Schulabbruch: Einmal Eselsbank, immer Eselsbank?

An der Wirtschaftsuniversität nahm man Schulabbrecher unter die Lupe: Wie sieht die Vorgeschichte dieser Menschen aus? Warum werden sie auf dem "Kampffeld Schule" zu Verlierern oder zu Gescheiterten?

Schulabbruch Einmal Eselsbank immer
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Schule – (c) Clemens Fabry

Kampffeld Schule.“ Den Terminus, den der französische Bildungssoziologe Pierre Bourdieu (1930–2002) geprägt hat, überträgt Erna Nairz-Wirth auf ihr Forschungsprojekt über „Early School Leavers“ in Österreich. Die Professorin an der Wirtschaftsuniversität spricht in dem Zusammenhang nicht von Schulabbrechern, sondern lieber von Schulabgängern, die über keinen Abschluss einer Lehre, einer berufsbildenden mittleren Schule oder höheren Schule (Sekundarstufe 2) verfügen.

Es geht also um die Verlierer auf dem „Kampffeld Schule“. Die Zahlen sind imposant: 2010 gab es in Österreich laut Statistik unter den 18- bis 24-Jährigen 57.000 derartige frühe Abgänger. Laut Schätzung der EU-Kommission verursacht eine Person, die über keinen weiterführenden Schulabschluss verfügt, im Laufe ihres Lebens Zusatzkosten von mehreren hunderttausend Euro. „Das sind Ausgaben für spätere Betreuung, für Qualifizierungskurse wie für soziale Begleitmaßnahmen von Problempersonen“, sagt Nairz-Wirth.

Die WU-Professorin ging von internationalen Studien aus, sie verglich diese mit der österreichischen Situation und führte schließlich 25 Interviews mit Aussteigern aus den unterschiedlichen österreichischen Bildungsinstitutionen. Überraschende Erkenntnis: In einem gewissen Sinn wird das Kampffeld auch zum Spielfeld (nach Bourdieu). Die Kinder werden zu Akteuren, die über unterschiedliche Einsätze verfügen: über ihr kulturelles, ökonomisches und soziales Kapital. Wer verliert, steigt aus.

Nun kommt die Institution Schule – nämlich die österreichische – ins Spiel: Sie ist laut der Studie eine „Mittelschichtinstitution“, geprägt von einem Lehrkörper, der aus der Mittelschicht kommt, von einem schulorganisatorischen Umfeld, das jenem der Mittelschicht entspricht. Die Kultur der Schule, auch der Sprache der Lehrer, trifft auf jene von Kindern, die in dieser Kultur leben – und auf solche, denen Umgangsformen und Sprache der Lehrer fremd sind. Die andere Sprache – etwa ein Jargon bei österreichischer Herkunft, bei Migrantenkindern ein von der Erstsprache durchsetztes Deutsch – wird oft schon als negativ bewertet.

Die erste Weichenstellung für das spätere Versagen erfolgt im Kindergarten. Kinder, die nicht mitkommen, die auch wegen Verständigungsproblemen schweigsam sind, werden links liegen gelassen und – wie man früher sagte – in die „Eselsbank“ (die letzte Bankreihe) versetzt. Und damit werden sie sukzessive ausgegrenzt.

Die Misserfolgserwartung, mit denen viele Pädagogen den schwachen Schülern begegnen, zieht bei den Betroffenen auch tatsächlich den Misserfolg nach sich. Oft folgt noch Mobbing durch die Mitschüler, es stellt sich eine Schulangst ein, die sich bis zur Schulphobie steigern kann. Es ist eine Teufelsspirale oder wie Nairz-Wirth sagt: „Jetzt spielen Stigmatisierungsprozesse eine Rolle.“

Diese Stigmatisierung wird später beim Eintritt in das Arbeitsleben besonders sichtbar. Die als „Versager“ und „Gescheiterte“ stigmatisierten Jugendlichen finden keine Stelle, da die einfacheren Arbeitsplätze zunehmend in die Billiglohnländer abgewandert sind – und weil sich Unternehmer und Personalchefs die Neueinsteiger sorgfältig aussuchen können. Besonders betroffen sind Jugendliche, die nicht in einem EU-15-Land geboren wurden.

Laut der aktuellen Untersuchung beträgt ihr Anteil an den „Early School Leavers“ 30 Prozent. Und sie haben ein siebenfach höheres Risiko, zu dieser Aussteigergruppe zu zählen, als Kinder, deren Eltern bereits in Österreich geboren wurden.

Aber auch Jungakademiker aus den sogenannten bildungsfernen Elternhäusern tun sich schwerer, fehlen ihnen doch oft Netzwerke und Verbindungen für den adäquaten Job. Dann verdrängen Absolventen von der Wirtschaftsuniversität Handelsakademie-Maturanten, die wiederum die Jüngeren, die (nur) über den Abschluss der dreijährigen Handelsschule verfügen, aus ihren Jobs werfen.

Die WU-Studie gipfelt in ausführlichen Recherchen von 25 Jugendlichen, die aus unterschiedlichen Schultypen vor dem Abschluss ausgeschieden sind. Neun sind weibliche, 16 männliche Jugendliche, acht von ihnen haben Migrationshintergrund. Nach Einzelinterviews und Gruppendiskussionen filtert Nairz-Wirth sechs verschiedene Typen von „Early School Leavers“ heraus:

• Ambitionierte. Dieser Typus bewertet die Bildungsmöglichkeiten durchaus positiv, man will den beengten Herkunftsverhältnissen der Eltern entfliehen. Die Jugendlichen sind leistungsorientiert, der Wiedereinstieg in das Bildungswesen gelingt.

• Orientierungslose. Charakteristisch ist ein „Sich-treiben-Lassen“ und das Fehlen von konkreten beruflichen Zielvorstellungen. Die notwendige Eigeninitiative, um sich neu zu orientieren und berufsorientierte Handlungen zu setzen, wird nicht aufgebracht.

• Realitätsflüchtige. Herausforderungen werden gemieden, Computer und Fernsehen helfen bei der Flucht vor der Realität. Die Betroffenen haben soziale Kontakte abgebrochen und leben in einer eigenen abgeschlossenen Welt. Versuche, die Jugendlichen zum Wiedereinstieg zu bewegen, misslingen oder sind nur kurzfristig erfolgreich.

• Resignierte. Es gab schulische Misserfolgs- und Mobbingerfahrungen, die einen resignativen Habitus geformt haben. Die Ansprüche auf die berufliche Zukunft sind nun reduziert, das Auftreten wird zunehmend unsicher-ängstlich. Als berufliche Zukunft kann man sich am ehesten noch eine fürsorgende Tätigkeit, zum Beispiel in der Tierpflege, vorstellen.

• Statusorientierte. Aus einem akademischen bzw. materiell abgesicherten Milieu kommend, formen die Betroffenen statusorientierte Zukunftsvorstellungen. Kleidung und selbstbewusstes Auftreten verhelfen immer wieder zu einem Arbeitsplatz, der aber nur kurz gehalten werden kann. Das Nachholen eines Schulabschlusses ist zumindest möglich.

• Unangepasste. Dieser Typus wehrt sich gegen herrschende Normen und Werte, wie sie für Schule und Beruf charakteristisch sind. Das vorhandene hohe kognitive Potenzial richtet sich gegen bürgerliche Wertvorstellungen. Daraus resultiert meist der Verzicht auf den Wiedereinstieg in das Bildungswesen.

Ein Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Typus wird nicht deutlich, sieht man vom Verhalten in der Schule ab. Mädchen distanzieren sich schon vor dem Schulabbruch innerlich von Unterricht und Schule, während bei Burschen das Fernbleiben vom Unterricht signifikant zunimmt.

Mit diesem Ergebnis ist die Bildungsforschung der WU-Professorin noch nicht abgeschlossen. Erna Nairz-Wirth trifft aber stets auf neue Aussteigertypen. Man sollte noch den „absorbierten Typ“ hinzufügen, sagt sie. Das sind Jugendliche, die aus dem Bildungsweg herausgenommen wurden, weil sie sich dem Familiendienst (Bauernhof) oder der Pflege eines Familienmitglieds widmen (müssen). Zudem folgen nun Langzeitstudien, zu denen sich die meisten der 25 Befragten bereit erklärt haben. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass noch manche Ergänzungen bzw. Korrekturen der Ergebnisse erfolgen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2011)

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