Lehrer: Kleidung als versteckte Botschaft an die Schüler

Es gibt keine klaren Regeln, wie sich Pädagogen zu kleiden haben. Was es gibt, sind „Grundregeln des Anstands“. Dabei geht es beim Thema Kleidung auch um Respekt, Autorität und Vorbildwirkung.

(c) FABRY Clemens

Es gibt Berufsgruppen, die es in ästhetischen Belangen leicht haben: Piloten etwa oder Kellner, aber auch Ärzte. Lehrer zählen nicht dazu. Denn während Piloten, Kellner und Ärzte in der Regel Berufskleidung tragen, stellt sich für Lehrer tagtäglich die Frage: Was anziehen?

Eine Frage, die auf den ersten Blick trivial scheint. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass Lehrer täglich stundenlang von kritischen Schüleraugen beobachtet und begutachtet werden. Da wird die Kleidung schnell zu „einer Form der Inzenierung“, wie es Erziehungswissenschaftlerin Tina Hascher im Gespräch mit der „Presse“ nennt. Lehrer drücken mit ihrer Kleidung etwas aus, sie vermitteln ein bestimmtes Bild, und sie leben den Kindern etwas vor. Sie begleiten die Schüler in ihrem Alltag – und zwar meist vom sechsten bis zum 18.Lebensjahr. Auf den Punkt gebracht: Lehrer haben eine Vorbildfunktion.

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Doch: Was bedeutet das? Wie soll sich eine Lehrerin bzw. ein Lehrer nun tatsächlich anziehen? Grundsätzlich ist das deren freie Entscheidung. Als Beamte sollten sie lediglich darauf achten, dass ihr Kleidungsstil nicht dem Ansehen der Berufsgruppe schadet. Alles andere unterliegt den „Grundregeln des Anstands und des guten Benehmens“, wie es Lehrervertreter Paul Kimberger beschreibt.

Und zum Anstand gehört vor allem eines: ein gepflegtes Aussehen. Das beginnt bei gewaschenen Haaren, geht über saubere Fingernägel bis hin zu Kleidern ohne Löcher. So beschreibt es Thomas Schäfer-Elmayer. Was den Kleidungsstil betrifft, gesteht aber auch er ein: „Es gibt keine klare Norm.“

Bloß nicht zu freizügig

Was es gibt, sind Grundregeln, an die man sich halten sollte: Die Kleidung darf nicht zu freizügig sein. Keine zu engen Hosen für Männer, auch keine Muskelshirts. Keine Miniröcke für Frauen, keine T-Shirts, bei denen Bauch und Rücken rausblitzen, sobald die Pädagogin auf die Tafel schreibt, und auch kein tiefer Ausschnitt. Die Kleidung sollte frei von „allen sexuellen und erotischen Spielmöglichkeiten sein“, sagt Hascher. Ihren Studenten bringe sie das stets anhand eines drastischen Beispiels näher: „Sowohl der Lehrer als auch der Schüler haben das Recht, nicht die Unterwäsche des jeweils anderen zu sehen.“

Sich so wenig aufreizend wie möglich zu kleiden ist aber keineswegs ein Freibrief für den Schlabberlook. Das Ganze hat auch mit einem gewissen Respekt den Schülern gegenüber zu tun. Und auch die Eltern dürfen sich eine gut gekleidete Lehrperson erwarten. Auf die Kleidung Wert zu legen nützt auch dem Lehrer selbst. Denn auch so können Seriosität und Respekt vermittelt werden.

Das ist vor allem für Junglehrer entscheidend. Sie können sich mit der passenden Kleidung besser von den Schülern, die oft nur wenige Jahre jünger sind, abheben. Genauso wie ein junger Lehrer darauf achten soll, nicht dieselben umgangssprachlichen Ausdrücke wie seine Schüler zu verwenden, soll er sich auch Gedanken über seine Kleidung machen. „Ein Lehrer muss nicht mit allen Trends gehen. Sich an den Vorlieben der Klasse zu orientieren wäre sogar der falsche Schritt“, sagt Hascher. Kleidung ist also auch ein Statement. Und die Frage danach, was ein Lehrer anziehen soll bzw. darf, ist keine rein oberflächliche.

Kein Aus für Jogginghosen

Bleibt die Frage, ob in der Schule auch ausgefallene Geschmäcker ihren Platz haben? Das haben sie nur selten. Und so sorgen einzelne Fälle, wie etwa jener von Matthias Isecke-Vogelsang, der als Deutschlands erster Punk als Schuldirektor bekannt wurde (siehe Artikel unten), für großes mediales Echo. Mit Kritik an seinem Auftreten wird auch hierzulande nicht gespart: „Die Toleranz hat Grenzen. Und die werden hier bei Weitem überschritten“, sagt Kimberger. Auch für Schäfer-Elmayer sind extreme Kleidungsstile ein „absolutes No-go“: „Schule kann man mit einem Unternehmen vergleichen. Sie hat eine Corporate Identity. Ein Punk kann noch so ein guter Lehrer sein, das schadet dem Image der Schule.“

Das Argument, dass sich niemand – und damit auch kein Lehrer – für den Beruf verbiegen sollte, will Schäfer-Elmayer nicht gelten lassen. Sein Gegenargument: „Der Kleidungsstil verändert sich eben, wenn man älter wird. Wir laufen als Erwachsene ja auch nicht mehr mit Windeln herum.“ Das bedeute aber nicht, dass man sich nicht dem eigenen Typ entsprechend kleiden dürfe.

Diese Freiheit werde den Lehrern in den Schulen sogar immer mehr eingeräumt: „Es ist alles etwas lockerer geworden“, konstatiert Elmayer. Und so wird es in den kommenden Jahren wohl auch kein Aus für die Jogginghosen geben. Turnlehrer werden also auch weiterhin mit der Sportbekleidung in den Unterricht in der Klasse gehen. Einer, der durchaus froh darüber ist, ist übrigens Paul Kimberger. Als junger Turnlehrer scheute er nämlich selbst nicht davor zurück, mit der Trainingshose sowohl in das Konferenzzimmer als auch in die Klasse zu gehen. „Das hat Anfang der 90er für helle Aufregung unter meinen älteren Kollegen gesorgt. Es war nahezu skandalös“, erzählt Kimberger. Wenig später sei es aber bereits zur Normalität geworden.

Eine Entwicklung, die der Stilkritiker Schäfer-Elmayer nicht gutheißt: „Der Lehrer kann sich wie die Schüler auch in der fünfminütigen Pause umziehen. Da gibt es keine Ausreden.“

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2014)

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