Einstiegsgehalt: Die Armen unter den Akademikern

Vor allem Sozialwissenschaftler müssen nach ihrem Abschluss mit wenig Geld zufrieden sein. "UniLive" fragte nach, wo die Schmerzgrenzen liegen.

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(c) APA (HERBERT PFARRHOFER)

Bernhard zittert. Den ganzen Nachmittag sitzt er schon vorm Telefon und wartet. Auf eine Zu- oder Absage für ein vielversprechendes Jobangebot. Fixanstellung, 2200 Euro brutto monatlich. Für Bernhard, der eben an der Uni Wien sein Psychologiestudium abgeschlossen hat, ein Traum. Denn gute Einsteigerjobs für Psychologieabsolventen sind rar. „Die meisten meiner Kollegen arbeiten auf Werkvertrags-basis oder als freie Dienstnehmer bei dementsprechender Bezahlung.“

Während Bernhard wartet, ist Johannes zufrieden. Der Absolvent der Informatik und Wirtschaftsinformatik ist mit 3800 Euro brutto bei einem Wiener Technologiebetrieb eingestiegen. Davor war er ein Jahr lang beim selben Unternehmen für 20 Stunden und 1800 Euro angestellt. Jetzt hat er auf 40 Stunden aufgestockt und schreibt seine Dissertation für das Unternehmen.

„Das Einstiegsgehalt von Akademikern ist in erster Linie von der Nachfrage am Arbeitsmarkt, vom Jobprofil und vom eigenen Verhandlungsgeschick abhängig“, sagt Bernhard Wundsam, Geschäftsführer von Uniport, dem Karriereservice der Uni Wien. Jährlich veröffentlichen Institute und Personalfirmen Studien über Akademikereinstiegsgehälter. Auch wenn Technikabsolventen die Statistiken anführen und Sozialwissenschaftler diese abschließen, unterscheiden sich die Ergebnisse oft. Wundsam sieht in solchen Statistiken nur grobe Richtlinien. „Die Gehälter sind je nach Branche und Jobanforderungsprofil sehr unterschiedlich.“ Wer als Trainee und Rechtskonzipient seine Karriere beginne, dürfe sich oft erst nach Ende der Ausbildung über ein besseres Gehalt freuen.

Absolventen von Psychologie, Publizistik und Theaterwissenschaften müssten manchmal auch mit Einstiegsgehältern unter 1500 Euro rechnen, sagt Wundsam. Er rät, diese Angebote trotzdem zu akzeptieren, um sich keine Chancen zu verbauen. Aber nur, solange das Gehalt im branchenüblichen Bereich und über dem eigenen Existenzminimum liegt. In erster Linie sollten Spaß an der Arbeit und Aufstiegschancen entscheidend sein.

Kein Spielraum beim Verhandeln

Daniel kennt diese Situation nur zu gut. Gleich nach Ende seines Publizistikstudiums hat er vor eineinhalb Jahren mit 1500 Euro brutto als PR-Assistent bei einer Agentur in Wien angefangen. Seine Überzeugung, sich um keinen Preis unter 1800 Euro anstellen zu lassen, musste er gleich im ersten Verhandlungsgespräch verwerfen. „Beim Gehalt haben sie mir kaum Spielraum gelassen. Ich habe trotzdem zugesagt und nach einiger Zeit im Unternehmen um eine Gehaltserhöhung gebeten.“ Heute verdient er als Juniorberater in derselben Agentur 2000 Euro brutto inklusive Zusatzleistungen wie eine Jahreskarte der Wiener Linien und ein Weiterbildungslehrgang, den die Firma bezahlt.

Für Andrea Tschirf, Geschäftsführerin des Zentrums für Berufsplanung an der WU, ist genau das der Punkt. Sie rät, einen Job nie nach dem Einstiegsgehalt zu wählen und das Gehalt immer als Paket zu sehen. „Ich muss wissen, ob ich noch Goodies wie Laptop, Dienstauto oder Essensmarken bekomme, wie viele Stunden ich arbeiten muss und was ich lernen kann.“ Erst so können Gehälter miteinander verglichen werden. Nachsatz: „Grundsätzlich sollte aber jeder WU-Absolvent bei einem Einstiegsgehalt unter 2000 Euro Bauchweh bekommen.“

Vor vorschnellen Entscheidungen und der Möglichkeit, Angebote außerhalb der gewünschten Branche anzunehmen, warnt sie. Wer einmal in einem Gebiet Fuß gefasst habe, komme nur schwer wieder heraus. Deswegen empfiehlt Tschirf, sich selbst treu zu bleiben und sich auf seine Stärken zu verlassen, denn damit komme der Erfolg und schließlich auch das Geld. Und Psychologe Bernhard? Der sieht das genauso. Dafür hat er auf die üblichen Zusatzausbildungen in Psychologie verzichtet und sich gleich bei einer IT-Firma für „Usability-Engineering“, ein Nischenfeld der Psychologie, beworben. Weil er glaubt, dass er gut darin ist. Die Zusage kam noch am selben Tag. Zum Glück.

AUF EINEN BLICK


Akademiker – Einstiegsgehälter
Bruttoverdienst pro Monat

Absolvent Technik: 2071–2514 €
Absolvent Wirtschaft: € 1914–2335 €
Absolvent Jus: 1807–2192 €
Absolvent Sozialwissenschaft: 1442–1842 €

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