Lehrerkurs für Flüchtlinge droht zur Eintagsfliege zu werden

23 geflüchtete Lehrer bekommen am Freitag ihre Zertifikate, um zu unterrichten. Uni-Professor vermisst den politischen Willen, das Projekt weiter zu finanzieren.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Bildungswissenschafter der Universität Wien haben im Vorjahr einen Kurs gestartet, um geflüchteten Lehrern Einstiegsmöglichkeiten in Wiener Schulen zu ermöglichen. Morgen, Freitag, bekommen die ersten 23 Absolventen ihre Zertifikate. Nachdem die Weiterfinanzierung momentan aber nicht in Sicht sei, laufe man Gefahr, dass das Projekt zur Eintagsfliege wird, befürchtet der wissenschaftliche Leiter.

"Wir haben mit viel Aufwand dieses Rad erfunden", nun könnte man es "mit relativ wenig Aufwand weiter drehen", sagte Gottfried Biewer vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Entgegen den Hoffnungen des Wissenschafters hat sich allerdings noch kein größerer Förderer der ursprünglich vom Außenministerium getragenen Initiative gefunden, der die rund 70.000 Euro für die nächste Runde des Zertifikatskurses übernimmt. Dieser hätte eigentlich im Herbst starten sollen.

"Eine Sache des politischen Willens"

An der bisherigen inhaltlichen Bilanz des Forschungs- und Ausbildungsprojekts könne es laut Biewer kaum liegen, es dürfte sich vielmehr um "eine Sache des politischen Willens" handeln. Es gebe jedenfalls vor allem in Wien durchaus Bedarf an Lehrern mit Fluchthintergrund und guten Kenntnissen in Arabisch und Deutsch. Neben der Tatsache, dass der Großteil der Kursteilnehmer in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) ausgebildet sei, könnten diese als Mediatoren zwischen Schulen und Flüchtlingsfamilien fungieren, zeigte sich Biewer überzeugt.

Abseits des Kurses haben in ihren Herkunftsländern ausgebildete Lehrer aktuell keine Möglichkeit, im österreichischen Schulsystem Fuß zu fassen. Der im Herbst 2017 gestartete Zertifikatskurs für Lehrer der Sekundarstufe mit mindestens Bachelorabschluss, anerkanntem Bleiberecht und ausreichenden Deutschkenntnissen wurde ins Leben gerufen, um hier Abhilfe zu schaffen. Elf Frauen und zwölf Männer - das Gros davon aus Syrien (16) - schließt das Programm nun ab. Vermittelt wurden in dem Kurs an drei Tagen pro Woche "Allgemeine Bildungswissenschaftliche Grundlagen", an zwei weiteren Tagen sind die Pädagogen an Wiener Schulen tätig, dazu kommen parallel noch Deutschkurse.

Kein Teilnehmer ist abgesprungen

Es sei "ziemlich ungewöhnlich", dass keiner der Teilnehmer im Lauf des knappen Jahres abgesprungen ist. Vorausgesetzt die Absolventen können Deutschkenntnisse auf C1-Niveau nachweisen, können sie mittels Sonderverträgen ab Herbst als Lehrer an Schulen angestellt werden. Die 23 Absolventen stünden momentan im Bewerbungsprozess beim Stadtschulrat. "Sie haben dort aber keinen privilegierten Zugang", so Biewer. Trotzdem sehe es in punkto künftiger Beschäftigungssituation "gut aus" - auch weil die Teilnehmer bei nicht erbrachtem C1-Nachweis etwa in der Nachmittagsbetreuung eingesetzt werden könnten.

Seitens der Uni Wien wartet man noch ab, wie die Absolventen im Herbst am Arbeitsmarkt angenommen werden, um dann gegebenenfalls einen neuen Finanzierungsversuch zu starten. Dann wäre ein Beginn des zweiten Durchlaufs im Frühjahr noch denkbar. Für eine Neuauflage des laut dem wissenschaftlichen Leiter europaweit in dieser Form einzigartigen Kurses mangle es jedenfalls nicht an qualifizierten Interessenten.

(APA)

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