Sitzenbleiben für Volksschüler: Wiener Landtag fordert das Aus für die Pläne

Die Bundesregierung führt die Ziffernnoten und das Sitzenbleiben ab der zweiten Volksschulklasse wieder ein. Die rot-grüne Stadtregierung beschließt gemeinsam mit den Neos einen Resolutionsantrag dagegen.

Symbolfoto: Volksschule
Symbolfoto: Volksschule
Sitzenbleiben für Volksschüler: Wiener Landtag fordert das Aus für die Regierungspläne – Clemens Fabry

Wien ist nun quasi auch offiziell gegen die Pläne des Bundes, Noten bzw. Sitzenbleiben ab der zweiten Volksschulklasse einzuführen. Ein entsprechender rot-grüner Resolutionsantrag ist am Freitag im Landtag beschlossen worden, wobei auch die NEOS mitstimmten. Die Vertreter von ÖVP und FPÖ verteidigten hingegen das kürzlich präsentierte Schulpaket.

Die Sondersitzung war von den NEOS einberufen worden, die vor allem über eine "Misere" im Pflichtschulbereich reden wollten, wobei sie eine "Bildungsrevolution" für Wien urgierten. Wenig überraschend wurde das Treffen jedoch von der Debatte um das kürzlich vom Bund präsentierte Schulpaket überlagert. Rot-Grün nutzte die Gelegenheit, um einen Resolutionsantrag zu beschließen. In diesem wird nicht nur die "Neue Mittelschule" verteidigt und die Einführung von Leistungsgruppen kritisiert, sondern auch die Noten- und Sitzenbleibenpläne für Volksschüler zerpflückt.

"Rad der Zeit wird zurückgedreht"

"Die Trennung der Schülerinnen und Schüler mit zehn Jahren stellt eine große Belastung für Eltern sowie Kinder dar und führt nachweislich zu einer sozialen Selektion. In anderen europäischen Ländern wurde bereits vor einigen Jahrzehnten die organisatorische Trennung durch die individuelle Förderung der Kinder abgelöst", heißt es in dem Papier. Die "Neue Mittelschule" sei ein Kompromiss der vorangegangen Regierungen gewesen, um "die individuelle Förderung der Kinder zu forcieren und die Trennung zwischen Hauptschule und Gymnasium aufzuweichen", wird betont.

Nunmehr werde das "Rad der Zeit" zurückgedreht. Inhomogene Leistungsgruppen seien etwa Bildungssackgassen für Schüler mit Lernschwächen, wird beklagt. In den Volksschulen wiederum würden die schulautonomen Freiräume in der Notengebung zurückgedrängt und Sitzenbleiben bereits ab der 2. Klasse eingeführt. Bisher hätten Klasseneltern und Lehrer über die Form der Beurteilung bis zum Ende der dritten Klasse entscheiden können. "Da die meisten Wiener Volksschulen die Möglichkeiten der alternativen Leistungsbeurteilung genutzt haben, trifft Wien diese Maßnahme besonders stark", heißt es im Antrag.

"Anstatt die Jahrgangsstruktur der Volksschule stärker an die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten der Kinder anzupassen, wird darüber hinaus Sitzenbleiben als Strafe ab der 2. Schulstufe wieder eingeführt. Anstatt die Schule nach den Lernbedürfnissen der Kinder zu organisieren und ihre Lernbegeisterung zu wecken, werden die Kinder mit Strafe und Sanktion bedroht. Mit diesen bildungspolitischen Rezepten von gestern kann man nicht die Schule der Zukunft schaffen", konstatiert der Wiener Landtag. Gefordert wird unter anderem, die schulautonomen Entscheidungen für eine alternative Leistungsbeurteilung (die ergänzend zu Ziffernnoten auch künftig möglich sein wird, Anm.) zu respektieren.

Viele Schulen bevorzugen die verbale Beurteilung

"Hier wird Wahlfreiheit massiv eingeschränkt", beklagte der Wiener SPÖ-Bildungssprecher Heinz Vettermann. Im Schulgemeinschaftsausschuss werde besprochen, wie lange verbal beurteilt werde und wie lang der Übergang zur Notengebung dauere. Spätestens in der vierten Klasse, so gab er zu bedenken, würden die "heiß geliebten" Noten sowieso kommen. Der Klubobmann der Wiener Grünen, David Ellensohn, warf der Bundesregierung vor: "Sie hauen alles, was erarbeitet wurde, kurz und klein." Er warf zudem dem Bund einmal mehr vor, Schulsozialarbeiter und Pädagogen gestrichen zu haben.

Auch NEOS-Klubchef Christoph Wiederkehr hält das Paket für keinen großen Wurf, wie er darlegte. "Es gab mehr als 1000 Schulversuche an Volksschulen, die die Noten abgeschafft haben, und das aus gutem Grund." Auch er sprach sich für die Beibehaltung der Autonomie aus. Zudem fordern die NEOS die Einführung eines verpflichtenden Ethikunterrichts an Pflichtschulen. Dieser solle den Schülern Kritikfähigkeit, Diskursfähigkeit und Toleranz vermitteln. Ein entsprechender pinker Antrag fand auch bei den Regierungsfraktionen Zustimmung.

"Ich bitte Sie, sich an die Spielregeln zu halten"

Die Wiener ÖVP-Bildungssprecherin Sabine Schwarz wies die Kritik am pädagogischen Paket zurück: "Sie können nicht immer die Bundesregierung für alles verantwortlich machen." Die Regierung stelle "Spielregeln" auf: "Und ich bitte Sie, sich an die Spielregeln zu halten." Wobei auch die VP-Vertreterin forderte, die Schulautonomie zu stärken - allerdings in Zusammenhang mit der Nachmittagsbetreuung. Hier sollten Eltern und Schulen gemeinsam entscheiden, wie diese durchgeführt werde.

"Gott sei Dank" würden wieder Ziffernnoten in der Volksschule sichergestellt, zeigte sich der nicht amtsführende FPÖ-Stadtrat Maximilian Krauss erleichtert. Gerade in Familien, wo die Eltern schlecht Deutsch sprächen, habe das alternative Benotungssystem Verwirrung gestiftet, erklärte er. Dieses werde nun ergänzt durch das "richtige, historisch bewiesene System" der Ziffernnoten. Auch in der Mittelschule würde mit den Maßnahmen, die nun geplant seien, das Niveau wieder gesteigert.

(APA)

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