Lateinschularbeit im Vatikan: Töchterle als Telefon-Joker

Dass sie mit ihrem Latein nicht am Ende sind, das sollten Schüler aus Bregenz an historischer Stätte beweisen. Kardinäle, Pfarrer und Minister halfen.

Lateinschularbeit Vatikan Toechterle TelefonJoker
Lateinschularbeit Vatikan Toechterle TelefonJoker
(c) BMWF

Hinten packt ein marmorner Zeus seinen Donnerkeil. Vorn greift sich, wie in jähem Entsetzen, der Tragödiendichter Sophokles an die Brust. Zwischen den Bänken stehen die Reste nackter Männerstatuen und unter ihnen schwitzen live – züchtig gekleidet in nachtblaue Schulkostüme und schwarze Anzüge – 25 junge Leute von heute.

Wir sind in den Vatikanischen Museen, und Reinhard Peter hatte die Idee dazu. Der 56-Jährige unterrichtet Latein im katholischen Sacré-Coeur-Gymnasium Bregenz/Riedenburg sowie in der Privatschule „Formatio“ in Liechtenstein. Öffentliche Schularbeiten hat er bereits in Bregenz und in der Wiener Albertina abgehalten. Diesen Dienstag nun ist „Reinhardus Petrus“, als Krönung, mit seinen besten Lateinschülern zu einem „Examen publicum Vaticanum“ nach Rom gefahren.

„Est autem factum, cum essent ibi?“ Mit einem Satz aus dem Weihnachtsevangelium geht die Übersetzungsarbeit los. Drei bis fünf Jahre haben die 19 Mädchen und die sechs Buben aus den Gymnasialklassen sechs bis acht schon hinter sich; für die Prüfung im Vatikan haben sie extra noch drei Monate Kirchenlatein gebüffelt, aber etwas bleich im Gesicht sind sie alle. „Die Nervosität wird sich nach dem ersten Text schon legen“, war sich die 15-jährige Anna Helbok zuvor noch sicher, aber als nach einer Stunde alles vorbei ist, stöhnt die 18-jährige Chiara Jug: „Gerade der erste Satz, das war ein richtiger Schocker.“ Nur beschränkt hilft da auch die Idee des Telefon-Jokers, die Reinhard Peter von „Wer wird Millionär“ abgeschaut hat und die zu seinem Konzept gehört, ein modern unterrichtetes Latein auch öffentlich zu machen. Sicher, die Schüler dürfen mit ihren Handys, wenn sie nicht weiterwissen, Professoren oder Äbte oder Pfarrer zu Hilfe rufen. Anna Helbok aber muss vor aller Augen, bedrängt von Fernsehkameras und verstärkt von Lautsprechern, mit einem leibhaftigen Kurienkardinal telefonieren. Das steigert die Nervosität.

„Laudetur Jesus Christus“, sagt Anna brav. Aber von Kardinal Giovanni Lajolo kommt nur ein „Hallo? Hallo?“ zurück: Die Verbindung ist zu schlecht, erst beim dritten Versuch klappt es. Dann aber sogar auf Englisch, damit die modernen Fremdsprachen auch zu ihrem Recht kommen. Und die Telefon-Joker fragen zurück. Das gibt Pluspunkte bei richtiger Antwort. „Was heißt Minister?“, will Karlheinz Töchterle aus Wien, ganz berufsgemäß, von der 18-jährigen Mirjam Stranzl wissen. „Äh, lateinisch minister, ministri, ja also: der Leiter?!“, zögert sie aufgeregt. „Nein, Diener“, gibt Töchterle zurück.

Dann brüten sie also, jeweils zu zweit, über Gebeten aus der päpstlichen Weihnachtsliturgie, über dem Morgenstern aus dem Matthäus-Evangelium und einer Predigt des Kirchenlehrers Augustinus. Aus dessen Textzeilen müssen sie auch noch Stilmittel und „rhetorische Figuren“ herauskitzeln, und bevor Reinhard Peter seine Note unter die Arbeit schreibt, sollen sie auflisten, welche „Feste und Abschnitte“ den kirchlichen Weihnachtsfestkreis kennzeichnen.

Nein, einen Rom-Rabatt hat Reinhard Peter seinen Schülern nicht gegeben. „Die Arbeit hier zählt eher mehr als eine normale Schularbeit“, sagt er: „Allein was die in den letzten drei Monaten dafür gelernt haben!“ Alles andere, sagt Peter, hätten die jungen Leute dafür zurückgestellt, aber dafür hätten sie „schon jetzt die Matura in der Tasche“. Die Stunde ist vorbei; Peter schwingt ein Silberglöckchen: „Examen vaticanum finitum est“, ruft er. Die Schülerinnen und Schüler stehen auf. Dann singen sie noch „'s wird scho glei dumpa“, und italienische Beobachter fragen hinten im Saal, was das nun schon wieder für eine Sprache sei.

Auf einen Blick

Examen publicum Vaticanum: 25 Schüler aus Bregenz und Liechtenstein traten in den Vatikanischen Museen zur öffentlichen Lateinschularbeit an und durften auf einen Telefon-Joker zurückgreifen. Auf der Liste u. a. Dr. Alfons Kloss, Botschafter beim Heiligen Stuhl, Kurienkardinal Giovanni Lajolo, Prinz Nikolaus von und zu Liechtenstein, Dompfarrer Toni Faber oder Wissenschaftsminister (und Altphilologe) Karlheinz Töchterle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2011)

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