iPad-Schule: Karmasin will digitale Zeitenwende

Ein Tablet statt Bücher und Hefte, keine Stundenpläne: Familienministerin Sophie Karmasin ist von der Steve-Jobs-Schule in Amsterdam angetan - und kündigt die ersten E-Books in Österreichs Klassenzimmern für 2016 an.

(c) Presse Digital

Amsterdam. Mathematik ist ein Spiel. Eines, bei dem Fische von links nach rechts über den Bildschirm schwimmen und dazwischen Rechnungen wie 5+2=? aufpoppen. Der kleine Lennox tippt auf seinem bruchsicher in Gummi eingepackten iPad schnell auf die Sieben.

So sieht der Mathematikunterricht an der Steve-Jobs-Schule im Westen Amsterdams aus. Hier sind nicht nur Hefte, Bücher und Tafeln so gut wie verschwunden, sondern mit ihnen auch die Klassenstruktur, die fixen Stundenpläne, die Schulglocke und das Lehrerzimmer. Im August 2013 wurde die erste nach dem verstorbenen Apple-Gründer benannte Schule in den Niederlanden eröffnet. Heute sind es 20. Das sorgt für internationales Aufsehen. 150 Delegationen waren bereits zu Gast – zuletzt etwa eine aus Japan. Nun ist es Österreichs Familienministerin, Sophie Karmasin.

Es empfängt der Schulgründer. Maurice de Hond, wie Karmasin ein bekannter Meinungsforscher, weiß sein Konzept zu bewerben: 1981 habe er seinen heute 37-jährigen Sohn in die Schule gebracht. Vor ein paar Jahren begab er sich auf die Suche nach einer Schule für die Nachzüglerin, seine nun fünfjährige Tochter. In den Schulen habe alles noch genauso ausgesehen wie damals bei seinem Sohn, Anfang der Achtzigerjahre. „Als ob es die digitale Welt gar nicht gäbe. Die Kinder werden in den Schulen für die Vergangenheit und nicht für die Zukunft vorbereitet“, beklagt de Hond. Und so gründete er eine eigene, vom Staat finanzierte Schule. Die ausgeprägte Schulautonomie in den Niederlanden macht das möglich.

 

Der Direktor sitzt im „Cockpit“

Dass die Lehrer hier Coach gerufen werden und an der Wand des Direktorbüros in großen Lettern „Cockpit“ steht, lässt erahnen, dass hier mit Traditionen gebrochen werden soll. Die iPads und Apps haben in den Klassenzimmern den Platz eingenommen, den sie in den meisten Elternhäusern ohnehin schon haben. Die Pädagogik hat das auf den Kopf gestellt. Lernen im Gleichschritt gibt es nicht mehr. Jeder Schüler hat seinen eigenen individuellen Entwicklungsplan. Diesen arbeiten Lehrer, Eltern und Schüler alle sechs Wochen gemeinsam aus.

Dann liegt alles beim Kind. Die Lehrer bieten täglich Workshops zu den verschiedensten Themen und auf unterschiedlichen Leistungsniveaus an. Ein Ersatz für den Frontalunterricht. Das Kind wählt selbst, welchen Kurs es besucht. Geübt wird auf dem iPad. Wann, wo und wie der Einzelne will. So kuscheln die Kinder im Schnitt zwei Stunden pro Tag in Sitzsäcken und auf Couches, um mit ihrem iPad zu lernen.

Für die Digitalisierung musste die Steve-Jobs-Schule nicht einmal eigene Lern-Apps entwickeln. Die Auswahl war ohnehin schon groß. 30.000 solcher Apps sind auf dem Markt. Die meisten im Bereich Mathematik und Sprachen.

 

Viel Freiheit, viel Überwachung

Auf dem Gang laufen die Schüler mit den in Gummi gepackten iPads auf und ab. Die Kleineren schleifen die großen Kopfhörer meist hinterher. Die Steve-Jobs-Schule ist, wie alle niederländischen Schulen, für Vier- bis Zwölfjährige ausgerichtet. Und sie alle lernen auf dem iPad.

Das ermöglicht große Flexibilität. Kommen und gehen dürfen die Kinder mehr oder weniger, wann sie wollen. Die Schule ist von 7.30 bis 18.30 Uhr geöffnet. Anwesend müssen die Kinder nur in einer Kernzeit von 9.30 bis 15 Uhr sein. Geschlossen wird die Schule lediglich über Weihnachten und Neujahr. In der übrigen Zeit macht jedes Kind Ferien, wann es will. Das sei kein Problem, heißt es hier. Die Gefahr, herkömmlichen Unterricht zu verpassen, gebe es ja sowieso nicht.

Hört sich nach viel Freiheit an. Doch die Kinder werden zugleich genau überwacht. „Ich weiß, dass meine Tochter seit August mehr als 5000 Aufgaben auf ihrem iPad gelöst hat“, erzählt de Hond. Die Vernetzung der Computer macht es möglich. Sowohl Lehrer als auch Eltern seien besser als in herkömmlichen Schulen – ja sogar in Echtzeit – über die Entwicklung des Kindes informiert. In anderen Schulen würden sich Lehrer weiter der Illusion hingeben, dass der vermittelte Stoff auch tatsächlich vom Schüler verstanden wurde, sagt de Hond.

Die österreichische Delegation hört zu, beobachtet und staunt. Ministerin Karmasin gefällt's. Ganz so weit wie die Steve-Jobs-Schule will und kann die Familienministerin zwar (noch) nicht gehen, aber ein erster Schritt in Richtung Digitalisierung soll bald gemacht werden. Karmasin plant, einen Teil der Schulbücher zusätzlich in elektronischer Form anzubieten. Ab dem Schuljahr 2016/17 soll es an Österreichs Schulen auch E-Books geben. Einen genauen Zeitplan wird sie im Sommer präsentieren.

 

E-Books sind „banaler Schritt“

Bislang hat es in diesem Bereich in Österreich noch kaum Bewegung gegeben: „Der Wille des Bildungsministeriums war enden wollend“, beklagt Karmasin. Seit Kurzem gibt es aber eine gemeinsame Arbeitsgruppe. Schon davor hat das Familienministerium, das für die Bezahlung der Schulbücher zuständig ist und dafür jährlich 106 Millionen Euro ausschüttet, eigenhändig mit den Verlagen Kontakt aufgenommen. Diese arbeiten derzeit kostenlos an E-Book-Versionen. Die Digitalisierung selbst sei aber sogar „der banalere Schritt“, sagt Karmasin. Viel mehr gehe es um einen zeitgemäßen Wandel des Unterrichts.

In der Steve-Jobs-Schule ging man sogar so weit, dass die Schreibschrift komplett abgeschafft wurde.Gelernt werden nur noch Blockbuchstaben. Alles andere brauche man nicht mehr, meint de Hond. Wie die Kinder nach dem Ende ihrer Laufbahn in der Steve-Jobs-Schule in weiterführenden Schulen zurechtkommen sollen? „Meine Tochter ist fünf Jahre alt. Ich habe also noch sieben Jahre, um darüber nachzudenken“, sagt de Hond schmunzelnd. Wer weiß? Vielleicht hat sich sein digitales Konzept bis dahin schon durchgesetzt. Und falls nicht, kann er ja eine neue Schule gründen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2015)

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