Lehrer wollen Start der Deutschklassen verschieben

Die Pflichtschullehrer sehen zu viele ungeklärte Fragen. Die Länder wollen Geld, andere beklagen Segregation. Faßmann verteidigt seine Pläne.

(c) Michaela Bruckberger

Eine Verschiebung der Einführung der geplanten Deutschförderklassen um ein Jahr fordert die Pflichtschullehrergewerkschaft. "Da personelle, infrastrukturelle und ressourcenmäßige Details nicht erklärt sind, ist ein Start mit dem Schuljahr 2018/19 aus unserer Sicht als höchst problematisch anzusehen", heißt es in deren Stellungnahme zum Begutachtungsentwurf.

Erst im Schuljahr 2016/17 starteten die derzeitigen Sprachstartgruppen und Sprachförderkursen, mit denen außerordentliche Schüler beim Spracherwerb unterstützt werden sollen. Die Erfahrungen mit dieser Regelung hätten eigentlich laut Gesetz bis Jänner 2019 evaluiert werden sollen. "Wir bedauern, dass das BMBWF entgegengesetzt dieser Bestimmung eine erneute Reform der Sprachfördermaßnahmen gesetzlich fixieren möchte, ohne die Erfahrungswerte der Expert/innen an den Schulen mit den gegenwärtigen Sprachfördermaßnahmen evaluiert zu haben", bemängeln die Personalvertreter. "Es wird dadurch auch die Autonomie an den Schulstandorten unterbunden." Die Begutachtungsfrist für den Gesetzesentwurf endet am Donnerstag.

20 Stunden Deutsch pro Woche

Mit den Deutschförderklassen werden die bisherigen Sprachfördermaßnahmen (maximal elf Wochenstunden) ausgeweitet: Schüler, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, um dem Unterricht folgen zu können, müssen ab kommendem Schuljahr verpflichtend 15 (Volksschule) bzw. 20 (Neue Mittelschule/AHS-Unterstufe) Wochenstunden eine Deutschförderklasse besuchen. Diese sogenannten außerordentlichen Schüler werden in diesen Stunden nach eigenem Lehrplan in Deutsch unterrichtet, für Gegenstände wie Zeichnen, Musik oder Turnen werden sie altersgemäß anderen Klassen zugeteilt. Eingerichtet werden Deutschförderklassen ab sechs außerordentlichen Schülern pro Schulstandort.

Ein Wechsel in die regulären Klassen ist nach jedem Semester bei entsprechenden Sprachkenntnissen möglich. Werden die erforderlichen Sprachkenntnisse in der Deutschförderklasse während des Wintersemesters erlangt, kann im darauffolgenden Sommersemester der Unterricht in der betreffenden Klasse (mit Deutschförderkurs) besucht werden. Ansonsten muss im Regelfall die Schulstufe wiederholt werden.

Die Pflichtschullehrer haben deshalb auch inhaltliche Bedenken. Diese Klassenwiederholungen würden zu einem Bildungslaufbahnverlust von ein bis zwei Jahren führen. Als Folge würden die betroffenen Schüler nach ihrer Aufnahme in den regulären Unterricht dann mit bis zu zwei Jahren jüngeren Kindern in einer Klasse sitzen. Weiters wird der "Qualitätsverlust" für jene Kinder bemängelt, deren Sprachkenntnisse zwar grundsätzlich vorhanden, aber verbesserungswürdig sind.

Das Ausmaß für deren Sprachförderkurse würde von derzeit elf auf sechs Stunden pro Woche sinken. Weitere Probleme sieht die Gewerkschaft in der zusätzlichen Belastung für Lehrer und Schüler durch die semesterweise stattfindenden Testungen der außerordentlichen Schüler, die darüber entscheiden, ob die Kinder in eine Regelklasse wechseln dürfen.

AHS-Lehrer begrüßen Pläne

Grundsätzlich begrüßt werden die Deutschförderklassen dagegen von der AHS-Lehrergewerkschaft. Sie kann allerdings nicht nachvollziehen, warum es nur Unterstützungsmaßnahmen für außerordentliche Schüler geben soll. "Der Prozentsatz der SchülerInnen, die als 'außerordentliche SchülerInnen' geführt werden, entspricht nur dem Bruchteil der SchülerInnen, die aufgrund ihrer Sprachprobleme in ihren schulischen Erfolgen weit (um Lernjahre!) zurückbleiben." Wolle man alle Schüler mit Deutsch-Defiziten erreichen, würde dies ein "Vielfaches der Anzahl der Klassen und Kurse" erfordern, von denen der Entwurf ausgehe.

Der Großteil der Deutschförderklassen würde in Pflichtschulen - v.a. Volksschulen und Neue Mittelschulen - eingerichtet. In AHS ist die Zahl der außerordentlichen Schüler deutlich geringer.

Länder wollen Geld

Oberösterreich fordert vom Bund, dass er für die Kosten der geplanten Deutschklassen aufkommt. Im Land gehe man von einem zusätzlichen Personalaufwand von knapp 200 Dienstposten und acht Mio. Euro Mehrkosten aus, so LH Thomas Stelzer und Bildungslandesrätin Christine Haberlander (beide ÖVP). Stelzer: "Da geht es ja nicht um Peanuts."
Beide Politiker betonten, dass sie die Einführung von Deutschklassen für eine sinnvolle Maßnahme halten. Aber wenn der Bund als zuständige Gebietskörperschaft etwas beschließe, dann müsse er auch bereit sein, für die finanziellen Folgen aufzukommen und dürfe die Länder "nicht auf den Kosten sitzen lassen".

Kärnten will nachverhandeln

Der Kärntner Landeshauptmann und Bildungsreferent Peter Kaiser (SPÖ) hat neue Verhandlungen zu den geplanten Deutschklassen gefordert. Wie das Land Kärnten in einer Aussendung mitteilte, habe man aufgrund der dadurch entstehenden Mehrkosten den Konsultationsmechanismus ausgelöst. Diesen Schritt hatte zuvor bereits Wien gesetzt.

Laut Berechnungen der Bildungs- und der Finanzabteilung würde zusätzliches Lehrpersonal 472.720 Euro kosten. Kaiser machte auch einen erhöhten Verwaltungsaufwand für die Schulen geltend, es brauche für die neuen Deutschklassen außerdem zusätzliche Klassenräume, die oft gar nicht vorhanden seien: "Eine Umsetzung ab Start des Schuljahres 2018/19, wie im Gesetz vorgesehen, ist praktisch nicht durchführbar", so Kaiser, der auch darauf verwies, dass bestehende Klassengemeinschaften "zerrissen" würden. 860 Kinder in Kärnten seien davon betroffen.

Wien zerpflückte Pläne

Wien hatte zuvor schon die Pläne zerpflückt: Sie seien pädagogisch widersinnig, würden Klassen zerreißen und Direktoren vor unlösbare Aufgaben stellen. Bildungslandesrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) bezeichnete den Entwurf als „undurchführbar“.
Andere kritisierten die Segregation. „Alle neueren Erkenntnisse aus der einschlägigen Forschung besagen, dass separate Deutschklassen nicht zum gewünschten Erfolg führen“, schriebt etwa Heidi Schrodt von Bildung Grenzenlos in ihrer Stellungnahme. Ähnliches kam von der Pädagogischen Hochschule Steiermark und vom Tiroler Landesschulrat.

Nicht ganz einig sind sich Elternvertreter: "Das 'Projekt Deutschklassen' wird nicht nur in Wien bestehende Klassengemeinschaften zerreißen und in Kinderfreundschaften eingreifen", befürchtet der Vorsitzende des Landeselternverband Wien, Karl Dwulit, in einer Aussendung. Sein steirisches Pendant begrüßt dagegen die "Erweiterung der Maßnahmen zur Sicherstellung von adäquater Kenntnis der Unterrichtssprache", heißt es in seiner Stellungnahme zum Begutachtungsentwurf. Allerdings müssten die Entscheidungen über die Einstufung als außerordentlicher Schüler bzw. die Feststellung der Schulreife schriftlich begründet und eine Widerspruchsmöglichkeit vorgesehen werden.

Faßmann verteidigt Pläne

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) verteidigt die geplanten Deutschförderklassen an den Schulen. Diese Maßnahme würde einen dauerhaften Ausschluss von Schülern, die dem Unterricht aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht folgen können, verhindern, so der Minister laut Parlamentskorrespondenz im Budgetausschuss des Nationalrats. Auch die dafür budgetierten Mittel würden aus heutiger Sicht ausreichen, betonte Faßmann. Der Bund stelle über 400 zusätzliche Planstellen zur Verfügung.

(APA/red.)

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