißt, wir sind noch meilenweit von tatsächlicher Akzeptanz und Chancengleichheit entfernt. Wir stehen erst am Anfang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2008)

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