Nicht besser als Hauptschule: NMS enttäuscht

Der lange erwartete Evaluierungsbericht der Neuen Mittelschule zeigt, dass das Konzept nur dort funktioniert, wo die Lehrer besonders engagiert sind.

(c) APA

Wien. Mit einer mehr als vierwöchigen Verspätung – die viel Raum für Spekulationen ließ – wurde gestern, Dienstag, der politisch brisante Evaluierungsbericht der Neuen Mittelschule von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) vorgestellt. Sie präsentierte die Ergebnisse aber nicht der Öffentlichkeit, sondern der aus SPÖ- und ÖVP-Politikern zusammengesetzten Bildungsreformkommission. Der „Presse“ liegt dieser Evaluierungsbericht dennoch vor.

Für die NMS bringt die Überprüfung ein ernüchterndes Ergebnis: „Insgesamt gibt es keinen belastbaren Hinweis, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr besteht Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird“, heißt es in der Kurzfassung des 390 Seiten umfassenden Berichts. Ein vernichtendes Urteil. Denn immerhin wird in die Neue Mittelschule deutlich mehr Geld investiert als in die auslaufende Hauptschule.

Umsetzung oft mangelhaft

Zu dem ernüchternden Ergebnis kommen die Experten durch einen Vergleich der Leistungen bei den Bildungsstandards. Die NMS erzielt dabei in Mathematik einen Mittelwert von 496,7 Punkten, die Hauptschule 515. Selbst nach Berücksichtigung der sozialen Zusammensetzung – also Bildung der Eltern, Migrationshintergrund und Umgangssprache – erzielen die Hauptschulen ein besseres (wenn auch kein signifikant besseres) Ergebnis. Ähnlich ist das Bild bei den Lesekompetenzen in Englisch. Mit dem Unterschied, dass unter Berücksichtigung der sozialen Benachteiligung die NMS knapp besser abschneidet. Das ändert nichts am prinzipiellen Befund: Von den erhofften Leistungsverbesserungen durch den neuen Schultyp ist nichts zu sehen.

Und zwar nicht nur, wenn man die Schulformen in ihrer Gesamtheit vergleicht, sondern auch, wenn man die Entwicklung an jedem einzelnen der 170 untersuchten Schulstandorte unter die Lupe nimmt. Der Vorher-Nachher-Leistungsvergleich bringt dort kein eindeutiges Ergebnis. Es zeigt sich, dass die erste Generation – also jene Schulen, die sich im ersten Jahr zu einer Umwandlung entschieden – ihre Leistung klar verbessern konnte. Schon die zweite Generation kann an den Erfolg nicht mehr anknüpfen. Die Leistungen in Deutsch und Englisch haben sich an diesen Standorten zwar verbessert, die in Mathematik aber sogar verschlechtert.

Das zeigt das Kernproblem der NMS: Sie funktioniert nur dort, wo die Lehrkräfte tatsächlich bemüht sind, die neuen Lernformen einzusetzen. „In der ersten Generation der NMS bzw. in den ,Modellklassen‘, in denen das NMS-Konzept intensiver umgesetzt wurde, zeigen sich interpretierbare Leistungsverbesserungen“, heißt es dazu im Bericht. Es gibt aber nicht viele solcher Klassen. Denn laut Experten wurde das Konzept an mehr als der Hälfte der untersuchten NMS-Standorte „nur unzureichend“ umgesetzt.

Schwache häufiger überfordert

Besonders enttäuschend ist, dass die NMS selbst wesentliche Ziele – wie etwa mehr Chancengleichheit für benachteiligte Schüler – nicht erreichen konnte. „Der Beitrag der NMS in gesellschaftlicher Hinsicht, insbesondere zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, ist nach den bisher vorliegenden Daten eher gering“, heiß es im Bericht. Es habe sich die Lernsituation der Leistungsschwächeren sogar „tendenziell verschlechtert“. Sie sind häufiger überfordert und frustriert sowie öfter Täter oder Opfer von Gewalt. Zudem konnten die Experten die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen – wie die Einführung des vielgepriesenen Teamteachings – nicht bestätigen.

Die scheinbar wenigen Verdienste der NMS: Die Schüler fühlen sich dort etwas wohler, sie sind weniger gewalttätig und trauen sich etwas öfter einen Wechsel in die AHS-Oberstufe zu, als das noch bei Hauptschülern der Fall war.

Welche Schlüsse die Politik nun aus den Ergebnissen zieht, ist noch offen. Dass Handlungsbedarf besteht, räumte zuletzt aber auch bereits die SPÖ – für die die NMS lange ein Prestigeprojekt war – ein.

 

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