Kaum Schwestern in Ordensschulen

50.000 Schüler besuchen Ordensschulen. Die Ordensleute werden weniger, die Schulen versuchen einen Gegenentwurf zu PISA. Für die Schulwahl ist Religion oft nicht der Hauptgrund.

Geschätzt sind rund 70 Prozent der Ordensschüler katholisch.
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Geschätzt sind rund 70 Prozent der Ordensschüler katholisch.
Geschätzt sind rund 70 Prozent der Ordensschüler katholisch. – (c) Clemens Fabry

Wien. Die Ursulinen in Graz sind eigentlich schon eine Ausnahme: Nicht nur, weil die frühere Schuldirektorin Schwester Andrea Eberhart die daherfliegenden Bälle im Schulhof auch im langen Habit sofort wieder an die Schüler zurückspielt, sondern auch, weil an diesem Schulstandort noch vier Ordensschwestern aktiv sind: zwei als Lehrerinnen, zwei als Direktorinnen. „Das sind schon fast die einzigen, die wir in Österreich haben“, so Rudolf Luftensteiner, der das Bildungsreferat der Ordensgemeinschaften leitet, am Dienstag bei einem Pressegespräch.

Die katholischen Schulen machen mit 6,5 Prozent aller Schüler den größten Teil des heimischen Privatschulwesens aus. Zuletzt haben sie mit mehr als 72.000 Schülern in Österreich ihren Höchststand erreicht. Rund 70 Prozent dieser katholischen Privatschulen sind Ordensschulen: Im Namen von Franziskanern, Ursulinen, Jesuiten und anderen Gemeinschaften werden dort an insgesamt 234 Standorten rund 50.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet.

 

Frauenorden stärker betroffen

Einen Habit bekommt man in diesen Ordensschulen jedenfalls nur noch selten zu Gesicht. An den meisten Ordensschulen unterrichten keine Ordensleute mehr, bestätigt Luftensteiner. „Wir haben nur ganz wenige Ordensleute, die noch im schulischen Bereich tätig sind.“ Ein bisschen besser aufgestellt seien noch die Männerorden in den Stiften. Stärker betroffen sind die Frauenorden, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden, um Frauen oder armen Kindern Bildung zu ermöglichen. In diesem Bereich seien die Nachwuchsprobleme am größten, sagt Luftensteiner.

Vor diesem Hintergrund wollen die Ordensschulen, von denen viele schon mittels Schulvereinen geführt werden, jetzt umso stärker herausstreichen, was sie auch ohne Habit in den Klassenzimmern einzigartig macht. Ein Punkt ist etwa ein stärkerer Fokus auf „sinnorientierte“ Bildung statt auf „zweckorientierte“ Ausbildung. Ein anderer ist Lernen durch Erfahrung anstelle von Strebern des Lernstoffs. Ein Beispiel dafür, das an einigen Schulen läuft, ist etwa ein Projekt, bei dem Oberstufenschüler für einige Zeit Sozialeinrichtungen besuchen.

Derzeit sind die Ordensschulen auch dabei, eine Art Gegenentwurf zu den beim PISA-Test abgefragten Kompetenzen zu entwickeln: mit Bewertungsparametern, die auch auf soziale Kompetenz, emotionales Lernen und empathische Fähigkeiten abstellen. „Für uns geht es immer um eine ganzheitliche Sicht von Bildung“, sagt Luftensteiner.

 

Nicht alle Lehrer katholisch

Den Anspruch, dass die Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie schon keine Ordensleute sind, doch zumindest katholischen bzw. christlichen Glaubens sein sollten, können die Ordensschulen nicht immer erfüllen. Zumal in bestimmten Fächern Lehrer generell knapp sind oder zunehmend knapp werden. „Aber auch wenn ich eine Vision nicht ganz erfüllen kann, darf ich sie haben“, sagt Luftensteiner.

Es sei sehr abhängig von den Schultypen. In den Pflichtschulen und den Gymnasien sei das einfacher, im berufsbildenden Bereich dagegen deutlich schwieriger. Ein absolutes Muss sei der katholische Glaube freilich nicht. Klar sei, dass es sich bei den Ordensschulen um christliche Schulen und auch eine Einführung in die Kultur des Christentums handle. „Jemand, der an der Schule ist, muss sich identifizieren können“, sagt Ex-Direktorin Schwester Andrea Eberhart. „Man muss das mittragen können.“

 

Kein pastoraler Terrorismus

Religion sei vielfach aber nicht der Hauptgrund, warum Familien ihre Kinder in eine Ordensschule schicken, bestätigt Luftensteiner eine Umfrage, die der Hauptverband der katholischen Elternvereine vor einigen Jahren durchgeführt hat. Schulklima, wenig Gewalt, Förderung oder soziales Engagement lagen als Motive für die Wahl einer katholischen (nicht zwingend von einem Orden betriebenen) Schule deutlich vor den christlichen Werten. Dafür sind die Eltern auch bereit zu zahlen.

„Für uns gehört die Religion zu einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen dazu“, sagt Luftensteiner. „Wir sehen den Einsatz für Religion aber nicht als pastoralen Terrorismus.“ Er schätzt grob, dass rund 70 Prozent der Schüler an Ordensschulen katholisch seien.

Auf einen Blick

234 Ordensschulen mit insgesamt rund 50.000 Schülern gibt es in Österreich. Sie machen 70 Prozent der katholischen Privatschulen aus. Die Lehrer an diesen Schulen werden vom Staat bezahlt, der Rest wird mit Schulgeld abgedeckt. Das katholische Privatschulwesen insgesamt ist mit einem Anteil von 6,5 Prozent aller Schüler der größte Privatschulerhalter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2017)

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