Fünf Lehren aus der Zentralmatura

Jeder Fünfte kassierte einen Fünfer in Mathematik, nach der Kompensation bleiben viele Vierer. Was hinter den Noten steckt, und an welchen Schrauben der Bildungsminister nun drehen will.

Reifeprüfung
Reifeprüfung
Reifeprüfung – Quelle: BMBWF, Statistik Austria / Grafik: "Die Presse" GK

Wien. Es war kein besonders gutes Jahr für die Maturanten: Jeder fünfte Schüler hat bei der zentralen Mathematikklausur einen Fünfer kassiert. Das zeigen die aktuellen Maturanoten, die Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) am Dienstag präsentiert hat, nachdem schon erste Teilergebnisse für Wirbel gesorgt hatten. Fünf Erkenntnisse aus der diesjährigen Matura – und was bei der Reifeprüfung künftig anders sein wird.

Reifeprüfung
Reifeprüfung
Reifeprüfung – Quelle: BMBWF, Statistik Austria / Grafik: "Die Presse" GK

1 Viele Schüler rettet die Kompensation – dafür hat jeder zweite BHS-Schüler einen Vierer.

Die Note der schriftlichen Klausur dürfte viele geschockt haben. Einser gab es dieses Jahr kaum: Nur jeder zehnte AHS-Maturant schaffte ein Sehr gut, an den BHS überhaupt nur jeder Zwanzigste – das sind ein bis zwei pro Klasse. Fünfer gab es dafür zuhauf: An den Gymnasien scheiterten 22 Prozent der Schüler, an den BHS 19 Prozent. Viele rettete nur die Kompensationsprüfung. Bei der sind die Aufgaben zwar zentral vorgegeben, werden aber mündlich abgefragt. Viele Schüler schafften es damit doch noch auf einen Vierer – von denen gibt es dafür aber nun sehr viele: an den Gymnasien fast 30 Prozent, an den BHS sind es fast 60 Prozent. Übrig blieben in Mathematik an den AHS danach sieben Prozent Fünfer, an den BHS fünf Prozent. 2017 waren es 4,8 und 3,3 Prozent. Aus dem Ministerium heißt es dazu: Nach der Kompensation seien die Noten zwar „schon schlechter als im Vorjahr – aber innerhalb der üblichen Schwankungsbreite“.

2 Es gibt ein Muster. Auf ein gutes Maturajahr folgte zuletzt stets ein schlechteres.

Fast könnte man sagen: Glücklich sind die, die kommendes Jahr maturieren. In Mathematik hat sich nämlich in den vergangenen Maturajahren eine Art Muster herauskristallisiert: Auf ein gutes Jahr folgte ein weniger gutes – und umgekehrt. Die Gründe dafür konnte bisher noch niemand wirklich letztgültig darlegen, die Zahlen sprechen aber für sich: So haben beim ersten Maturadurchgang zehn Prozent der AHS-Maturanten ein Nicht genügend kassiert, beim zweiten rund 23 Prozent, beim dritten zwölf Prozent und heuer wieder 22. An den BHS ist das Auf und Ab weniger deutlich, aber es ist da: 2016 waren 14 Prozent der Klausuren negativ, dann neun und dieses Jahr 19 Prozent, das bisher schlechteste BHS-Ergebnis.

3 Deutsch und Englisch sind unproblematisch. Und vergleichsweise schwankungsfrei.

Neben der Mathematik-Diskussion, die sogar schon die Volksanwaltschaft auf den Plan gerufen hat, geht beinahe unter, dass auch in anderen Fächern zentral maturiert wird, etwa in Deutsch und Englisch. Dort lief freilich in den vergangenen Jahren, abgesehen von Debatten über den Stellenwert der Literatur, alles recht problemlos. Auch was die Noten angeht, die den Vorjahresergebnissen ähneln: In Deutsch kassierten diesmal schriftlich fünf Prozent der Gymnasiasten einen Fünfer, nach der Kompensation war nicht einmal mehr jeder hundertste negativ. In Englisch waren es zunächst acht Prozent, wirklich negativ blieben zwei Prozent. An den BHS sieht es relativ ähnlich aus – in Englisch etwas schlechter.

4 Manche Schultypen tun sich schwerer. Viele der schlechten Standorte sind in Wien.

Wie die Matura ausfällt, darüber entscheidet auch der Schultyp. Die Oberstufengymnasien schneiden deutlich schlechter ab als acht Jahre dauernde AHS, an HTL gab es etwa deutlich weniger Mathe-Fünfer als an HAK. Das Ministerium hat sich auch angesehen, wo die zehn schlechtesten Standorte sind: Bei den AHS sind acht davon in Wien, bei den BHS fünf in der Steiermark. Da vermutet wird, dass die langen Texte für die schlechten Mathematikergebnisse mitverantwortlich sind, wurde auch die Sprache analysiert. Demnach haben die Schulen mit den besten Mathematiknoten acht Prozent Schüler mit anderer Umgangssprache als Deutsch, die schlechtesten 31 Prozent.

5 Das Konzept steht grundsätzlich nicht infrage – manches wird aber verändert werden.

Auch wenn Bildungsminister Faßmann zuletzt ankündigte, bei der Reifeprüfung massiv nachzuschärfen: An der Grundidee der Matura wird nicht gerüttelt. Die Zentralmatura habe sich grundsätzlich bewährt – und außerdem gebe es de facto in jedem entwickelten Land irgendeine Art von zentraler Abschlussprüfung. Die Prüfung wird aber nun evaluiert – und manches soll geändert werden. Unter anderem wird dafür Ex-Stadtschulratspräsident Kurt Scholz (SPÖ) durch die Bundesländer touren und Feedback einholen. Eine Liste der Punkte, an denen geschraubt werden soll, gibt es auch. Demnach werden die Angabentexte für Mathematik wohl kürzer werden. Die Kompetenzen, die in Mathematik geprüft werden können, werden überarbeitet. Es gibt eine neue „Überprüfungsgruppe“ für die Aufgaben, in denen auch Lehrer oder Elternvertreter sitzen könnten. Bei der Beurteilung soll stärker auf Verständnis abgestellt werden, ein reiner Rechenfehler soll keinen Punkt kosten. Und an den AHS könnte die Matura stärker nach Schwerpunkten differenziert werden. Am für alle BHS gemeinsamen Mathematikteil wird dagegen eher nicht gerüttelt. „Sonst verliert die Zentralmatura ihre Raison d'être.“

Während sich Schülervertreter und FPÖ über die Maßnahmen freuen, gehen sie den Neos nicht weit genug: Noch-Klubchef Matthias Strolz fordert eine radikale Reform.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2018)

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