Schüler haben wenig Ahnung von Wirtschaft

Schüler betrachten ökonomisches Handeln als Sache des Staates. Für viele hat etwa Geldabheben nichts mit Wirtschaft zu tun. Das ist nicht die einzige Lücke.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Viele österreichische Schüler sind sich ihrer mannigfaltigen Verflechtungen mit der Welt der Wirtschaft kaum bewusst. Sie betrachten ökonomisches Handeln oftmals als Sache des Staates, haben Wissenslücken und ein unscharfes Bild vom Unternehmertum. Das sind Ergebnisse von Studien eines Teams um Bettina Fuhrmann von der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien, die sie am Donnerstagabend in Wien vorstellt.

Mit einem Tweet, in dem sie 2015 darauf hinwies, dass sie zwar Gedichte in vier Sprachen analysieren könne, von Steuern oder Versicherungen jedoch wenig Ahnung habe, löste die damals 17-jährige Naina aus Deutschland eine großflächigere Diskussion um wirtschaftliche Bildung aus. Das habe auch Aufmerksamkeit unter Wissenschaftern geweckt - man spreche in dem Zusammenhang sogar von "Naina"-Forschung, wie Fuhrmann im Vorfeld der Veranstaltung mit dem Titel "(Selbst)Verständnis Wirtschaft: Was 14-Jährige über Wirtschaft wissen sollten" im Wiener Haus der Industrie erklärte.

"Ein sehr verkürztes Bild"

In einer Studie führten sie und ihr Team 43 Interviews mit Schülern am Ende der achten Schulstufe (AHS und NMS), also ungefähr im Alter von 14 Jahren durch. Ein darauf basierender Fragebogen wurde dann von 1258 Schülern aus acht Bundesländern ausgefüllt. Eine weitere Interview-Studie fokussierte auf Schüler, die knapp vor der Matura standen. Auffallend sei, "dass sich viele nicht nur selbst nicht so ganz als Teil der Wirtschaft erkennen", auch von anderen Wirtschaftsteilnehmern hätten manche "ein sehr verkürztes Bild", so die Leiterin des Instituts für Wirtschaftspädagogik an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien.

Am ehesten empfinde man sich beim Einkaufen als überhaupt wirtschaftlich involviert. Thematisch am stärksten verbunden sei das Thema mit Begriffen wie dem Staat und Geld. Das gehe so weit, dass Unternehmen, die keinen Gewinn machen, oft nicht als solche gesehen würden, so die Forscherin. Große Produktionsunternehmen und Banken prägen in den Interviews das Bild der Wirtschaft, ein Arzt beispielsweise, der eine eigene Ordination betreibt, wurde vielfach nicht als Unternehmer wahrgenommen.

Bankomat bis Süßigkeiten

In der Fragebogenstudie zeige sich etwa, dass ein Abheben am Bankomat für immerhin 28 Prozent nichts mit Wirtschaft zu tun hat. Nur rund 60 Prozent sehen sich beim Süßigkeitenkauf mit ihrem Taschengeld in einer wirtschaftlichen Situation. Auch ein Praktikum in einem Büro hat lediglich für fast 53 Prozent etwas mit Wirtschaft zu tun. Unter den befragten älteren Schülern war die Annahme weit verbreitet, dass ein Haushalt kein Teilnehmer am Wirtschaftssystem ist. Auch Lehrer würden ihre Tätigkeit vielfach nicht dort eingebettet sehen.

Einen hohen Stellenwert genieße zwar das Geld. Dass aber dessen Wert steigt, wenn die Preise sinken, bejahte nur ein Drittel der Befragten. 60 Prozent sahen hingegen den Wert des Geldes fälschlicherweise steigen, wenn Preise steigen. Der Staat wurde von den Studienteilnehmern als "dominanter Player" gesehen, so Fuhrmann. Über 30 Prozent stießen sich nicht an der Aussage: "Der Staat bestimmt die Löhne und Gehälter der Arbeiter und Angestellten." Ähnlich viel Zustimmung erntete die Aussage, dass der Staat die Preise festsetzt.

Fast zwei Drittel sahen den Staat als Entscheider darüber, was importiert und exportiert wird. Auf einem Kontoauszug fanden sich immerhin rund drei Viertel relativ gut zurecht. Fast die Hälfte der Befragten saß jedoch dem Fehlschluss auf, dass ein Händler für ein Produkt den gleichen Preis zahlt wie der Endverbraucher.

"Vom Sessel gehoben"

Das habe die Wirtschaftspädagogen "doch ein wenig vom Sessel gehoben", so Fuhrmann. Manche Begriffe wie "Wirtschaftswachstum" oder "Inflation" seien zwar bekannt, viele könnten aber nicht viel damit anfangen. Problematisch sei vor allem das lückenhafte Bild der Wirtschaft, denn in der Folge wäre dann vielen nicht klar, in welche Richtungen man sich schulisch oder beruflich orientieren kann.

Begegnen könne man dem mit mehr Zeit zur Beschäftigung mit diesen Themen an Schulen. Als weitere Stellschrauben sieht die Wissenschafterin die Ausbildung der Pädagogen sowie die Gestaltung der Unterrichtsmaterialien. "Man müsste wahrscheinlich an allen drei Schrauben nachjustieren", zeigte sich Fuhrmann überzeugt.

(APA)

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