Schulstudie: Migranten wollen viel, scheitern aber häufig

Niemand geht lieber in die Schule als junge Türkinnen – und keiner misst der Bildung mehr Bedeutung zu als ihre männlichen Kollegen. Und dennoch: Viele scheiden früh aus dem Schulsystem aus.

Migranten wollen viel scheitern
Migranten wollen viel scheitern
Schule – (c) Fabry

Wien/Feldkirch. Die Bildungsziele, die sich Migranten stecken, sind enorm hoch. Allein: Erreicht werden diese zumeist nicht. Das zeigt eine aktuelle Studie der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, die diese Woche präsentiert wird und der „Presse“ exklusiv vorliegt.

Rund 2000Vorarlberger Schüler im Alter zwischen 14 und 16 Jahre nahmen an der Studie zum Thema Wertehaltungen teil. Dabei zeigt sich, dass eine gute Schulausbildung eines der vorrangigen Ziele ist. Überraschend ist, dass vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund hohe Bildungserwartungen haben. Besonders ambitioniert zeigen sich Mädchen mit türkischem Migrationshintergrund: 36Prozent möchten eine berufsbildende höhere Schule und weitere 14 Prozent eine Hochschule abschließen. Damit liegen sie gleichauf mit Mädchen ohne Migrationshintergrund. Auch Buben aus dem Ex-jugoslawischen Raum zeigen sich ehrgeizig: 51Prozent setzen sich die Matura zum Ziel.

 

Hoffen auf den sozialen Aufstieg

Die hohen Ziele passen zu der großen Bedeutung, die die Migranten einer Ausbildung beimessen: So haben Buben mit türkischen Wurzeln die höchsten Zustimmungswerte zur Aussage, dass eine „gute Schulausbildung der beste Start für eine erfolgreiche Berufslaufbahn“ sei. Sie glauben auch, dass das Gelernte „für das Leben nützlich sei“. (siehe Grafik). Und auch die Lernfreude türkischer Migranten ist ungewöhnlich hoch. Mit 43Prozent gehen die Schülerinnen mit türkischem Migrationshintergrund mit Abstand am liebsten in die Schule. Nur halb so viele Buben aus dem Ex-jugoslawischen Raum geben an, gern zur Schule zu gehen.

(c) Die Presse / HR
Dass Bildung einen derart hohen Stellenwert für Migranten hat, ist für Hildegard Weiss, Soziologin an der Uni Wien, wenig überraschend: Vor allem Arbeitsmigranten kämen oftmals vor allem deshalb nach Österreich, um ihren Kindern ein besseres Leben als im Heimatland zu ermöglichen. Diese sollen, so der Wunsch vieler Eltern, sozial aufsteigen.

Allein: Erreichen können viele die selbst gesteckten Ziele nicht. Laut Statistik Austria haben 14,3 Prozent der Österreicher, jedoch nur 5,7Prozent der türkischen Migranten die Matura als höchsten Bildungsabschluss. Unter den Uni-Absolventen ist der Anteil an türkischen Migranten noch geringer. Sie bleiben damit hinter den eigenen Erwartungen zurück.

Damit verbunden ist für die Migranten ein enormer Leistungsdruck. Obwohl sie sich vor Prüfungen zumeist gut vorbereitet fühlen, geben die türkischen Buben knapp doppelt so häufig an, „voll unter Stress“ zu stehen als ihre österreichischen Altersgenossen. Mehr als die Hälfte der türkischen Mädchen kann vor Prüfungen nur schlecht schlafen.

Auch Resignation scheint sich breitzumachen: Speziell türkische Mädchen glauben nicht daran, dass die Schule ihnen etwas für ihr späteres Leben bringt. Schuld daran sei der „Zwiespalt“, in dem die Mädchen steckten, meint Weiss. „Mädchen wollen einerseits beruflich aufsteigen, andererseits wollen sie der Position in der Familie gerecht werden und die klassische Frauenrolle bewahren.“

 

Migranten fehlt Unterstützung

Dass Migranten oft schon früh aus dem Schulsystem aussteigen, habe auch mit der unzureichenden Unterstützung durch das Elternhaus zu tun. Das beweist auch die Studie: Während mehr als 60Prozent aller Schüler ohne Migrationshintergrund von ihren Eltern unterstützt werden, trifft das nur auf knapp 30Prozent der Migranten zu. Schuld daran sind sprachliche Barrieren und die geringen formalen Bildungsabschlüsse der Eltern. Dass der Schulerfolg generell stark vom Bildungsabschluss der Eltern und vom sozialen Status abhängt, bewies zuletzt die PISA-Studie. Ein Nachteil, der die Migranten besonders hart trifft. So haben Eltern mit türkischem Migrationshintergrund die niedrigste formale Schulbildung. Nach Angabe der befragten Jugendlichen haben 66Prozent der Mütter mit türkischem Migrationshintergrund keinen oder nur einen Pflichtschulabschluss, bei den österreichischen Müttern trifft das nur auf zehn Prozent zu.

Nicht zuletzt deshalb übernehmen die Lehrer oft auch die Aufgabe eines Nachhilfelehrers. Rund 56Prozent der Schüler aus Ex-Jugoslawien geben an, dass der Lehrer erster Ansprechpartner bei Schulproblemen und Hausaufgaben sei. Im Vergleich: Für österreichische Schüler und Schülerinnen trifft das nur zu 43Prozent zu.

Das sei ein „großes Problem unseres Bildungssystems. Lehrer haben zu wenig Zeit für zusätzliche Förderung“, meint Weiss. Das sei aber enorm wichtig. Man brauche mehr Lehrer, um Migranten gezielter fördern zu können und zu verhindern, dass sie früher aus dem Schulsystem aussteigen.

Die Studie „Lebenswelten“ ist im Buchhandel erhältlich. Studienverlag, 39,90Euro.


(c) Die Presse / GK

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2011)

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