Der Zweifel am Sinn von Hausübungen

In der Schule gehören Hausaufgaben zum Alltag. Und das, obwohl die Forschung längst zeigt, dass diese kaum positiven Effekt auf die Leistung der Kinder haben. Wer die Hausübung trotz Bemühungen nicht schafft, schreibt ab.

Zweifel Sinn Hausuebungen
Zweifel Sinn Hausuebungen
(c) Panholzer

Hausübungen sind völlig sinnlos. Sie haben absolut keinen Effekt auf die Leistung. Gute Schüler werden dadurch nicht unbedingt noch besser. Und schlechten Schülern hilft das bloße Wiederholen nur wenig. Diese – drastischen – Ergebnisse lieferte zuletzt eine Studie der TU Dresden. Und dennoch: An heimischen Schulen gehören Hausübungen zum Alltag.

Denn an der Sinnhaftigkeit von Hausübungen wird in der Gesellschaft nicht gezweifelt. Tina Hascher, Erziehungswissenschaftlerin an der Uni Salzburg, führt dies darauf zurück, dass Hausübungen als gewohnter Teil der Schule gar nicht erst reflektiert werden. Festgehalten wird weiter an der ursprünglichen Idee der Hausübung – die Auseinandersetzung mit Lerninhalten in individuellem Tempo. Dadurch sollte weniger guten Schülern die Chance geboten werden, an bessere anzuschließen. Das tun diese aber nicht. Im Gegenteil: Vorteile entspringen häufig nur jenen, die vom (meist gebildeten) Elternhaus unterstützt werden, sagt Hascher.

Die Studie der TU Dresden zeigt: Ein Drittel der 500 befragten Lehrer kann nicht einschätzen, ob Hausaufgaben überhaupt irgendetwas bringen. Sie gestanden ein, dass sie bei etwa drei Viertel aller Schüler keinen Lernerfolg beobachten. Auch die befragten Schüler zeigten sich skeptisch: Nur jeder Dritte glaubt, dass seine Leistungen besser werden.

Forscher wüssten schon längst, wo es anzusetzen gilt. „Derzeit sind Hausübungen zu wenig in den Unterricht integriert“, sagt Hascher. Hausaufgaben sollten kein Selbstzweck sein, sondern ganz gezielt eingesetzt werden. Außerdem sollten diese vermehrt vorbereitenden Charakter haben. Sprich: Bevor ein Thema in der Schule behandelt wird, sollten sich Schüler bereits zu Hause gedanklich damit auseinandersetzen und einen eigenen Zugang finden. Die derzeit üblichen „nachbereitenden“ Hausübungen sind zwar nicht generell wertlos, müssten aber einer Reform unterzogen werden. Die gängige Praxis – am Ende der Unterrichtseinheit noch schnell die Anleitung zur Hausübung zu geben und am Beginn der nächsten Stunde kurz zu überprüfen, ob sie auch erledigt wurde – reicht nicht. Problem dabei: In einer Unterrichtseinheit von nur 50 Minuten lassen sich Vor- und Nachbereitung zusätzlich zur Stoffvermittlung kaum unterbringen, so Hascher.

 

Kein Leistungsaspekt

Wer die Hausübung trotz Bemühungen nicht schafft, schreibt ab. Den Weg zur Lehrperson mit der Bitte um Erklärung gehen die wenigsten. Was fehle, sei eine „Kommunikationskultur, wonach es in allen Schulen und Fächern selbstverständlich ist, nachzufragen, wenn man etwas nicht versteht. Und zwar ohne Angst, dafür bewertet zu werden“, so Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Uni Wien. Zurückzuführen sei das darauf, dass Hausübungen zu sehr unter einem Leistungsaspekt gesehen werden und zu wenig als unterstützende Lernbegleitung, sagt Hascher. Dieser Umstand führt nicht nur dazu, dass Schüler abschreiben und dadurch weniger lernen. Auch für die Pädagogen selbst ist das ein Problem. Denn werden die Fragen, die auftreten, nicht zurück in das Klassenzimmer gespielt, so wissen die Lehrer auch nicht, wo noch Erklärungsbedarf besteht.

Eine gewichtige Rolle spielt dabei auch das Elternhaus – werden Hausübungen doch häufig zur Elternsache. Obwohl Hausübungen sogar laut österreichischem Schulunterrichtsgesetz allein erledigt werden sollten, sieht die Realität anders aus: Eine Karmasin-Umfrage aus dem Jahr 2010 zeigt, dass fast die Hälfte der Eltern (46 Prozent) ihren Kindern regelmäßig oder häufig bei den Hausaufgaben helfen.

Wenn Kinder Probleme mit der Hausübung haben und um Hilfe bitten, ist das auch durchaus legitim, so Spiel. Anders ist die Situation dann zu bewerten, wenn aus der gelegentlichen Hilfestellung ein dauerhaftes Unter-die-Arme-greifen und Kontrollieren wird. Wie eine gute elterliche Hilfestellung aussieht? Die Kinder mit gezielten Fragen zur richtigen Lösung zu bringen. Dann nämlich erleben sie ihren eigenen Lernerfolg.

Auf einen Blick

Hausübungen sind weniger sinnvoll als gemeinhin angenommen, bestätigt die Bildungsforschung. Um das zu ändern, dürften diese nicht vorwiegend unter dem Leistungsaspekt gesehen werden. Tauchen bei der Erledigung der Hausübung Fragen auf, so sollten diese zurück ins Klassenzimmer gespielt werden, der Einfluss der Eltern sollte also verringert werden. Zudem bedürfen Hausübungen gründlicher Vor- und Nachbereitung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2012)

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