Ein (Verfassungs-)Recht auf Talenteförderung?

Andreas Salcher reformiert mit seinem neuen Buch wieder einmal das heimische Bildungswesen. Am meisten geprügelt werden dabei Politik(er) und Lehrergewerkschaft. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer.

VerfassungsRecht Talentefoerderung
VerfassungsRecht Talentefoerderung
(c) Clemens Fabry

Es ist ein Virus, schreibt Andreas Salcher, an dem das österreichische Schulsystem krankt. Die „tödliche Schule“, so nennt Salcher dieses Virus, fördere Angst und Langeweile. Es ersticke die Neugier der Kinder im Keim, lasse die Freude der Lehrer an ihrem Beruf schleichend absterben. So lange schon, dass sich viele eine andere, bessere Schule gar nicht mehr vorstellen können. Das will Andreas Salcher ändern.
Mit seinem neuen Buch „Nie mehr Schule“ zieht Salcher einmal mehr aus, das heimische Bildungswesen zu reformieren. Seit 2008 („Der talentierte Schüler und seine Feinde“) produziert der ehemalige Schülerombudsmann des „Kurier“ Bücher zu Bildungsthemen. Er reiht sich damit ein in eine ganze Liste an Bildungswissenschaftlern und (selbsternannten) Experten, die die Mängel der heimischen Schule monieren. Und Salcher, studierter Betriebswirt und Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule für Hochbegabte, verkauft sich gut.
Er war es, der im Frühjahr die Debatte um einen späteren Schulbeginn vom Zaun brach – die über Tage hinweg quer durch alle Medien rezipiert wurde. Denn eines muss man Salcher, bei aller Kritik an seinem bisweilen marktschreierischen Stil, lassen: Er stochert stets zielsicher in den Wunden des heimischen Bildungssystems. In seinem neuen Buch, das – wie könnte es anders sein – pünktlich zu Schulbeginn erscheint, sind es derer viele. Kaum ein Akteur bleibt in dem Werk, das als „Diagnose“ des erkrankten Systems (Salcher) daherkommt, von Kritik verschont.

Eine Schule, die so tut „als ob“


Die tödliche Schule, so Salcher, sei eine Schule des „als ob“: Politiker würden so tun, als ob ihre Reformen im Klassenzimmer ankämen, Gewerkschafter so, als ob es ihnen um die besten Lehrer ginge, Eltern so, als ob sie nicht wüssten, wozu ihre Kinder fähig seien und überhaupt würden alle so tun, als ginge es ihnen um das Wohl des Kindes. „Die tödliche Schule“, so Salcher, „will ausweichen statt begegnen, ignorieren statt konfrontieren, vortäuschen statt aufklären (. . .) Sie ist einfach verlogen und dies verhindert alles.“
Am meisten prügelt Salcher dabei die Politik(er) und die Lehrergewerkschaft. Es sind deren „größte Lügen“ (und jene der Allgemeinheit), die einen nicht unwesentlichen Teil des Buchs ausmachen und die Salcher systematisch dekonstruiert: Dass unser Schulsystem nur schlecht geredet werde, dass es (noch) mehr Geld brauche, dass die Lehrer überbelastet seien, dass uns allen Bildung ach so wichtig sei und überhaupt: Dass ab jetzt eh alles besser werde.
An dieses (politische) Versprechen glaubt Salcher am wenigsten. Denn: Wie eine Schule aussehen müsste, die sich an den individuellen Bedürfnissen der Schüler orientiert, sei hinlänglich bekannt – und dennoch ist sie kaum je Wirklichkeit. „Die Verantwortlichen (. . .) klammern sich wider besseres Wissen am Alten fest“, schreibt Salcher. In der Schule würden die Langsamen über die Schnellen herrschen. „Und da sich die Langsamen überhaupt nicht bewegen, wird der Stillstand zur dominierenden Bewegungsart.“
Katastrophal sei das heimische Bildungssystem zwar (noch) nicht. Die (bereits unzählige Male von unterschiedlichster Seite vernommene) Warnung Salchers: „Wenn nicht eine grundlegende Reform gelingt, dann wird sich der Abstieg unseres öffentlichen Schulsystems fortsetzen.“ Denn herausragend sei es vor allem in drei Punkten: bei den Kosten, bei der sozialen Diskriminierung von Migranten und bildungsfernen Schülern – und natürlich beim Entdecken von Schwächen anstelle von Talenten. Eine Forderung Salchers daher: „Ein Prinzip (. . .), das wir in unsere Verfassung schreiben und damit von jedem Bürger einklagbar machen sollten: Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Talente maximal gefördert werden.“
Wer ob Salchers Diagnose zu verzweifeln droht, dem bietet der Autor doch noch einen Hoffnungsschimmer an. Denn mit „Nie mehr Schule“ kommt ein zweiter Teil: „Immer mehr Freude“, so der Titel dieses Buchs im Buch, sei – in Salchers Worten – „der Weg der Therapie und der Heilung“. Anhand von erfolgreichen heimischen (etwa dem kooperativen Lernprojekt COOL) und internationalen Beispielen konstatiert Salcher schließlich: Lebendige Schulen seien (doch) möglich – wenn man einige „Wahrheiten“ berücksichtige: Gegenseitige Wertschätzung etwa statt Streben nach Perfektion, flexible Zeiteinteilung, Rücksicht auf den Bewegungsdrang der Kinder, flexible Zeit- und Fächereinteilung, Lehrerteams oder begeisterungsfähige und autonome Schulleiter.

Irgendwann kommt die Wende


Irgendwann, so Salcher auf den letzten Seiten, werde es zu einer 180-Grad-Wende kommen. Schüler, Eltern und eine neue Lehrergeneration würden sich, so Salcher, die „Mangelwirtschaft“ nicht ewig gefallen lassen. Irgendwann gehe außerdem das Geld aus, und das System müsse zwingend effizienter werden. Und: Der technologische Fortschritt werde letztlich „Tafel, Kreide und mittelalterliche Pädagogik hinwegfegen“. Doch: „Der notwendige Bildungssprung wird sicher nicht von den Bildungsministerien ausgehen.“ Denn Innovation bedürfe stets eines Außenseiters. Und hier schließt sich der Kreis – zu Andreas Salcher.

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