Pädagogen sollten fit für multikulturelle Klassen sein

Für Sitten und Bräuche anderer Kulturen sollten Pädagogen zumindest Verständnis haben. Neben interkulturellen Kompetenzen braucht es aber auch erhöhte Sensibilität für Mehrsprachigkeit.

(c) Clemens Fabry

Wien. Rund 18,4 Prozent der heimischen Schüler haben Migrationshintergrund. In Wien sind es sogar 43,3 Prozent. Die Schüler kommen hier aus rund hundert verschiedenen Nationen. Damit hat sich die ethnische Zusammensetzung der Klassen grundlegend verändert. Die Lehrerausbildung hat damit aber nicht Schritt gehalten. Bis heute gibt es keinen verpflichtenden Kurs, der sich mit interkulturellen Kompetenzen beschäftigt. Und Lehrer damit auf das Unterrichten in multikulturellen Klassen vorbereitet. Geht es nach Integrationsexperten, soll sich das schon bald ändern. Ihre Forderung: eine verpflichtende Ausbildung in Sachen interkulturelle Kompetenzen.

Die Forderung kommt zum richtigen Zeitpunkt. Immerhin feilen Experten gerade an einer neuen Lehrerbildung. So müsse sich eine zeitgerechte Ausbildung auch dem Thema Integration widmen. Freie Wahlfächer seien dabei zu wenig, meint etwa Mari Steindl vom „Interkulturellen Kompetenzzentrum“. Denn das freiwillige Angebot gebe es bereits jetzt. Doch die Praxis zeigt: Die Teilnehmerzahlen sind gering. Zumeist werden die Kurse von jenen Pädagogen besucht, die ohnehin für das Thema interkulturelle Kompetenzen sensibilisiert sind. „Die, die es brauchen würden, kommen hingegen nicht“, sagt Steindl.

Doch was heißt es, interkulturelle Kompetenzen zu vermitteln? Die Pädagogen sollten nicht nur geschult werden, zwischen Schülern unterschiedlicher Herkunft zu vermitteln, sondern auch lernen, mit der eigenen Unsicherheit umzugehen. Fragen, wie jene nach der Sinnhaftigkeit, Schülern zu verbieten, im Schulhof Türkisch zu sprechen, sollten dadurch leichter beantwortet werden können. Außerdem sollen sich Lehrer Wissen über unterschiedliche Kulturen aneignen. Dabei geht es weniger darum, Details über Bräuche und Sitten oder die Geografie des Herkunftslandes zu erfahren als um eine gewisse Offenheit und ein Verständnis dafür.

Die Chancen für eine Etablierung der interkulturellen Kompetenzen in der Lehrerausbildung stehen gut. Andreas Schnider, Mitglied des Entwicklungsrates, der die Umsetzung der neuen Ausbildung vorbereitet, bestätigt im Gespräch mit der „Presse“: „Dass Diversität ein wesentliches Anliegen der neuen Lehrerausbildung sein muss, steht außer Frage.“ In welcher From das passieren wird, ist bislang aber noch unklar. Gespräche mit Fachleuten laufen noch.

 

Mehrsprachigkeit als Pflichtmodul

Fit für multikulturelle Klassen sollen Lehrer auch in Sachen Sprache werden – und zwar nicht nur die Deutschlehrer. Denn: „Jedes Lernen ist sprachliches Lernen“, so Sprachwissenschaftler Hans-Jürgen Krumm. Dementsprechend sollten auch Physik- und Geschichtelehrer eine sprachliche Ausbildung erhalten. Das österreichische Sprachenkomitee, das diesbezüglich mit dem Expertenrat zusammenarbeitet, hat bereits ein dreistufiges Modell erarbeitet. Demnach sollen alle angehenden Pädagogen ein Pflichtmodul unter dem Titel „Die Bedeutung der Sprachen in Lernprozessen“ absolvieren. Dabei sollen sie für die sprachliche und kulturelle Heterogenität der Lernenden sensibilisiert werden. Außerdem sollen all jene Lehrer, die Deutsch oder auch Fremdsprachen unterrichten, eine Vertiefungsqualifikation in Sachen Sprachdidaktik erhalten. In der Masterphase soll ein Spezialisierungsmodul mit dem Titel „Sprachberatung und Sprachdiagnose“ angeboten werden. Die Idee dahinter: Künftig sollte es an jeder Schule einen Lehrer geben, der als sogenannter „Sprach-Ombudsmann“ fungiert.

Auf einen Blick

Interkulturelle Kompetenzen werden in der Lehrerausbildung bislang nicht berücksichtigt. Die Experten fordern, dass sich das mit der neuen Lehrerausbildung nun ändern müsse. Pädagogen müssen verstärkt für den Unterricht in multikulturellen Klassen geschult werden. Außerdem sollten die Lehrer sich – egal, ob Deutschlehrer oder nicht – Wissen über den Umgang mit Deutsch als Fremdsprache aneignen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2012)

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