70 Prozent der Zehnjährigen können nicht rechtschreiben

Bild: (c) Die Presse (Fabry) 

Die Bildungsstandards zeigen große Schwächen der Kinder in der vierten Klasse Volksschule auf. Getestet wurde der Bereich Deutsch mit den Kernfeldern Lesen und Schreiben.

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Wie gut sind Österreichs Zehnjährige im Fach Deutsch? Leider gar nicht gut, wie die Auswertung der im Vorjahr durchgeführten Bildungsstandard-Tests zeigt. So wurden die vom Ministerium vorab definierten Standards im Bereich Schreiben von 70 Prozent der Kinder nicht erreicht, nur 30 Prozent konnten die Anforderungen erfüllen. Zumindest, was die sprachliche Richtigkeit betrifft, also Rechtschreibung, aber auch Satzbau und andere Komponenten des normgerechten Schreibens.

Beim Aufbau oder Inhalt ihrer Texte ergibt sich ein besseres Bild. Insgesamt erreicht aber nur ein Fünftel der Schüler in allen Dimensionen des Schreibens die Standards.

Beim Lesen sieht es etwas besser aus: 62 Prozent der Zehnjährigen erreichen oder übertreffen die Lernziele und verfügen über ein sicheres Leseverständnis. 38 Prozent dagegen haben grobe Mängel: 25 Prozent haben nur eine "elementare Lesefähigkeit", 13 Prozent nicht einmal das. Getestet wurden außerdem Hörverstehen und Sprachbetrachtung.

Wien und Vorarlberg schlechter

Im Schnitt erreichten die Kinder einen Wert von 523 Punkten. Da die Bildungsstandards erst vor wenigen Jahren eingeführt wurden, gibt es keinen Vergleichswert beim Deutsch-Test der Zehnjährigen. Aber im Vergleich zur Ausgangsmessung aus dem Jahr 2010 hat sich die Lesekompetenz um 23 Punkte verbessert, das Schreiben um vier Punkte. Für diese Ausgangsmessung wurden aber nicht alle Zehnjährigen getestet, sondern lediglich eine Stichprobe.

Die Ergebnisse der neun Bundesländer fallen ähnlich aus, wie es aus dem Ministerium heißt. Im Schnitt erreichen die Schüler aus dem Burgenland, Niederösterreich, Oberösterreich und Salzburg die meisten Punkte. Wien und Vorarlberg dagegen liegen leicht unter dem Österreich-Schnitt. Die Ergebnisse der Bundesländer weichen aber insgesamt nur maximal um 14 Punkte nach oben bzw. 12 Punkte nach unten vom Österreich-Schnitt ab. 

Die geringen Bundesländerunterschiede sind für die Studienautoren nicht überraschend: "Substanzielle Unterschiede sind aufgrund der zentralen Steuerung (bundesweit gültiger Lehrplan, bundesweit einheitliche Bildungsstandards, bundesweit gesteuerte Lehrerausbildung) auch nicht zu erwarten." Trotzdem waren die Voraussetzungen durchaus unterschiedlich. So hatten etwa 44 Prozent der Schüler in Wien einen Migrationshintergrund (Deutsche herausgerechnet), aber nur zehn Prozent in Kärnten.

Drei Lernjahre liegen zwischen Kindern

Es gibt in allen Bereichen einen starken Zusammenhang zwischen dem Bildungsabschluss der Eltern und den Leistungen ihrer Kinder. Am stärksten ist dieser beim Lesen: Der Abstand zwischen Kindern aus Akademikerhaushalten und den Kindern von Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss beträgt 126 Punkte. Beim Leseverstehen belaufen sich die Unterschiede umgerechnet auf bis zu drei Lernjahre.

Insgesamt ist eine Gruppe besonders gefährdet: 15 Prozent der Schüler beenden die 4. Schulstufe, obwohl sie die Lernziele der Volksschule in Deutsch hauptsächlich nicht erreichen. Insgesamt erreichen lediglich 29 Prozent der Schüler die vorgegebenen Bildungsstandards in Deutsch in allen Bereichen, die anderen können den Anforderungen in manchen Bereichen genügen.

Schüler mit Migrationshintergrund weisen im Schnitt niedrigere Kompetenzen auf als Kinder ohne Migrationshintergrund. Die Mittelwertdifferenzen liegen zwischen 39 Punkten beim Rechtschreiben und 77 Punkten beim Hörverstehen.

Die Testergebnisse werden nicht öffentlich nach Bezirken oder Schulen ausgegeben. Die 300 Direktoren und knapp 5000 Lehrer bekommen ein Feedback über die Kompetenz der Schüler ihrer Schule bzw. ihrer Klasse. Außerdem wird aufgezeigt, wie das Ergebnis im Vergleich zu allen anderen Schulen und im Vergleich zu anderen Schulen, die unter ähnlichen Rahmenbedingungen arbeiten, liegt.

70 Prozent mögen die Schule

Zumindest eine gute Nachricht gibt es allerdings: Die Viertklässler haben in Österreich eine positive Einstellung zur Schule: 36 Prozent gehen sehr gern, weitere 34 Prozent gern in die Schule. 18 Prozent der Schüler sind unentschlossen, die anderen 12 Prozent mögen die Schule nicht. Positiv ist ihre Assoziation zur Klasse: 53 Prozent sind mit ihrer Klasse sehr zufrieden, weitere 30 Prozent sind zufrieden und weitere 12 Prozent haben eine neutrale Haltung zur Klasse. 

Die Tests

Im Frühling 2015 haben gut 75.000 Schüler an der Standardüberprüfung im Fach Deutsch teilgenommen. Getestet wurden die Volksschüler der vierten Klasse. Leseverständnis, Rechtschreiben, Hörverstehen und Verfassen von Texten standen im Mittelpunkt.

(rovi/j.n.)

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