Schulreform: Sitzenbleiben entzweit die Koalition

Die ÖVP fühlt sich bei der Abschaffung des "Sitzenbleibens" übergangen - und bremst, in der ÖVP ortete man einen Alleingang von SPÖ und "Krone". Ministerin Schmied legt unterdessen weitere Details vor.

(c) Clemens Fabry

Wien. Es war – wieder einmal – eine Schlagzeile in der „Krone“, die am Freitag für ernste Kontroversen in der Koalition sorgte. „Regierung einig: Aus für das Sitzenbleiben“, titelte die Zeitung über zwei Seiten. Und bescherte Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) damit verärgerte Reaktionen aus der ÖVP.

Denn: Schmied hatte am Mittwoch das Ende des „Sitzenbleibens“ zwar gefordert – und will ab September 2012 mit der stufenweisen Umstellung beginnen. Eine Einigung mit dem Koalitionspartner gibt es aber noch nicht. Es hätten noch nicht einmal konkrete Gespräche stattgefunden, heißt es aus der ÖVP. Dass Schmied dann auch noch in der „Zeit im Bild 24“ den Eindruck erweckte, der Koalitionspartner sei „an Bord“, brachte das Fass zum Überlaufen.

In der ÖVP ortete man am Freitag einen erneuten Alleingang von von SPÖ und „Krone“, wie zuletzt bei der Forderung nach dem Ende der allgemeinen Wehrpflicht. Die SPÖ weist das zurück: Die ÖVP sei nur beleidigt, weil Schmied allein mit dem Thema an die Öffentlichkeit gegangen sei, während sich ihre Kollegin Beatrix Karl (ÖVP) auf Dienstreise in Asien befinde, heißt es aus der Partei.

 

„In regelmäßiger Abstimmung“

Auch Schmied will im „Presse“-Gespräch von einer „Krone“-Kampagne nichts wissen. Eine solche „gibt es nicht“, sagt sie. Die Aufregung verstehe sie nicht: Die Einführung des Kurssystems in AHS-Oberstufe und BMHS sei schließlich auch Teil des ÖVP-Bildungskonzepts. „ÖVP-Generalsekretär Fritz Kaltenegger hat schon im Vorjahr erklärt, es sei wichtig, Sitzenbleiben abzuschaffen. Das Thema ist nicht neu.“ Es gebe bereits eine „ministeriumsinterne Arbeitsgruppe“. Zudem „befinden wir uns in regelmäßiger Abstimmung mit Beatrix Karl. Eigentlich sollten sich alle freuen, dass wir ein gemeinsames Ziel haben, das die Ministerinnen im Gleichschritt umsetzen werden.“

Das Konzept im Detail: Wer an einer höheren Schule künftig in einem Fach nicht die erforderliche Leistung erbringt, solle im Klassenverband bleiben, im betroffenen Gegenstand jedoch eine „Intensivförderung“ erhalten, um „aufzuholen“: „Wie das am Standort ausgestaltet wird – von Einzelunterricht bis Gruppenunterricht –, sind Details, an denen wir arbeiten“, sagt Schmied. Auch auf Erfahrungen aus der Praxis will man zurückgreifen: Seit acht Jahren laufen Schulversuche zur „modularen Oberstufe“, derzeit an 15 Schulen. Auch an 30 Abendschulen werde das Kurssystem erprobt. Ab 2011/12 wird es auf alle 80 Standorte ausgeweitet.

Karl bestätigte am Freitag, dass man grundsätzlich einer Meinung sei: Das Sitzenbleiben könne durch ein Kurssystem „weitgehend verhindert“ werden. Sie warte nun auf konkrete Vorschläge: Die Rahmenbedingungen für eine Umsetzung, etwa Fördersysteme, würden noch fehlen. Auch solle das Wiederholen ganzer Schuljahre „als letztes Mittel erhalten bleiben“.

 

„Keine Kuschelpädagogik“

Schmied stimmt zu: Man müsse bei einzelnen Schülern „sicher aufpassen, dass der Leistungsabstand nicht in zu vielen Fächern zu groß wird. Sollte das der Fall sein, kann Sitzenbleiben weiterhin die letzte Notfallmaßnahme sein. Insgesamt muss unser Ziel sein, noch besser auf den Schüler einzugehen und individueller zu fördern. Es geht nicht um Kuschelpädagogik, sondern um Leistung und Qualität.“

Derzeit sind in Österreich rund 40.000 Schüler im Jahr „nicht aufstiegsberechtigt“ (siehe Grafik). Knapp zwei Drittel wiederholen die Klasse, der Rest hört mit der Schule auf oder wechselt den Schultyp. Die positiven Auswirkungen der Klassenwiederholung sind bescheiden: An der AHS-Oberstufe etwa sind rund 37,5 Prozent aller Repetenten am Jahresende erneut negativ.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2011)

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