Philosoph: „Nicht ständig und überall vernünftig sein“

Der österreichische Philosoph Robert Pfaller plädiert dafür, sich die eine oder andere Ausgelassenheit zu gönnen. Die Studenten müssten angesichts vieler Zwänge heute unendlich diszipliniert sein.

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(c) Jeff Mangione

UniLive: Herr Pfaller, Sie haben sich ausgiebig mit Genuss beschäftigt; da geht es auch um das Feiern, Trinken, Rauchen. Würden Sie Studierenden empfehlen, sich öfter einmal zu betrinken?

Robert Pfaller: Ich würde ihnen empfehlen, sich in allen Fragen des universitären Lebens wie erwachsene Menschen zu verhalten und sich weder das Betrinken noch das Nichtbetrinken von irgendjemandem einreden zu lassen.



Sie plädieren also nicht unbedingt für gedankenlosen Genuss – oder doch, manchmal vielleicht?

Man sollte auf erwachsene Weise erwachsen und auf vernünftige Weise vernünftig sein. Das bedeutet, nicht ständig und überall vernünftig sein zu wollen und sich darum ab und zu auch einmal die eine oder andere kleine Freude, Ausgelassenheit oder Großzügigkeit zugestehen zu können.



Da Sie die Vernunft ansprechen: Wird denn der innere Druck, immer vernünftig zu sein, zurzeit immer stärker?

Allerdings. Die Ideologie der Postmoderne hat die Leute weitgehend der Fähigkeit beraubt, irgendetwas vernünftig zu relativieren. Kaum taucht irgendein Teilprinzip von Vernunft auf – wie Leistungssteigerung, Kosteneffizienz –, wollen sie diesem Prinzip auch schon alles opfern.

 


Resultiert daraus auch dieser Drang zur Selbstoptimierung, den man derzeit immer wieder beobachten kann?

Ja. Ständig optimal sein und funktionieren zu wollen – das ist eine neue Form totaler Selbstknechtung. Da ist jede Fähigkeit, sich selbst etwas zu gönnen, abhandengekommen. Meist gönnt man dann auch anderen nichts mehr.




An der Uni ist immer mehr die Rede von Effizienz. Ist das nicht auch berechtigt, ja sogar notwendig?

So gut wie alles, was in den letzten 20 Jahren an den Unis im Namen der Effizienz unternommen worden ist, hat in Wahrheit Effizienz zerstört. Die Aufmerksamkeit der Studierenden ist zu 80 Prozent von Formalitäten, detailreichen Bedingungen der Studienpläne und Prüfungsfristen in Anspruch genommen; ein beträchtlicher Teil der Studenten nimmt sogar Drogen, um diesen Stress auszuhalten. Das ist ein Skandal.




Das klingt ziemlich hart.

Würde man den gesamten parasitären Apparat aus Evaluierungen, Kontrollen, Punktezählerei und Prüfungen beseitigen, den Studienplänen in den Geistes- und Sozialwissenschaften nur noch Empfehlungscharakter zugestehen und die frei werdenden Ressourcen für zusätzliche Lehraufträge einsetzen, wäre der Großteil der aktuellen Universitätsprobleme behoben.




Sie finden, dass das Uni-System zu bürokratisch ist?

Nehmen Sie nur ein Beispiel: Derzeit müssen Studierende der Geisteswissenschaften ununterbrochen Seminararbeiten schreiben. Ab dem PhD-Niveau sollen sie dann ununterbrochen publizieren. Kein Mensch kann das alles wirklich schreiben und auch keiner es wirklich lesen. Diese Inflation des Geschriebenen ist die Wirkung einer zur Vorherrschaft gelangten Uni-Bürokratie, die von den Inhalten nichts versteht und darum die Quantität zum alleinigen Maßstab gemacht hat.




Haben Sie also irgendeine Idee, wie man das ändern könnte?

Ich würde vorschlagen: Alle Studierenden bekommen zu Beginn einen rosafarbenen Scheck, der in sechs Semestern genau einmal eingelöst werden kann. Dafür bekommt man eine Arbeit garantiert gelesen und 30 Minuten lang persönlich besprochen. Dann würden sich alle sehr genau überlegen, welches Papier sie dafür einreichen, und auch die Lehrenden würden es mit großer Sorgfalt kritisieren.




Spricht da auch der Uni-Professor aus Ihnen, der weniger Seminararbeiten korrigieren will?

Nein. Aus mir spricht der Uni-Professor, der den Studierenden keine anderen als sinnvolle Aufgabenstellungen aufbürden will. Der Soziologe Richard Sennett hat daran erinnert, dass jeder Beruf ein bestimmtes Ethos mit sich bringt – eine Vorstellung davon, was es bedeutet, die jeweilige Tätigkeit gut zu verrichten. Die aktuelle Verschulung der Universitäten verstößt gegen das Ethos von Lehrenden und Studierenden.




Sie haben selbst in Wien Philosophie studiert. Was haben Sie an Ihrer Studentenzeit am meisten genossen?

Die Erfahrung, dass meine Abwege vom Vorgeschriebenen, meine Umwege und Mußebeschäftigungen mich immer am meisten vorangebracht haben.




Wie viel Muße braucht denn die Bildung wirklich?

Bildung ist gerade die Fähigkeit, sich Muße zu verschaffen und mit ihr gut umzugehen. Wenn man nie Gelegenheit bekommt, das zu erproben und es zu erlernen, wird man es auch nie können.

 


Sind Muße und auch der zuvor angesprochene Genuss nicht Zeitverschwendung, wenn man vorwärtskommen will?

Nur ein Studium, das bei aller Anstrengung auch Freude macht, bringt einen wirklich voran. Wenn meine Studienkollegen und ich an einer bestimmten Frage Feuer fingen, studierten wir wie die Berserker. Gemessen an jedem Curriculum war das natürlich eine gigantische Zeitverschwendung. Aber nur so entsteht etwas Produktives. Diese Verführungskraft der Universität wurde in den Reformen völlig unterschätzt. Stattdessen hat man auf die weitaus weniger produktive Macht der Vorschriften und Kontrollen gesetzt.




Wie diszipliniert muss man als Student heute sein, um es zu etwas zu bringen?

Angesichts der aktuellen Regulierungen: leider unendlich diszipliniert – und möglichst wenig neugierig. Zwar betonen Vertreter der Wirtschaft immer wieder, dass man heute kreative, flexible, eigenständige Arbeitskräfte benötigt. Aber auf Druck derselben Wirtschaft wurden die Unis in Zwangsanstalten verwandelt, die fast nur noch Leute hervorbringen, die ausschließlich das tun, was man ihnen vorschreibt.




Was würden Sie den jungen Leuten, den Studierenden denn raten?

Sich die Bürokratisierung nicht gefallen zu lassen. Und sich und andere daran zu erinnern, dass die Universität ein exemplarischer Ort der Freiheit ist.



Und was das studentische Leben angeht – und die Frage nach dem Genuss, um zur ersten Frage zurückzukommen?

Da rate ich zu einem Gedanken: nämlich, sich ab und zu die Frage zu stellen, wofür es sich zu leben lohnt. Durch diese kleine Übung kann man sich nämlich ganz gut vor gedankenloser Mäßigung und den nachfolgenden, engstirnigen Rechtfertigungsgedanken schützen.

Zur Person

Robert Pfaller (* 1962) ist ein österreichischer Philosoph, der an mehreren Unis lehrte. Mit „Wofür es sich zu leben lohnt“ (Fischer, 2011), wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Er ist Mitgründer der Initiative „Adults for Adults“ gegen bevormundende Politik. Unis sind dabei zentral: „So, wie wir mit vorgehaltener Pistole nicht besser Klavier spielen, rechnen oder küssen, können wir unter Zwang auch nicht besser studieren, forschen oder lehren.“ Die Initiative gründet gerade die „No Bullshit University“, bei der man ohne Fristen und Prüfungen studieren können soll. Die Fragen von UniLive wollte Pfaller schriftlich beantworten. [ Jeff Mangione ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2015)

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