Junge Künstler: Was soll denn das?

Sie sticken Männchen auf Jute, bauen Löwen aus Plastik und malen Fahndungsfotos aus einem Boulevardblatt nach: Fünf junge Künstler erklären, was sie sich dabei gedacht haben.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Paul Mittler (26) malt große, verschwommene Bilder junger Männer – was soll das?

Ich wollte auf das Bild, das Medien von jugendlichen Straftätern zeigen, eingehen. Ich bin auf einen Artikel in der „Heute“ gestoßen, der acht junge Männer zeigt, die Raubüberfälle verübt haben. Als Maler – also als Person, die sich mit Bildaufbau und Bildästhetik beschäftigt –, habe ich es interessant gefunden, aus so kleinen Bildern große zu machen: Was passiert, wenn ich sie so aufblase? Verändert sich die Wertigkeit? Es sind Überwachungsfotos, die die Männer so zeigen, wie sie halt gerade geschaut haben. Das fand ich unfair: Jeder schaut in so einem Moment scheiße aus. Wie die Jungs in der Zeitung aufgereiht sind, strahlen sie eine Bedrohung aus. Ich nehme hier auch wahr, was ich „das revolutionäre Potenzial der Pubertät“ nenne. Das sind Jugendliche zwischen 14 und 18, das ist eine heiße Phase: Man verliebt sich, man beginnt zu rauchen, oder man beginnt zu klauen; man tut verbotene und unvernünftige Dinge. Man trifft Entscheidungen, ist aber noch nicht dafür bereit. Das ist ein erster Soloflug, der meistens schiefgeht.

 

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
Lisa Edi (29) fotografiert Dinge, die sie in der Parlamentsbaustelle fand – was soll das?

In Zeiten „Alternativer Fakten“ und „Fake News“, in denen man das Gefühl hat, dass der Wahrheitsgehalt einer Sache keine Rolle spielt, wollte ich mir anschauen, wie das mit Bildern ist: Wie wichtig ist es, ob die Geschichte, die ich mit meinen Bildern erzähle, wahr ist oder nicht? Fotografieren fühlt sich für mich immer ein bisschen an wie lügen. Allein durch die Art und Weise, wie ich mich hinstelle und welchen Ausschnitt ich wähle, kann ich eine andere Geschichte erzählen. Ich könnte mit Bildern von einem Verbrechen erzählen, das es nie gab. Ich war jetzt viermal im Parlament, dabei habe ich allerlei Sachen gefunden und hatte sofort Geschichten im Kopf. Am Anfang, als die Bauarbeiten noch nicht richtig losgegangen waren, war eine richtige Geisterhausstimmung. Am Boden im großen Sitzungssaal lagen medizinische Skalpellaufsätze rum. Oder ein zerrissenes Hemd. Mit diesen Fundstücken habe ich gespielt, ich habe zum Beispiel ein falsch skaliertes Lineal dazugelegt. Es gibt so ein Zitat: „Wer lügt, schafft immer auch eine Parallelwelt, wo die Lüge wahr ist.“ Damit spiele ich. Es ist eine Mischung aus einer künstlerischen Arbeit und Dokumentarfotografie.

 

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
Ting-Jung Chen (33) baut Figuren aus Plastik und Luft – was soll das?

Ich komme aus Taiwan, das sehr von der chinesischen Kultur beeinflusst ist. In meiner Arbeit „Side Walk“ greife ich das kulturelle Symbol des chinesischen Wächterlöwen auf. Er sitzt oft vor Haustüren, in Österreich sitzt er vor chinesischen Restaurants. Er sollte ursprünglich ein bestimmtes Territorium beschützen, mittlerweile repräsentiert er ein Klischee. Was interessant ist: Es gab in China gar nie frei lebende Löwen. Sie waren einst ein Geschenk aus dem Westen. Erst durch ihre Exotik sind sie zu diesem Symbol, zu Schutzheiligen geworden. Diese Aneignung und Umwandlung fand ich sehr spannend. Ich habe mich gefragt, was dieses Symbol im Kontext des Warenfetisch bedeutet. Statt aus Stein oder Bronze ist meine Löwin aus durchsichtigem PVC und wird durch Luftdruck in Form gehalten. Um ihren Hals trägt sie eine sechs Meter lange Kette, die ich aus bunt schimmernder PVC-Folie genäht habe (hier im Bild zu sehen). Die Löwin ist meine bisher größte Skulptur. Ich beschäftige mich gerne mit Industriematerialien wie Gipsplatten, Pappkarton oder Porzellan und versuche, vom Material ausgehend kritische Fragen zu stellen.

 

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Monica LoCascio (34) baut Galaxien aus Plexi-Glas – was soll das?

Der Auftrag war, mit dem Hubble-Weltraumteleskop zu arbeiten. Ich bin schon lange von Physik fasziniert und davon, wie der Weltraum strukturiert ist. Erst letztes Jahr haben Astronomen anhand schon älterer Daten die BOSS Great Wall entdeckt – den größten Supercluster, der je in unserem Universum entdeckt wurde. Er ist eine Milliarde Lichtjahre groß und ungefähr fünf Milliarden Lichtjahre von uns entfernt. In meiner Arbeit erkundete ich anhand von sechs Karten den Raum zwischen den Galaxien: Ich begann mit einer Galaxie und zog einen Kreis um sie, der die nächste Galaxie berührt, usw. Mich interessiert, wie sich Dinge aneinander festhalten, die Leere dazwischen – auch wenn sie nicht wirklich leer ist. Der Physiker Richard Feynman sagte: „In einem Kubikmeter leeren Raums ist genug Energie, um alle Ozeane der Erde zum Kochen zu bringen.“ Wir haben eine sehr statische Idee darüber, wie die Wirklichkeit aussieht, sich anhört und anfühlt. Ich will die Leute neugierig machen, tiefer in sie hineinzuschauen.

„The Great Wall“ ist bis 4. 11. in der Schau „Our Place in Space“ im Naturhistorischen Museum zu sehen.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

 

Birke Gorm (32) stickt Figuren auf Jutesäcke – was soll das?

Was ich mache, sind eigentlich Kopien vom Basler Totentanz – das war ein Bild auf der Basler Friedhofsmauer, das den Tod zeigt, wie er sich tanzend verschiedenen Leuten der Gesellschaft nähert. Der Tod holt den Papst wie den Ungläubigen, Reiche wie Arme. Ich zeige aber nur den Tod, die jeweiligen Menschen stehen im Titel der Arbeiten (die im Übrigen gerade in Dänemark ausgestellt wurden, weshalb man hier einen Entwurf sieht). Was mich dabei interessiert: Wie stellt man den Tod dar, wie gibt man ihm eine Persönlichkeit? Hier ist er zappelnd, lebhaft. Ich habe ihn auf Jute gestickt, das so etwas wie das Fundament der Malerei ist: Jede Leinwand ist im Grunde wie Jute. Ich habe noch nie gemalt, also war das eine Möglichkeit für mich, überhaupt anzufangen, mit Bildern zu arbeiten, mit Tiefen und Schatten zu experimentieren. Der Basler Totentanz stammt aus dem Mittelalter. Ich finde es wichtig, Dinge, die alt und vergessen werden, wieder aufzugreifen, und zu schauen, ob es Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft gibt: Bestehen ähnliche Hierarchien noch immer?

("UniLive", Print-Ausgabe, 26.09.2018)

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