Schulen: Was Wien von London lernt

Lokalaugenschein. Londons Schulen waren einst das bildungspolitische Sorgenkind. Inzwischen sind sie überdurchschnittlich gut. Die Neos holen sich dort nun Ideen für Wien.

16-Jährige bereiten sich in der Oaklands Secondary School auf ihre Abschlussprüfung vor. Das Kopftuch ist dort kein Streitthema – solange es zur Uniform passt. Dafür stellte Direktorin Canavan früh klar, dass alle Schüler miteinander Englisch sprechen.
16-Jährige bereiten sich in der Oaklands Secondary School auf ihre Abschlussprüfung vor. Das Kopftuch ist dort kein Streitthema – solange es zur Uniform passt. Dafür stellte Direktorin Canavan früh klar, dass alle Schüler miteinander Englisch sprechen.
16-Jährige bereiten sich in der Oaklands Secondary School auf ihre Abschlussprüfung vor. Das Kopftuch ist dort kein Streitthema – solange es zur Uniform passt. Dafür stellte Direktorin Canavan früh klar, dass alle Schüler miteinander Englisch sprechen. – L. Hagelmüller

London. Man schnauft ob der Geschwindigkeit, mit der einen Tamima (14) und Mohammed (15) durch ihre Schule führen: hier der Werkraum, in dem der Lehrer den kaputten Laserdrucker repariert, dort die kopftuchtragende Lehrerin, bis zur Klasse voller Elfjähriger, deren Hände in Physik nach oben schießen und wo Ben, einer der sehr wenigen Schüler ohne Migrationshintergrund, gerade eine Frage zu Aggregatzuständen von Wasser beantwortet.

„Als ich 2005 Direktorin wurde, hätte ich Sie nicht eingeladen“, sagt Patrice Canavan, eine resolute Frau um die 60. Heute ist die Oaklands Secondary School im Londoner East End, eine Schule mit typischer Brennpunktschulenklientel, ein Musterbeispiel dafür, wie sich die Schulen der britischen Hauptstadt in den vergangenen 15 Jahren entwickelt haben. Wie das gelingen konnte, wollen viele wissen – davon zeugt die Wand voller Fotos, auf der sich bald auch Wiens Neos-Klubchef Christoph Wiederkehr und Bildungssprecherin Bettina Emmerling finden. Sie suchten in London nach Ideen für Wien.

 

Zuckerbrot und Peitsche

Viele halten die dortige Schulreform, speziell die sogenannte London Challenge, für eine der wenigen, die funktioniert hat, wenngleich auch Faktoren wie die Demografie mitgespielt haben. Von der Region, deren Schüler bei den in Großbritannien üblichen standardisierten Tests am schlechtesten abgeschnitten haben, ist London zur besten geworden. Waren früher schlechte Lernergebnisse, niedrige Lehrermotivation und Gewalt unter Schülern üblich, sagt Canavan heute: „Die meisten Londoner Schulen sind gut oder überdurchschnittlich.“

Gelungen sei das mithilfe einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche – und viel Geld: So erklärt es jedenfalls Lord Andrew Adonis, der Berater und dann Bildungsminister unter den New-Labour-Premiers Tony Blair und Gordon Brown war. Er gilt als Erfinder der sogenannten Academies. Unter diesem Stichwort verpasste der streitbare Politiker 200 schwierigen Schulen einen Neustart. „Sie waren als Marke gescheitert“, sagt Adonis über diese Gesamtschulen für Schüler zwischen elf und 16. „Man musste sie grundlegend neu erfinden, manche sogar wörtlich niederreißen und wieder aufbauen.“

Diese Academies, öffentliche Schulen, die nicht den lokalen Behörden, sondern dem Bildungsministerium unterstehen, aber von privaten Trägern geführt werden, sollten mit mehr Freiheit zu besseren Ergebnissen kommen. Nach dem Start in London machen die Schulen, die teilweise auch in der Kritik stehen, heute den Großteil der britischen Mittelschulen aus.

Sie seien der radikale Teil der damaligen Reformen unter Blair gewesen, sagt Adonis. Ein anderer Teil war die London Challenge, die von 2003 bis 2011 lief – in den Augen des Ex-Ministers das freundlichere Gesicht, das auf massive Verbesserungen der Schulen setzte – jener Teil, der laut der heimischen Expertin und London-Kennerin Heidi Schrodt die nachhaltigere Veränderung brachte.

Die London Challenge, die vergangene Woche sogar in Wien plötzlich als Vorbild des Aktionsplans für Brennpunktschulen genannt wurde, den noch die vorherige Regierung beschlossen hat, brachte eine ambitionierte Vision für die Schulen – binnen kurzer Zeit deutlich besser zu werden – und ein breites Bündel an Maßnahmen: Ressourcen, Berater für Schulentwicklung, Fokus auf starke Schulleiter und auf Unterrichtsqualität, Netzwerke. Und die Nutzung aller Daten der standardisierten Schülertests. Klare Ziele und Konsequenzen inklusive – etwa den Rauswurf der Schulleitung und sogar (selten) Schulschließungen.

„Die London Challenge hatte einen phänomenalen Effekt“, sagt Direktorin Canavan im East End, deren Schule keine Academy geworden ist. Brennpunktschulen seien gut finanziert und von Experten unterstützt worden, man habe anhand der Daten Schulen mit ähnlicher Klientel gefunden, die in bestimmten Fächern besser waren, um sich etwas abzuschauen.

Und die Schulen hätten eine neue Einstellung entwickelt, die 15 Jahre später greifbar ist, etwa wenn Mohammed, der wie rund 90 Prozent seiner Mitschüler Wurzeln in Bangladesch hat, selbstbewusst erzählt, dass er sich noch nicht ganz zwischen Medizin und einem Finanzwirtschaftsstudium entschieden habe: „Unsere Schüler sind hier, um etwas zu erreichen.“

Zugleich waren die Schulleiter unter Druck. Es gab klare Zielvorgaben – und nicht zuletzt waren und sind die standardisierten Testergebnisse jeder Schule in Großbritannien öffentlich. „Wer nicht mitgemacht hat, fiel auf“, sagt Canavan, die sowohl den Mangel an Daten als auch die fehlenden Personalkompetenzen der österreichischen Schulleiter unverständlich findet. Sie hat mehr als einen Lehrer entlassen: „Gute Direktoren haben keine schlechten Lehrer.“

 

Lehrer auch entlassen

Die Bedeutung starker Direktoren wie Canavan – die auch berichtet, wie sie in den ersten Monaten disziplinär hart durchgriff – ist einer der Punkte, die die Neos für Wien mitnehmen. Auch die heimischen Schulleiter sollten im Extremfall Lehrer entlassen können. Schulen niederzureißen kommt dagegen für Wiederkehr vorerst nicht infrage, Testdaten zu veröffentlichen schon eher – freilich auch nur, sofern es Begleitmaßnahmen gibt.

Den Aktionsplan für Brennpunktschulen müsse man jedenfalls massiv ausweiten und mit konkreten Zielen verknüpfen. Zudem sei deutlich mehr Budget notwendig. Als Klubchef einer kleinen Oppositionspartei drängt Wiederkehr daher erneut auf einen Bildungsgipfel für Wien: Es brauche einen großen Reformansatz – über Parteigrenzen hinweg.

Compliance-Hinweis: Die Reise nach London erfolgte auf Einladung der Neos Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2018)

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