Sexualkunde: Nichts für Lehrer

Lehrer sind für Sexualerziehung weder ausgebildet, noch die richtigen Ansprechpartner. Experten fordern mehr externe Sexualpädagogen an den Schulen. Doch dafür fehlt oft das Geld.

Sexualkunde Nichts fuer Lehrer
Sexualkunde Nichts fuer Lehrer
(c) Teresa Zoetl

Eigentlich sollten die Schülerinnen der ersten Klasse in der Modeschule Hetzendorf in Wien gerade Biologieunterricht haben. Doch nach trockener Naturwissenschaft sieht das nicht aus. Pornos, Liebe, Sperma und Impotenz – die Tafel ist vollgeschrieben mit Begriffen zu Liebe, Beziehung und Sexualität. Davor steht Markus Kerbl, 22, und erklärt den knapp dreißig Mädchen, dass es keine allgemeingültige „beste Stellung“ gibt.

Den ganzen Vormittag lang haben er und seine Kollegin Stefanie vom Projekt „achtung°liebe“ mit den 15-Jährigen über Sexualität gesprochen – angefangen vom Körper über Verhütung und Beziehungen bis zu den unverblümten und manchmal unsicheren Fragen der Schüler; darüber, was normal ist beim Sex, über Orgasmus, zu Intimbehaarung oder dem heiklen Thema Abtreibung. Immer mehr Schulen greifen, wie die in Hetzendorf, auf externe Sexualpädagogen zurück – zur Freude der Experten.

Kaum Ausbildung für Lehrer

Zwar steht Sexualkunde ausdrücklich im Biologielehrplan, laut Erlass des Unterrichtsministeriums sollen diese Themen überhaupt „als fachübergreifende Lernbereiche im gesamten Unterricht wirksam werden“. An Unis und Pädagogischen Hochschulen (PH) sieht es mit der Ausbildung allerdings dürftig aus. Nur drei Semesterwochenstunden müssen sich Nicht-Biologie-Studenten etwa an der PH Wien mit Sexualpädagogik beschäftigen. An der Uni Wien etwa können Lehramtsstudenten zwar Fächer zu Sexualität belegen, verpflichtend im Curriculum vorgesehen ist das allerdings überhaupt nicht (wieder mit Ausnahme von Biologie).

Sorgte die geringe Verankerung des Themas in der Lehrerausbildung unter Sexualpädgagogen früher für Empörung, sind Experten heute allerdings der Ansicht, dass Sexualkunde gar nicht unbedingt eine Aufgabe der Lehrer sein sollte. „Im Detail sollten sie das lieber bleiben lassen“, sagt Josef Aigner vom Institut für Erziehungswissenschaften der Uni Innsbruck. Wirklich gefordert seien lediglich die Biologielehrer, sagt er, denn ein gutes biologisches Wissen sein wichtig; in anderen Fächern sollten Lehrer das Thema einfach nicht ausgrenzen, sagt Aigner: „Die ganze Weltliteratur dreht sich ja um Liebe und Sexualität.“ Doch für tiefgehendere und intime Fragen seien die Pädagogen gar nicht die richtigen Ansprechpartner – das belegen Studien, und es ist plausibel: Welcher 15-Jährige bespricht schon gerne mit dem Biologielehrer sein Sexualleben, Fragen zu Verhütung oder Pornografie (siehe nebendstehenden Artikel).

„Es ist besser, wenn das externe Sexualpädagogen machen“, sagt Aigner dezidiert. Sie sind oft jünger, näher an der Lebenswelt der Schüler und bringen besondere Vorzüge mit: Sie sind keine Autoritätspersonen, kennen die Eltern der Schüler nicht, sie geben keine Noten – und sie sind nach dem Workshop wieder weg (was eine gewisse Anonymität ermöglicht). Die Hetzendorfer Schülerinnen nehmen sich bei dem Workshop jedenfalls kein Blatt vor dem Mund. Man sieht, dass einige von ihnen schon ihre Erfahrungen gemacht haben – Unsicherheiten gibt es aber nach wie vor.

Fördergelder reichen nicht aus

Die Anfragen von Schulen werden jedes Jahr mehr, beweist ein Rundruf bei Projekten wie „achtung°liebe“ (in Wien, Innsbruck und  Graz), „Lovetour“ in Ober- und Niederösterreich oder dem Institut für Sexualpädagogik (ISP) in Wien. Für die Durchführung der Workshops fehlt aber oft das Geld.  „Leider gibt es zu wenig Fördergelder, um die Nachfrage nur annähernd decken zu können“, klagt Wolfgang Kostenwein vom ISP. „Lovetour“, bisher zu hundert Prozent vom Land Oberösterreich finanziert, stehen ab 2012 „vermutlich radikale“ Kürzungen ins Haus. Das Projekt „achtung°liebe“ hat zwar weniger mit direkter Finanznot zu kämpfen; dafür aber zuweilen mit Rekrutierungsschwierigkeiten – denn alle Trainer arbeiten ehrenamtlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2011)

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