Bildungsreform: "Man darf sich keine falschen Hoffnungen machen"

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) erwartet erst in zehn bis 15 Jahren den "großen Sprung" bei den Schülerleistungen.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Mehr als ein Fünftel der Schüler kann nicht ordentlich lesen oder rechnen. Der Pisa-Befund für Österreich ist schlecht – aber er ist nicht neu. Was wurde da in den vergangenen Jahren bildungspolitisch falsch gemacht?

Sonja Hammerschmid: Wenn man sich die Länder ansieht, die bei Pisa besonders gut abschneiden, sieht man ganz klar: Die Schulen sind dort viel autonomer als in Österreich. Alle erfolgreichen Länder haben zudem seit Jahrzehnten ganztägige Schulformen. Für mich ist das der Schlüssel zum Erfolg.


Hat man bisher nicht intensiv genug auf die traditionell schlechten Ergebnisse bei Pisa reagiert? Es war immerhin der sechste Test.

Ich halte mich nicht mit Vergangenheitsbewältigung auf. Ich bin für die Gestaltung der Zukunft verantwortlich.


Der Blick in die Vergangenheit ist trotzdem aufschlussreich.

Den Blick in die Vergangenheit haben wir bei Pisa bekommen. Jetzt müssen wir handeln.


Bis die Schulautonomie umgesetzt ist, wird es nach Ihrer eigenen Schätzung zehn Jahre dauern. Wann werden sich denn Ihre Reformen in Schülerleistung übersetzen?

Ich hoffe, dass die neuen Diagnose- und Fördermöglichkeiten schon bei Pisa in drei Jahren eine Verbesserung bringen. Einen großen Sprung würde ich aber in zehn bis 15 Jahren erwarten, wenn das Autonomiepaket voll wirksam wird. Da darf man sich keine falschen Hoffnungen machen: Das dauert.


Auch der politische Prozess dauert länger als geplant. Jetzt haben Sie die Schulautonomie an die Schulverwaltungsreform geknüpft – ein heikles Thema. Wird das noch etwas?

Oh ja, ich bin zuversichtlich. Mein Paket liegt seit Oktober fertig auf dem Tisch. Da wir mit dem Schulautonomiepaket ein Stück weit auch die Behörde neu definieren, war es wichtig, das zusammenzuspannen. Es dauert aber natürlich auch länger, weil es komplexer ist und viel mehr Player mitreden.


Die Länder zum Beispiel. Sie sind skeptisch, was die Verwaltungsreform angeht. Können Sie sie bis Jänner wirklich überzeugen?

Die Prozesse laufen. Es gibt viele Treffen, Informationsgespräche. Die Verhandlungsgespräche kommen jetzt. Es geht schon Schritt für Schritt weiter.


Muss man das unbedingt konsensual lösen?

Es nutzt nichts, wenn wir es verordnen. Schulautonomie muss genau wie die Behördenstruktur breit getragen werden. Sonst wird das mittelfristig nicht funktionieren. Unser Zeitplan war ambitioniert. Aber die Zeit, die wir jetzt investieren, um zu überzeugen, ist gut investiert.


Ein anderes, nicht unstrittiges Thema ist, dass ein Teil des Geldes nach sozialen Kriterien an die Schulen verteilt werden soll. Zuletzt war die Rede von fünf Prozent der Mittel . . .

Es war eine Bandbreite zwischen zwei und fünf Prozent des Geldes. Aber das ist Verhandlungssache.

Aber ein Sozialindex soll kommen.

Ja, das steht im Entwurf für das Autonomiepaket. Es wurde im Finanzausgleich ja vereinbart, dass die Mittel für die Schulen ab dem Jahr 2019 aufgabenorientiert vergeben werden sollen.

In Ihrem ersten Interview sagten Sie, Sie würden bei der Bildungsreform mit dem Kindergarten anfangen. Denn er sei die Drehscheibe für vieles. Da hat sich aber nichts getan.

Ich habe betont, dass das wichtig ist, weil im Kindergarten etwa die Sprachkompetenz entscheidend geprägt und wahrscheinlich da die Basis für den Erfolg des Kindes gelegt wird.


Umso trauriger, dass die Reformen im Kindergartenbereich nicht in Gang kommen.

Das ist nicht meine Zuständigkeit, sondern jene meiner Kollegin, Familienministerin Sophie Karmasin. Was ich aber versuche, ist, sie nach Kräften zu unterstützen, damit wir hier weiterkommen.


Es wird spekuliert, dass die Regierung nicht bis 2018 hält. Muss man vor diesem Hintergrund nicht einen Zahn zulegen?

Das ist nicht mein Thema. Wir arbeiten mit Hochdruck, egal, wann vielleicht jemand über Wahltermine nachdenkt.


Was hat Sie in Ihrem ersten halben Jahr als Bildungsministerin überrascht?

Ich habe grosso modo gewusst, worauf ich mich einlasse. Ich bin sehr zufrieden. Überrascht hat mich wenig. Wichtig ist, dass wir weiterkommen.

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