Problemschüler: „Dulden keine Gewalt in der Schule“

Während die FPÖ Erziehungscamps fordert, denkt das Ministerium über die Idee nach, Schüler auf Zeit aus der Klasse zu nehmen. Psychologen drängen auf Konsequenz.

THEMENBILD: GEWALT IN DER SCHULE
THEMENBILD: GEWALT IN DER SCHULE
Themenbild: Gewalt in der Schule (gestellt) – (c) APA (ROLAND SCHLAGER)

Wien. Gewalt in der Schule bleibt auch im neuen Jahr Thema. Der jüngste Beitrag zu der Debatte löst allerdings bei manchen Kopfschütteln aus: Der Wiener Vizebürgermeister Dominik Nepp (FPÖ) fordert „Erziehungscamps“ für gewalttätige Schüler und Problemschüler. In solchen Camps sollen etwa Sozialpädagogen, Therapeuten und auch Ärzte mit den Schülern arbeiten, sagte Nepp im ORF.

Im Büro von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) will man den aktuellen Vorschlag nicht einmal kommentieren. Und der Wiener Bildungsstadtrat, Jürgen Czernohorszky (SPÖ), fühlt sich an „Bootcamps aus dem deutschen Reality-TV“ erinnert. Er verweist neben der neuen Hotline für Lehrer auch auf die vom Bürgermeister bereits angekündigten Soforthilfetrupps für Wiener Schulen, die demnächst ihre Arbeit aufnehmen sollen – wie diese genau aussehen werden, ist aber noch nicht klar.

Der Hintergrund: Nach Debatten über gewalttätige Schüler und Attacken auf Lehrer vor allem in Wien wurden im Oktober erstmals Zahlen vorgelegt. 258 Gewaltdelikte an Schulen wurden laut Stadtschulrat 2017/18 angezeigt, davon 138 an Mittelschulen. Österreichweit wurden 857 Polizeieinsätze wegen Gewalttaten gezählt, in 847 Fällen wurde Anzeige erstattet.

 

Time-out-Klassen für Schüler?

Wien hatte damals auch Maßnahmen angekündigt – etwa neue Regeln bei Suspendierungen, verpflichtende Termine für aggressive Schüler beim Schulpsychologen oder Broschüren, in denen Regeln und Sanktionen aufgelistet sind. Bildungsminister Faßmann sprach zu Beginn der Debatte neben weiterer Präventionsarbeit und Krisenplänen für die Schulen auch von flächendeckenden Verhaltensvereinbarungen an Schulen – inklusive Sozialdiensten für Schüler, die etwas angestellt haben.

Derzeit wird im Bildungsministerium auch eine Idee geprüft, die der Lehrergewerkschafter Paul Kimberger wiederholt eingefordert hat: Man denke über sogenannte Time-out-Klassen nach, heißt es gegenüber der „Presse“. Das bedeutet, dass gewalttätige oder verhaltensauffällige Schüler für eine gewisse Zeit aus ihrer Klasse genommen und in Extragruppen gesetzt werden können. Sie sollen dann dort von speziellen Lehrern und Fachkräften betreut werden – so lange, bis sie wieder in die Klasse integriert werden können. Laut Kimberger sind solche Modelle anderswo durchaus erfolgreich.

Zweifel an der Sinnhaftigkeit solcher Extragruppen hat die Bildungspsychologin Christiane Spiel. „Das ist zwar eine Erleichterung für die Klasse – es stellt sich aber die Frage, was in diesen Gruppen genau geschieht. Ob Schüler dort etwa auch regulären Unterricht haben“, sagt sie zur „Presse“. „Wichtig ist, dass man abklärt, inwieweit es professioneller Hilfe bedarf.“Denn mitunter stoßen Schulen an ihre Grenzen – etwa, wenn Schüler gewalttätig sind, weil sie selbst zu Hause Gewalt erfahren.

Was die Schule tun kann: eine klare Botschaft aussenden – wenn Schüler gewalttätig geworden sind und auch davor. „Das Hauptsignal ist immer: Wir dulden keine Gewalt. Konflikte können auch auf andere Weise gelöst werden“, sagt Spiel, die sich intensiv mit Gewaltprävention befasst hat. Sehr wirkungsvoll sei dabei, wenn Verhaltensregeln nicht von oben definiert werden, sondern – unter Anleitung der Lehrpersonen – von der Klasse gemeinsam beschlossen werden. Wichtig sei dabei auch, klar zu definieren, was neben physischen Angriffen alles unter Gewalt fällt – von verbalen Ausfällen bis zu peinlichen Fotos im Netz. „Der wichtigste Punkt ist die Konsequenz – und dass alle Lehrkräfte an einem Strang ziehen“, sagt Spiel.

 

Mehr Unterstützung für Lehrer

Ein Punkt, in dem sich bei der Debatte über Gewalt an Schulen die meisten einig sind – wenngleich es Differenzen darüber gibt, wer es bezahlen soll –, ist, dass es mehr Unterstützungspersonal für Schulen braucht. Laut Lehrergewerkschafter Kimberger ist das seit Langem dringend erforderlich. Spiel ist derselben Meinung: „Dafür gibt es durchaus Bedarf – auch, damit die Schulen ihren primären Aufgaben nachgehen können.“

AUF EINEN BLICK

Vor knapp einem Jahr kam die Debatte über Gewalt an Schulen ins Rollen – ausgelöst von Berichten von Wiener Lehrern, die von Schülern attackiert worden waren. Im Mai veranstaltete der Stadtschulrat einen Runden Tisch, im Oktober wurden erstmals Zahlen zu Anzeigen in Schulen präsentiert. Die Gewerkschaft glaubt freilich, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2019)

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