Bedenken gegen „Ghettoklassen“

Begutachtung. Segregation, Sinnhaftigkeit und Eingriff in Autonomie werden kritisiert.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Nachdem Wien die geplanten Deutschförderklassen zerpflückt hat – sie seien pädagogisch widersinnig, würden Klassen zerreißen und Direktoren vor unlösbare Aufgaben stellen –, kommt kurz vor dem heutigen Ende der Begutachtungsfrist weitere Kritik an den türkis-blauen Deutsch-Plänen. „Alle neueren Erkenntnisse aus der einschlägigen Forschung besagen, dass separate Deutschklassen nicht zum gewünschten Erfolg führen“, schreibt etwa Heidi Schrodt von Bildung Grenzenlos in ihrer Stellungnahme.

Ab Herbst sollen Schüler, die nicht gut genug Deutsch sprechen, in sogenannte Deutschförderklassen. Dort sollen sie statt bisher elf Wochenstunden 15 (Volksschule) bis 20 (NMS/AHS) Deutsch lernen. In den übrigen Stunden werden sie für Fächer wie Turnen, Musik oder Zeichnen altersgemäßen Klassen zugeteilt. Nach jedem Semester wird getestet, ob sie gut genug Deutsch sprechen, um in eine Regelklasse einzusteigen.

Der Meinung von Schrodt ist man auch an der Pädagogischen Hochschule Steiermark. Man begrüße die Initiative, den Deutschunterricht weiterzuentwickeln. Die Verbesserung der Deutschförderung könne man damit aber nicht erreichen, heißt es.

In Tirol gehen die Bewertungen der Pläne auseinander. Der Landesschulrat kritisiert eine Segregation der Schüler. Untersuchungen würden zeigen, dass die Trennung von Sprachenlernen und Fachlernen den Spracherwerb erschwere. Zudem werde die Autonomie der Schulen eingeschränkt, weil ab sechs Schülern Förderklassen eröffnet werden müssen.

ÖVP-Bildungslandesrätin Beate Palfrader sieht das anders: Sie befürworte alle Maßnahmen, die dazu angetan seien, die Deutschkenntnisse zu verbessern – auch die Deutschklassen. „In welchem Maße das Vorhaben erfolgreich sein kann, wird nicht zuletzt von (. . .) der konkreten Ausgestaltung sowie insbesondere den dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen abhängen.“

Letzteres bezweifeln wiederum manche. Der Städtebund stellt infrage, dass für die Deutschklassen keine zusätzlichen Räume nötig sind. Die Städtevertreter glauben nicht, dass die Räume, die bisher für die Deutschförderung verwendet wurden, ausreichen. Laut den Plänen der Regierung können die Deutschgruppen künftig größer werden als bisher – Werkräume oder Arztzimmer seien für 25 Kinder allerdings nicht groß genug.

Finanzielle Bedenken hat das Land Niederösterreich: Durch die geplanten Deutschklassen sei mit einem massiven Personalmehraufwand für das Land Niederösterreich zu rechnen, heißt es in der Stellungnahme. Man erwarte sich eine Abgeltung dieser Mehrkosten durch den Bund.

 

WKO sieht Pläne positiv

Positiv beurteilt die Pläne die Wirtschaftskammer: Man begrüße die Intention der Regierung, heißt es von Präsident Christoph Leitl. Kinder sollen erst dann für schulreif erklärt werden, wenn sie dem Unterricht folgen können. Leitl will, dass die Eltern noch intensiver eingebunden werden. (APA/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2018)

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