PISA-Erfinder Schleicher: Was Schulsysteme Weltklasse macht

Zutrauen in Leistungsfähigkeit aller Schüler und hoher Wert von Bildung in Gesellschaft als wesentliche Erfolgsfaktoren.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wie ein Bildungssystem "Weltklasse" wird, hat PISA-Erfinder Andreas Schleicher in seinem gleichnamigen Buch auf 350 Seiten analysiert. Entscheidend sind demnach ein hoher Stellenwert von Bildung in der Gesellschaft, gut ausgebildete Lehrkräfte und die Überzeugung von Lehrern und Schülern, dass jeder Spitzenleistungen liefern kann. Kleine Klassen und hohe Bildungsbudgets spielen indes keine Rolle.

In den PISA-Spitzenländern ist Bildung nicht nur in Sonntagsreden eine Priorität, schreibt OECD-Bildungsdirektor Schleicher. Sie drückt sich etwa im Wert von Bildungsabschlüssen und in hoher Anerkennung für Lehrer aus. Diese werden laut Schleicher in den leistungsstärksten Bildungssystemen der Welt nach strengen Kriterien ausgewählt, ihre Gehälter können mit denen anderer akademischer Berufe konkurrieren und ihre Kompetenzen bleiben durch kontinuierliche Fortbildung auf dem neuesten Stand.

Schülern Leistung zutrauen

Auch hohe Erwartungen sind ein Kriterium: In jenen Ländern, die bei PISA am besten abschneiden, werden allen Schülern gute Leistungen zugetraut. Das schlägt sich auch im Selbstbild der Schüler nieder: So gab im Schnitt aller PISA-Teilnehmerländer nur jeder vierte 15-Jährige an, später ein Studium oder eine höhere Berufsqualifikation anzustreben, in Korea oder Japan waren es neun von zehn. Fast durchgehend gute Ergebnisse werden bei PISA in jenen Ländern erzielt, wo aus Sicht der Schüler "gute Leistungen das Ergebnis harter Arbeit" sind.

In Ländern mit nur mittelmäßigen Ergebnissen führen die Jugendliche ihr Scheitern hingegen auf zu schwierige Fragen, ein Versagen des Lehrers oder Pech zurück. Um zu den besten Ländern aufzuschließen, müssten allen Kindern hohe Leistungen zugetraut werden, solange sie sich anstrengen und entsprechend gefördert werden.

Keine Aufteilung der Schüler

Problematisch ist laut Schleicher, wenn Schulsysteme auf Schwierigkeiten von Schülern dadurch reagieren, dass sie die Anforderungen senken anstatt andere Lernumfelder oder etwa mehr Unterrichtszeit anzubieten. Eine ewige Streitfrage der österreichischen Bildungspolitik beantwortet Schleicher denn auch recht eindeutig: Keines der PISA-Spitzenländer kennt eine Aufteilung in leistungsstärkere und -schwächere Schüler, dasselbe gilt für Klassenwiederholungen. "Am besten schneiden die Bildungssysteme ab, die allen Schülerinnen und Schülern gleiche Lernmöglichkeiten bieten."

Die Länder, in denen Schüler nach angeblicher Leistungsfähigkeit in verschiedene Schultypen aufgeteilt werden, sind hingegen diejenigen, in denen die Schüler sich am wenigsten durch die Lehrer unterstützt fühlen. Weniger problematisch ist laut Schleicher eine Einteilung von Leistungsgruppen innerhalb einzelner Klassen oder Fächer. Diese kann wirkungsvoll sein, wenn denn Lehrpläne und Unterrichtsmethoden entsprechend angepasst werden.

Pisa entlarvt Bildungsmythen

Für Schleicher taugt die PISA-Studie auch dazu, "Bildungsmythen" zu entlarven. Die PISA-Ergebnisse zeigten etwa, dass auch Kinder aus sozial benachteiligten Familien gute Leistungen erbringen können: So schneiden die ärmsten zehn Prozent der Schüler in Vietnam und Estland bei PISA besser ab als die reichsten zehn Prozent in den meisten lateinamerikanischen Ländern.

Auch ein hoher Migrantenanteil führt nicht per se zu schlechteren Ergebnissen. So sind etwa Kinder arabischsprachiger Migranten, die in den Niederlanden die Schule besuchen, jenen in Dänemark bei den Naturwissenschaften um rund ein Lernjahr voraus. Der kulturelle Hintergrund der Schüler spielt beim Abschneiden zwar durchaus eine Rolle, ist aber "keine Erfolgsgarantie". So erreichen etwa nicht alle Länder mit konfuzianischer Tradition, wo Bildung und Schulleistung hohen Wert haben, PISA-Spitzenplätze. Andere Länder wie Kanada oder Finnland schaffen es hingegen auch ohne Konfuzius' Erbe ganz nach oben.

Geld ist nicht ausschlaggebend

Wie viel Geld ein Land für Bildung ausgibt, ist laut Schleicher hingegen nicht ausschlaggebend für den Erfolg. Immerhin investiert etwa Luxemburg viermal so viel Geld pro Schüler wie Ungarn, erreicht aber deshalb keine besseren Ergebnisse. Auch weniger Schüler pro Klasse führen demnach nicht zu besseren Ergebnissen. Allerdings koste die etwa in Österreich 2008 beschlossene Senkung der Klassenschülerzahlen Geld, dass dann anderswo fehle.

Eines der wichtigsten Ergebnisse der PISA-Studie ist aus Sicht des OECD-Bildungsdirektors, dass sich Bildungssysteme verändern und verbessern können. Deutschland legte etwa nach dem "PISA-Schock" im Jahr 2000 den Schwerpunkt auf den Kindergarten und die Förderung benachteiligter Schüler, vor allem jener mit Migrationshintergrund, und führte trotz des starken Föderalismus national einheitliche Bildungsstandards für die Schulen ein. Neun Jahre danach schnitt das Land sowohl bei den Ergebnissen als auch bei der Chancengerechtigkeit deutlich besser ab.

(APA)

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