Plädoyer für Literatur: Die große Bildungslücke

Bild: (c) Die Presse (Clemens Fabry) 

Mit der neuen Matura wird die Literatur im Deutschunterricht abgeschafft. Schriftsteller schlagen Alarm. Warum die Hinwendung zum rein Praktischen ein Armutszeugnis ist.

 (Die Presse)

Wen gute Literatur jemals gefesselt hat, der weiß: Man erinnert sich im Rückblick nicht unbedingt an den reichen Wortschatz, an die zitierfähigen Weisheiten, an die Eckdaten des Buches. Man erinnert sich daran, was man beim Lesen gefühlt hat. Die Einsamkeit des Lenz, der durch das Gebirge wandert. Die kopflose Liebe der Madame Bovary. Die Wut des Pferdehändlers Michael Kohlhaas. Beim Lesen lässt man sich tragen vom Schicksal der Protagonisten, verliert sich in ihrem Leid, hofft, bangt und verzweifelt auch mit ihnen.

Doch in Zukunft werden das weit weniger junge Menschen erleben. Denn die neue Matura ist, welch schönes Wort, kompetenzorientiert, und die Sache mit der Literatur, nun, die lässt sich da nicht so richtig einordnen. Was dazu führt, dass die Literatur in der Oberstufe der allgemein bildenden höheren Schulen ins Abseits gestellt wird.

 

Autoren für Umbenennung

Der kleine Rest an Literatur, der mit der Zentralmatura noch in die Aufgabenstellung einfließen kann, ist zurechtgestutzt auf eine Anregung zur Diskussion (siehe Faktenkasten). Man muss dafür nichts über Literatur wissen, den Text nicht einordnen können, den Autor nicht kennen. Das Fach Deutsch soll lediglich einen kompetenten Umgang mit Sprache vermitteln.

Die Schriftstellervereinigung IG Autorinnen und Autoren ist angesichts dessen beunruhigt, um es milde auszudrücken. Und fordert vom Bildungsministerium nun, den Unterrichtsgegenstand „Deutsch“ in „Deutsch und Literatur“ umzubenennen. Um ein sichtbares Zeichen zu setzen, dass es im Deutschunterricht nicht allein um Grammatik und Ausdruck, Textsorten und Wörterkorridore geht.

 

„Meinungsrede“ statt Literatur

Man mag einwenden, dass die Deutschlehrer ja trotzdem noch Literatur unterrichten können, auch wenn es bei der Matura nicht abgefragt wird. Doch hier erwidern auch die großen Literaturliebhaber unter den Lehrern, dass keine Zeit bleibt. Denn die wird benötigt, um den Schülern jene Dinge beizubringen, die nun geprüft werden.

Das Verfassen von Leserbriefen beispielsweise, das Verständnis von Gebrauchsanweisungen oder ein ordentlicher Standpunkt in der „Meinungsrede“. In Letzterer, einer künstlich geschaffenen Kategorie, soll die Meinungsbildung offenbar ohne Bildung auskommen.

Das ist ein Kern der Debatte: die Frage, inwiefern Literatur notwendig ist für die Allgemeinbildung junger Menschen. Eine Allgemeinbildung, die an einem Scheideweg steht. Oftmals wird sie nur noch als arrogante Zurschaustellung unwesentlicher Details verstanden: Namen, Jahreszahlen, Zitate. Als Wissen, das zu nichts führt, das geradezu im Gegensatz zu den viel beschworenen Kompetenzen steht, die allerorts gefordert werden.

Zu wissen, aus welchem Werk der Satz „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor“ stammt, ohne Wikipedia bemühen zu müssen, kann Ausdruck von Bildung sein. Doch Bildung ist viel mehr als das.

Tatsächlich ist die Allgemeinbildung die Voraussetzung dafür, dass das Ganze noch erkannt wird. Sie zielt auf das ab, was so herrlich unmodern als „gebildet in Bezug auf die eigene Persönlichkeit“ beschrieben werden kann: Sie ermöglicht persönliche Reife.

Was Literatur damit zu tun hat? Es geht um die Empfindungsfähigkeit, die sich beim Lesen entwickelt, und es geht darum, dass junge Menschen sich ein Urteil in Fragen der Ethik und Ästhetik bilden. Es geht darum, dass man sich in der Lektüre spiegelt, die Gedanken und Gefühle von anderen verstehen lernt und damit seine eigenen ergründen kann.

Freilich ohne dass ein Ergebnis vorweggenommen ist. Denn wer liest, entzieht sich dem gedanklichen Mainstream, der die eigenen Gefühle schon in eine Bahn lenkt, bevor sie überhaupt Konturen angenommen haben: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf gilt hier nicht. In der Literatur ist alles denkbar. Sie macht den Geist reich und beweglich. Was allerdings kaum messbar und noch viel weniger von praktischem Nutzen ist.

 

Hinwendung zum Praktischen

Dass die neuen Textsorten die Literatur verdrängen, ist nicht einfach nur eine Neuorientierung. Es ist eine Hinwendung zum rein Praktischen, ein geistiges Armutszeugnis, das den Wert des Maturazeugnisses schmälert.

Der Literaturkanon, wie er bisher an Schulen verwendet wurde, ist umstritten – er soll umstritten sein, das ist gut. Man mag diskutieren über die Werke, über ihre Relevanz, über ihre Sprache, über Konservativismus und all die Einwände, die es geben kann. Solange nur einige dieser Bücher tatsächlich gelesen werden.

AUF EINEN BLICK

Deutschmatura. Die Kandidaten können zwischen drei Aufgabenpaketen wählen, die jeweils in einer thematischen Klammer stehen, etwa „Gesundheit“ oder „Reisen“. Zwar muss eines der drei Pakete auch eine literarische Aufgabenstellung beinhalten, die Herkunft einer Textpassage, der Zusammenhang oder die Epoche sind aber unwichtig, da die literarischen Texte nur als Anstoß dienen – etwa für eine Empfehlung des literarischen Textes an Personen, die einen praktischen beruflichen Nutzen daraus ziehen können.

Textsorten. Alle zu schreibenden Texte sind auf einen Textsortenkanon genormt. Eine Textsorte wird jeweils zu einem Zweck verfasst. Das Bifie, das für die Umsetzung der Zentralmatura zuständig ist, führt diese Textsorten an: Offener Brief, Empfehlung, Leserbrief, Kommentar, Textanalyse, Erörterung, Meinungsrede und Textinterpretation. Letzteres betrifft aber keine literarischen Texte, da die Beurteilung, wie es heißt, kaum möglich wäre. Die Zentralmature startet an allen Gymnasien verpflichtend im Frühling 2015, an BHS ein Jahr später.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2014)

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