»Schule fürs Leben«: Wenn Fernsehen hinhört

Wie sieht die Realität an Österreichs Schulen aus, wie die Lebenswelt der Kinder in Wien? Ein ORF-Projekt schaut genau hin – und erzählt Lebensgeschichten aus einer AHS und einer Neuen Mittelschule.

Oesterreich darf nicht sitzen bleiben. Lehrer in der Krise?
Oesterreich darf nicht sitzen bleiben. Lehrer in der Krise?
(c) ORF

Ein Mädchen fühlt sich als Außenseiterin, weil es – als einziges Kind der Klasse – aus Österreich kommt. Ein afghanischer Flüchtlingsbub will für Österreich eine Olympiamedaille im Laufen erreichen. Beides mitten in einer Wiener Schule, in der 98 Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien stammen. Wenig entfernt Schulen, mit denen die Chancen auf eine gute Zukunft bestens gewahrt sind. Über Schule wird viel geredet – aber wie ist sie wirklich, die Realität an Österreichs Schulen?

Einen raren, kostbaren Einblick in die Lebenswelt von Jugendlichen, ihren Familien und Lehrern zeigt bis Ende Juni das Projekt „Schule fürs Leben – das Experiment“ in der Sendung „Thema“. Zu sehen sind zwei völlig unterschiedliche Klassen: eine Gymnasium, eine Neue Mittelschule. Die Jugendlichen von heute: Sie sind es, die in Zukunft die österreichische Gesellschaft gestalten. Sie sind es, mit denen Österreich konkurrenzfähig sein will, die das Land weiterbringen sollen. Werden Potenziale genützt, gibt es so etwas wie Chancengleichheit? Wie gehen wir dabei mit jenen um, die zugewandert sind, um zu bleiben? Oder gar: Sind wir dabei, Ghettos zu schaffen – für jene, die wir aus der österreichischen Realität ausblenden wollen? Es ist ein teilweise beklemmender, auf jeden Fall einzigartiger Blick in die Lebensrealität, der in „Thema“ zu sehen ist. Wir sehen u.a. die Geschichten von Arthur und Asip, von Laura und Nabaa.

Eine Frage der Erwartungen

Arthur, ein Scheidungskind und Legastheniker, der bei seinem Vater lebt. Asip, der aus Afghanistan stammt, dessen Vater von den Taliban getötet wurde und der für Österreich bei den Olympischen Spielen eine Medaille im Laufen gewinnen will. Laura, die eine Zwillingsschwester hat, gern Gitarre spielt und turnt. Nabaa, die aus dem Irak kommt und Angst hat, dass sie wieder zurückmuss.

Zum ersten Mal macht der ORF ein derartiges Projekt: Welche Erwartungen haben Jugendliche vom Leben, wie leben ihre Familien, was sind ihre Sorgen und Hoffnungen?

Ein halbes Jahr begleitet Christoph Feurstein für „Thema“ zwei vierte Klassen, taucht in die Welt der Jugendlichen, ihrer Eltern und Lehrer ein. Viele reden, als hätten sie lang gewartet, dass ihnen endlich jemand zuhört. Dass sie gehört, sichtbar gemacht werden. Die vierten Klassen sind zufällig ausgewählt worden, es hätten auch ganz andere Geschichten sein können. Fest stand nur: Es müssen vierte Klassen sein, also ein Zeitpunkt, zu dem alle Jugendlichen noch in der Schule sind. Und: Es soll ein möglichst breites Spektrum sein, das gezeigt wird, egal, ob in Armut oder im Wohlstand lebend.

Dass wir so hautnah in das Leben von Familien dürfen, ist nur dem Vertrauen und Engagement der Direktorinnen, Ilse Rollett und Andrea Walach, zu verdanken. Und auch dem der Eltern: Viele haben erst nach langem Zögern zugestimmt, TV-Kameras in ihre Wohnung zu lassen. Die Schulen sind mitten in Wien, nur drei Kilometer Luftlinie voneinander – die AHS Rahlgasse und die Neue Mittelschule Gassergasse–, dennoch trennen sie Welten.

Im Gymnasium sind die Kinder von bildungsinteressierten Eltern. Sie wollen ihre Kinder fördern, geben – soweit es die finanziellen Möglichkeiten zulassen – ihr Bestes, um ihrem Nachwuchs alle Möglichkeiten im Leben zu bieten. Brüche und schwierige Situationen im Leben bleiben den Jugendlichen aber auch hier nicht erspart: Eltern, die sich trennen, Mobbing in der Klasse. Die NMS Gassergasse ist eine sogenannte Schwerpunktschule: Praktisch alle Kinder dieser Schule haben Migrationshintergrund. Viele davon Flüchtlingsschicksale, einige leben in bitterer Armut. 24 Jugendliche mit 16 Muttersprachen, von Albanisch bis Chinesisch, gehen in diese Klasse. Sie stehen an einem zentralen Punkt: eine andere Schule weitermachen, eine Lehre beginnen – oder alles verweigern?

Gemeinsam mit fünf externen Schulbegleitern erkundet und fördert Christoph Feurstein Optionen und Potenziale. Was können die Jugendlichen, was würden sie gern können, wie geht es ihnen, wenn sie die jeweils andere Lebenswelt kennenlernen?

Sichtbar werden aber auch die Grenzen des Schulsystems, die Schwierigkeiten, zeitgemäße Anforderungen mit dem jetzigen System zu verknüpfen. Etwa, wenn Rollett, Direktorin der Rahlgasse, sagt: „Mein Vater, der ist 1919 geboren, er hat die gleichen Fächer im Gymnasium gehabt, wie wir sie heute haben. Das kann es nicht sein.“


ORF-TVthek: „Schule fürs Leben“.

Zur Person

Waltraud Langer,Chefredakteurin Magazine und Servicesendungen. Sie hatte die Idee für die ORF-Initiative „Schule fürs Leben“ und koordiniert sie. Gezeigt werden Reportagen und Dokumentationen in „Thema“, „Am Schauplatz“, „Heimat Fremde Heimat“, „Weltjournal+“, „heute konkret“, „Menschen & Mächte“. Nachzusehen in der TV-Thek unter „Schule fürs Leben“.
ORF

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2014)

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