Gedichte tanzen und in Epochen lernen

Die Welt der Waldorfschulen ist eine Welt voller Begriffe, die sich nicht unbedingt auf den ersten Blick erschließen. Ein Einblick in die Welt von Anthroposophie, Ätherleibern und Eurythmie.

Beschäftigt man sich mit Schulen in der Tradition von Rudolf Steiner, dem Begründer der Waldorfschulen, begegnet man Begriffen, die zumindest einige Fragezeichen aufwerfen. Das beginnt schon bei der Weltanschauung, der das Prinzip der Waldorfschulen zugrunde liegt – der Anthroposophie. Die aus den griechischen Begriffen für Mensch und Weisheit zusammengesetzte Weltanschauung hat das Ziel, den Menschen in seiner Beziehung zum Übersinnlichen zu betrachten.

Im Sinne Rudolf Steiners verbirgt sich hinter dem Begriff eine Mischung aus christlicher Mystik, idealistischer Philosophie und Theosophie. Er verstand sie als Gegenstück zur Anthropologie, die mithilfe von Sinnen und Verstand etwas über die Welt erfährt. Die Anthroposophie hingegen erstrecke sich auf die geistige Welt, also auch das Übersinnliche.

Im Rahmen seiner anthroposophischen Hypothesen entwickelte er einige Lehren, die in der Pädagogik eingesetzt werden sollten. Dazu zählt unter anderem die Dreigliederung des Menschen in Geist, Seele und Leib bzw. in Denken, Fühlen und Wollen. Diese drei Bereiche sollen gleichberechtigt gefördert werden, was den vergleichsweise großen Stellenwert künstlerischer Fächer erklärt.

Aber auch die Viergliederung des Menschen, eine weitere Theorie von Steiner, spielt eine große Rolle: Neben dem physischen Körper gebe es demnach noch den Ätherleib, den Träger der Wachstumskräfte, den Astralleib, Träger des Seelenlebens, und das Ich, einen unsterblichen geistigen Kern des Menschen. Jede dieser Hüllen soll laut Steiner in Abständen von sieben Jahren geboren werden – beginnend mit der eigentlichen Geburt, bei der der physische Körper zur Welt kommt. Der Ätherleib kommt nach Steiners Vorstellung etwa mit dem Zahnwechsel zutage, der Astralleib mit der Pubertät.

Für die Schulzeit ist das entscheidend, weil mit dem Zahnwechsel das Lernen durch Nachahmung und Vorbild durch Nachfolge und Autorität abgelöst wird. Mit dem Astralleib entfalten sich wiederum der freie Verstand und die eigene Urteilskraft.

Die Aufteilung der Schulstunden ist in Waldorfschulen völlig anders als in Regelschulen. In den ersten beiden Stunden eines Schulvormittags wird über mehrere Wochen hinweg ein Stoffgebiet behandelt – dies nennt man Epochenunterricht. Die Schüler haben zum Beispiel drei Wochen lang jeden Tag zwei Stunden Geschichte, dann wieder drei Wochen Mathematik. Zu jeder Unterrichtsepoche führen die Schüler ein Epochenheft, das auch zur Beurteilung herangezogen wird.

Ein wichtiger Teil des Unterrichts ist die sogenannteEurythmie, eine Bewegungsform, die an Waldorfschulen als Pflichtfach gelehrt wird. Im Unterschied zu gymnastischen, pantomimischen Bewegungen, die völlig frei gestaltet werden können, gibt es in der Eurythmie für jeden Buchstaben und jeden Ton eine ganz bestimmte Gebärde. In der Eurythmie können zum Beispiel Gedichte getanzt werden.

Bei all den Begriffen geht allerdings völlig unter, was der Begriff Waldorf selbst eigentlich bedeutet. Der ist profaner, als man denkt: Er stammt von einer Schule, die Steiner 1919 für die Kinder der Arbeiter errichten sollte, die in der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart arbeiteten. Womit auch dieses Fragezeichen beseitigt wäre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2011)

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