E-Mails, Aktivismus: Lehrer rüsten für den Widerstand

Unterricht auf offener Straße, tausende E-Mails an jeden Parlamentarier - und Dienst nach Vorschrift: Die Lehrer kündigten am Donnerstag kreative Kampfmaßnahmen gegen das geplante Dienstrecht an.

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(c) Stanislav Jenis

Wien. An Kreativität fehlt es den Lehrern nicht: „Wir sollten den Unterricht auf die Straße verlegen“, lautete ein Vorschlag. „Die Leitungen ins Unterrichtsministerium sollen gekappt und keine Infos mehr weitergeleitet werden“, ein anderer. Die Lehrer an der HTL Rennweg im dritten Wiener Gemeindebezirk haben einiges an Ideen, wie sie ihrem Protest gegen das neue Dienstrecht Ausdruck verleihen könnten. Sie haben gestern wie alle anderen Lehrer an Gymnasien und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) in mehrstündigen Versammlungen gegen das geplante Lehrerdienstrecht protestiert.

Auch am nahen Gymnasium in der Kundmanngasse wird im gut gefüllten Konferenzzimmer an aktionistischen Gedanken gefeilt – dass etwa alle Pädagogen zwei Tage lang ein Fach unterrichten, für das sie nicht ausgebildet sind. Eines ist klar: Zufrieden mit dem Entwurf der Regierung ist niemand. Bereit für einen Streik wären alle. Entscheidend sind die kommenden zehn Tage. Die Regierung will das umstrittene Gesetz nämlich bereits am 17.Dezember durch den Nationalrat bringen. „Die Presse“ hat sich angesehen, wie es nun weitergehen wird.


•Streik.Was einen Streik betrifft, wollen sich die Lehrer nicht in die Karten schauen lassen. Möglich wäre, dass sie noch vor dem 17.Dezember die Arbeit niederlegen. Organisatorisch wäre das kein Problem, heißt es aus der Gewerkschaft. Doch Streik sei immer noch das letzte Mittel, betonen sowohl die Gewerkschafter als auch die Lehrer in den Schulen. Ein Grund: Man will die breite Öffentlichkeit, die ohnehin wieder heftig über die Lehrerarbeit diskutiert, ungern weiter gegen sich aufbringen. Auch, wenn Eltern- und Schülervertreter, zumindest an den höheren Schulen, Verständnis signalisiert haben, setzen die Lehrer vorerst auf andere Methoden.


•Druck auf Parlamentarier. Die Lehrer wollen die einzelnen Parlamentarier davon überzeugen, dass sie dem Dienstrecht nicht zustimmen sollen. Sie wollen tausende E-Mails an jeden der 183 Abgeordneten schicken. Mehr noch: Die Gewerkschaft droht damit, vor der nächsten Wahl alle Lehrer im Detail darüber zu informieren, wer im Nationalrat für und wer gegen das Gesetz gestimmt hat. Tatsächlich gibt es selbst innerhalb der Regierungsparteien schon jetzt Parlamentarier, die ankündigen, mit Nein zu stimmen.


•Kreativer Protest. Auch ausgefallene Kampfmaßnahmen stehen im Raum. Da wäre einmal der Dienst nach Vorschrift – Ausflüge, Projekte oder Förderstunden wären damit abgeblasen. Lehrer könnten den Unterricht auch auf die Straße verlegen und so zeigen, welch wertvolle Arbeit sie leisten. Schon gestern haben Lehrer in Graz öffentlich in der Altstadt Hausübungen korrigiert, in Salzburg wurde demonstriert. Eine andere Idee: Die Lehrer unterrichten eine Zeit lang ein Fach, das sie gar nicht studiert haben; mit dem neuen Dienstrecht soll das nämlich möglich werden. Und zeigen den Eltern ihrer Schüler damit die Gefahren des Dienstrechts. Das ist ohnehin das vorrangige Ziel der Lehrer: Sie wollen die – ihrer Meinung nach falsch informierte – Öffentlichkeit auf ihre Seite ziehen.


•Was die Regierung tun kann. Allzu viel Bewegungsspielraum hat sie nicht. Mit den jüngsten Äußerungen – an den Eckpunkten des Dienstrechts werde nicht gerüttelt – hat sich Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) eingemauert. Absehbar sind Nachbesserungen in zwei Punkten: Die Unterrichtsverpflichtung für Hauptfächer könnte um zwei Stunden heruntergefahren werden. Diesen Vorschlag hat die Regierung bereits einmal ins Spiel gebracht. Zudem könnte man den Lehrern entgegenkommen, was die Qualifikation der künftigen Lehrer betrifft: Eine fixe Anstellung soll es ausschließlich für jene geben, die ein Masterstudium abgeschlossen haben. Derzeit ist die entsprechende Passage im Gesetz recht schwammig formuliert.


•Nachwehen. Sollte das Gesetz am 17.Dezember ohne Änderungen beschlossen werden, dürfte der Protest der Lehrervertreter auf unbestimmte Zeit weitergehen. Immerhin liegen zwischen Beschluss und Umsetzung des Dienstrechts noch mindestens fünf Jahre.

Weitere Infos: www.diepresse.com/bildung

AUF EINEN BLICK

Das neue Dienstrecht

sieht eine Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung auf 24 Wochenstunden und höhere Anfangsgehälter samt einer späteren Verflachung der Gehaltskurve vor. Dazu kommen unter anderem eine Pflicht zur Fortbildung für alle Lehrer außerhalb der Unterrichtszeit und eine Neugestaltung des Berufseinstiegs.

Ab nächstem Herbstkönnen Neueinsteiger zwischen altem und neuem Dienstrecht – so es beschlossen wird – wählen. Verpflichtend gelten soll es nur für Lehrer, die ab 2019 zu unterrichten beginnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2013)

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