Das fliegende Labor im Klassenzimmer

Beim „fliegenden Labor“ laufen Hightech-Experimente in der Schule ab.

(c) Die Presse (FABRY Clemens)

Wissenschaft und Forschung sind für viele Schüler abstrakte Begriffe – man kann sich nur grob etwas darunter vorstellen. Auch wenn Sie hier in der Zeitung darüber lesen, wie Forschung in Österreich abläuft, bleibt die Wissenschaft doch ein abstrakter Begriff. Nur wer selbst Hand anlegt, im Labor steht und erfährt, wie es ist, wenn ein Experiment durch eine kleine Unachtsamkeit verpfuscht wurde, kann von einem praktischen Zugang zur Forschung sprechen.

Dass dieses Be-greifen der Wissenschaft ab früher Jugend elementar ist, wissen vor allem jene Menschen, die täglich im Labor stehen. Eine davon wurde letzte Woche mit dem Titel „Wissenschafterin des Jahres 2008“ ausgezeichnet: Es ist Fatima Ferreira, die in Brasilien geboren wurde und seit fast 20 Jahren in Österreich forscht. Derzeit leitet sie das Christian Doppler Labor für Allergiediagnostik und -therapie an der Universität Salzburg. Schon seit vielen Jahren ist es Ferreira ein Anliegen, die Wissenschaft ganz nah zum Menschen zu bringen – insbesondere zu den Schülern in Österreich. Denn gerade, wenn es um die Entscheidung geht, welcher Beruf oder welches Studium nach der Matura gewählt wird, ist es wichtig, einen „Begriff“ davon zu haben, was Wissenschaft und Forschung bedeutet.

 

Ein Labor geht auf Tournee

Aus dieser Überlegung heraus entstand das „Fliegende immunologische Klassenzimmer“ (in Anlehnung an Erich Kästners Klassiker „Das fliegende Klassenzimmer“), das man sich wie ein Labor vorstellen kann, das auf Tournee geht: Ein Spezialist der Uni Salzburg kommt mitsamt Hightech-Equipment aus dem Forschungslabor in eine Schule, baut dort das Labor auf und arbeitet einen ganzen Tag mit den Jugendlichen an wissenschaftlichen Fragestellungen und Experimenten. Seit dem Jahr 2002 gehen die Salzburger mit dem „Fliegenden Genetiklabor“ auf Tournee und bringen so Schülern in ganz Österreich einen praktischen Zugang zu DNA-Analysen. Nachdem die Schulen den Forschern „die Tür eingerannt hatten“, wurde inzwischen von Fatima Ferreira und Reinhard Nestelbacher das „Fliegende immunologische Klassenzimmer“ eingerichtet, das 2007 auch mit dem Wissenschaftskommunikations-Preis des Wissenschaftsfonds FWF ausgezeichnet wurde (30.000 Euro).

„Wir nehmen den Schulen durch unser fliegendes Labor zwei Probleme ab: Erstens bringen wir das Know-how direkt zu ihnen. Ein einzelner Lehrer müsste sich zwei, drei Monate einarbeiten, bevor er mit einer Klasse diese Experimente durchführen könnte“, erklärt Nestelbacher: „Zweitens bringen wir das Equipment in die Schulen, die sich so etwas nie leisten könnten.“ Allein das Fluoreszenz-Mikroskop, das im „Fliegenden immunologischen Klassenzimmer“ dabei ist, hat – inklusive Kamera für die Livebilder der mikroskopischen Aufnahmen – 42.000 Euro gekostet. Nicht einmal Schulen, die auf Naturwissenschaften spezialisiert sind, könnten wohl solche Investitionen rechtfertigen.

 

Livebilder von Fresszellen

Somit erklärt sich der Erfolg der fliegenden Labors, die bisher immerhin etwa 3500 Schüler pro Jahr erreichen und ab März 2009 sogar 6000 Schüler die Wissenschaft be-greifen lassen können, wenn das zweite Labor regulär startet. „Das immunologische Labor lief bisher nur als Testversuch, dabei haben wir etwa 15 Schulen besucht“, sagt Nestelbacher. Bei diesem Projekt drehen sich die Experimente um das Immunsystem im Allgemeinen und um Allergien im Speziellen. „Wir bringen Blutproben mit, in denen die Schüler die Zellen des Immunsystems isolieren können. Da kann man Fresszellen bei der Arbeit zusehen, wie diese über einen ,Eindringling‘ herfallen. Wenn man Immunzellen isoliert, kann man auch erklären, wie Impfstoffe entwickelt werden“, schwärmt Nestelbacher.

Die Begeisterung, die der Molekularbiologe ausstrahlt, springt auch stets auf die Jugendlichen über. „Natürlich gibt es anfangs oft Schüler, die nicht so begeistert sind – vor allem, wenn es ihnen vom Lehrer quasi aufgezwungen wird, den Tag mit uns zu verbringen“, weiß er. Doch am Ende des Tages ist noch kaum ein Jugendlicher hinausgegangen, ohne seine Begeisterung auszudrücken. „Viele Schüler schreiben uns danach noch positive E-Mails.“ Was Nestelbacher und Ferreira besonders freut, ist das starke Interesse von Mädchen an ihrer Arbeit: „Auch wenn sie zuerst schüchtern sind, sagen sie dann: ,Das traue ich mir auch zu!‘“ Dass die Lehrer mit ihrer Arbeit zufrieden sind, merken die Forscher daran, dass viele Schulen jedes Jahr wieder buchen. Für 2009 sind die fliegenden Labors schon ausgebucht, für 2010 gibt es vor allem beim neu eingerichteten „Fliegenden immunologischen Klassenzimmer“ noch Plätze.

Dass auch das Fernsehen zum Verständnis von Jugendlichen für die Wissenschaft beiträgt, merkt Nestelbacher, seit „C.S.I.“-Serien ausgestrahlt werden: „Es hat die positive Seite, dass die Schüler gleich merken: Das ist cool, das ist wie ,C.S.I.‘, aber andererseits wollen dann viele nach unseren Experimenten als ,C.S.I.‘-Forensiker arbeiten. Da muss ich ihnen dann sagen, dass es so viele Morde wie im Fernsehen gar nicht gibt.“

AUF EINEN BLICK

Die Vermittlung von Wissenschaft in der Öffentlichkeit gilt als Aufgabe der vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten gewählten „Wissenschafter des Jahres“.

Fatima Ferreira ist heuer „Wissenschafterin des Jahres“ und engagiert sich für die Vermittlung von molekularbiologischer Forschung. Mit dem „Fliegenden immunologischen Klassenzimmer“ bringt sie modernste Forschung direkt in die Schulen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2009)

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