Schule: Wo es bei den Deutschklassen (noch) hakt

Kritik an den neuen Deutschklassen kommt von vielen Seiten: Forschung, Lehrern, Ländern. Minister Faßmann (ÖVP) will nun einige Punkte adaptieren.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Die Deutschförderklassen werden eingeführt, und zwar ab Herbst – es wird allerdings die eine oder andere Adaptierung geben. Dass sich bei der Schülerzahl, ab der eigene Deutschklassen Pflicht sind, etwas ändern wird, hat Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) bereits angekündigt. Mehr wird er heute, Dienstag, skizzieren. Kritik an den türkis-blauen Plänen, laut denen Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen künftig 15 bis 20 Stunden pro Woche in eigenen Förderklassen Deutsch lernen sollen, ist zuletzt jedenfalls aus verschiedensten Richtungen gekommen – von Ländern bis zu Lehrern – und reicht von Segregation bis zu Schulautonomie und natürlich: den Ressourcen.

„Die Presse“ fasst die größten Brocken der Kritiker zusammen – und einige Schrauben, an denen gedreht werden könnte.

Kritik an Grundidee

Die grundsätzliche Idee der Deutschklassen stößt bei manchen auf Widerspruch – Stichwort „Ghettoklassen“. Aus der Sprachwissenschaft wird kritisiert, dass weitgehend separate Fördermaßnahmen nicht zu dem gewünschten Erfolg führen. Es sei belegt, dass langfristige, integrative Förderung im Klassenverband die besten Ergebnisse zeige. Die Trennung von Sprachenlernen und Fachlernen könne den Spracherwerb erschweren. Mehrfach kritisiert wird auch, dass Schüler, die im Sommersemester mit der Deutschförderklasse fertig sind, nur ausnahmsweise in die nächsthöhere Klasse aufsteigen dürfen sollen – und viele dadurch ein Schuljahr verlieren werden. Letzteres dürfte weicher formuliert werden.

Organisation als große Unbekannte

Wie die Deutschklassen organisiert sein sollen, ist für viele noch eine große Unbekannte. (Nicht nur) Wien befürchtet, dass Schulleiter vor große Aufgaben gestellt und bestehende Klassen zerrissen werden. Wie vor allem in Schulen mit vielen betroffenen Schülern ein reibungsloser Umstieg von der Förderklasse in die regulären Schulklassen gelingen soll, fragen sich manche. Personelle, infrastrukturelle und ressourcenmäßige Details seien nicht geklärt, klagen auch die Pflichtschullehrer. Ihrer Forderung, die Reform zu verschieben, erteilt Faßmann allerdings eine Absage. Eine Änderung ist aber bereits fix, bestätigte das Ministerbüro Medienberichte: Eigene Klassen sollen nicht wie geplant ab sechs, sondern ab acht Schülern an einer Schule verpflichtend sein – weniger Schüler können integrativ mit weniger Extrastunden gefördert werden.

Zweifel an Ressourcen

Manche Bundesländer zweifeln daran, dass sich die Deutschklassen ohne massives Extrageld ausgehen. Nicht nur die rot regierten Länder Wien und Kärnten, sondern auch Oberösterreich und Niederösterreich gehen davon aus, dass es mehr Personal braucht als bisher. Man erwarte sich eine Abgeltung der Mehrkosten durch den Bund. Befürchtet wird auch, dass Hunderte zusätzliche Räume nötig sind. Wie Faßmann argumentiert, dass es sich mit den budgetierten Mitteln ausgehe – und wie sich die Rechnungen der Länder davon unterscheiden –, dürfte heute Thema sein. Ein Punkt ist, dass nicht alle Kinder mit Förderbedarf gleich in eine eigene Klasse müssen: Jene, die nicht (mehr) ganz so schlecht sprechen, sollen sechs Stunden pro Woche parallel zum normalen Unterricht gefördert werden. Dass eigene Klassen erst ab acht Schülern verpflichtend kommen, dürfte sich finanziell auch auswirken.

Furcht vor großen Klassen

Ein Kritikpunkt betrifft die Schülerzahl: Gerechnet hat das Bildungsministerium mit einer durchschnittlichen Klassengröße von 17 Schülern. Wien fürchtet daher, dass die Deutschförderklassen besonders in den Ballungsräumen größer werden könnten – und dort dann bis zu 25 Schüler sitzen. Die Lehrer pochen darauf, dass die Gruppen nicht größer werden dürfen.

Einschnitt bei Autonomie

Einige orten in der Vorgabe, dass Schulleiter ab einer gewissen Anzahl von Schülern fix Deutschklassen aufsperren müssen, einen Eingriff in die Schulautonomie, die ja eigentlich gestärkt werden sollte. Die jeweilige Schule wisse am besten, in welcher Form Deutschförderung organisiert werden solle, heißt es: integrativ in der Klasse, teilweise integrativ oder in einer Förderklasse. Wien hat wegen der genauen Vorgaben des Bundes sogar verfassungsrechtliche Bedenken. Am Prinzip wird sich nichts ändern – das Verbindliche der Deutschklassen ist immerhin der Kern der Reform. Das Bildungsministerium stellt insgesamt aber etwas mehr Flexibilität für die Direktoren in Aussicht.

Auf einen Blick

Ab Herbst sollen Schüler, die nicht gut genug Deutsch sprechen, in sogenannten Deutschförderklassen gefördert werden. Dort sollen sie statt bisher elf Wochenstunden künftig 15 (Volksschule) bis 20 (NMS/AHS) Stunden Deutsch lernen. In den übrigen Stunden werden die Schüler für Fächer wie Turnen, Musik oder Zeichnen altersgemäßen Klassen zugeteilt. Nach jedem Semester wird getestet, ob sie gut genug Deutsch sprechen, um in eine Regelklasse einzusteigen. Wer nicht (mehr) ganz so schlecht Deutsch spricht, soll in der normalen Klasse sitzen und mit sechs Extrastunden pro Woche gefördert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Schule: Wo es bei den Deutschklassen (noch) hakt

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.