Technikstudenten: Uni-Abschluss oder schnelles Geld?

Techniker und Informatiker bekommen oft während des Studiums lukrative Jobangebote und müssen sich entscheiden. Was Experten raten.

Viktoria Ritter ist Universitätsassistentin und Doktoratsstudentin an der TU Wien.
Viktoria Ritter ist Universitätsassistentin und Doktoratsstudentin an der TU Wien.
Viktoria Ritter ist Universitätsassistentin und Doktoratsstudentin an der TU Wien. – (c) Voithofer Valerie

„Wer hier studiert, wird nicht arbeitslos“, sagt Viktoria Ritter. Hier, das ist das Institut für Festkörperelektronik an der Technischen Universität Wien (TU). Ritter ist Universitätsassistentin und Doktorandin. Ihr Dissertationsthema lautet „High-k/metal gate stacks on silicene“. Oder: „Transistoren aus 2-D-Materialien herstellen, das ist die einfachere Erklärung“, sagt die 27-Jährige. Techniker sind bei den Unternehmen gefragt, Technikerinnen wie sie, erst recht. Denn es gibt kaum welche. An ihrem Institut der Elektrotechnischen Fakultät arbeiten derzeit gerade einmal zwei Dissertantinnen.

Den Bachelor erwarb Ritter an der TU in Technischer Chemie, sie arbeitete dazwischen als Trainee in der Schweiz. Für das Masterstudium übersiedelte sie nach München an die Technische Universität und die Ludwig-Maximilians-Universität und entschied sich für Geochemie.
Eine Karriere in der Wissenschaft als Ziel? Ja, aber die sei schwierig und risikoreich, sagt Ritter. Offensichtlich ganz besonders für junge Frauen. Der Blick über die universitäre Landschaft zeigt: Das gilt für alle Disziplinen. Die Plätze in der universitären Forschung sind rar, der Druck zu publizieren ist hoch, auch jener, Forschungsprojekte mit entsprechender Finanzierung an Land zu ziehen − Techniker haben es hier nur vergleichsweise einfach.

Ritter hat sich also für ein Doktoratsstudium entschieden. „Für eine längere Karriere, egal ob in der Wissenschaft oder der Wirtschaft, ist das jedenfalls gut“, weiß sie aus der Beobachtung. Besonders dann, wenn man eine Führungsposition anstrebt. Das zeigt sich auch, wenn man die Vitae der Geschäftsführer und Vorstände größerer Industrieunternehmen anschaut: Die Dichte an promovierten Führungskräften ist hoch. In Deutschland führt beinahe die Hälfte dieser Manager einen Doktortitel.

Das kommt nicht von ungefähr: „Im Doktoratsstudium lernt man selbstständiges Arbeiten auf einem anderen Level“, sagt Ritter. Und man lerne, (fachliche) Verantwortung zu übernehmen. Mitunter auch für größere, hochdotierte Forschungsprojekte. Dennoch: Das Doktorat ist aus ihrer Sicht bei Weitem kein Muss. Was sie ihren Studierenden aber rät: „Wenn es finanziell und familiär irgendwie möglich ist, zahlt es sich aus, nach dem Bachelorstudium weiterzumachen.“ Als Master oder Diplomingenieur seien die Einstiegsgehälter doch höher. Zudem sei − auch acht Jahre nach Einführung des Bologna-Systems − der Bachelor in der Wirtschaft noch immer nicht so richtig angekommen. Und noch eine Beobachtung hat Ritter gemacht: „Die Wenigsten, die nach dem Bachelorabschluss arbeiten gehen, kommen später an die Universität zurück.“ Neben dem Arbeiten zu forschen und unter Umständen stundenlang im Labor zu stehen, sei meist zeitlich und organisatorisch kaum zu schaffen.

Ein Berufsleben dauert lang. Den Wert eines abgeschlossenen Studiums betont auch Bettina Kern, Gründerin und Geschäftsführerin der Personalberatung Kern Engineering Careers. Ihr geht es um die langfristige Perspektive: „Ohne Abschluss fallen später Jobmöglichkeiten weg.“ Und nur die wenigsten Abbrecher hätten so wie Steve Jobs oder Bill Gates eine bahnbrechende Idee.

Kern findet klare Worte: „Bei den Jungen sind Titel nebensächlich. Aber sie unterschätzen die Dauer des Berufslebens.“ Vielleicht sei es ja am Anfang aufregend für einen (gut bezahlten) Programmierer-Job das Studium zu unterbrechen.

Doch so wie Ritter ist auch sie überzeugt: „Für den nächsten Karriereschritt ist dann meist der Studienabschluss wichtig. Und die Rückkehr als Vollzeitstudent an die Universität ist schwierig.“ Aus mehreren Gründen: Meist muss man das Lernen wieder lernen. Und es ist nicht selbstverständlich, den Lebensstandard, den man als Berufstätiger gewohnt war, halten zu können.

Allerdings: Wer sich im falschen Studium wiederfindet, sollte die Konsequenzen ziehen und zum richtigen wechseln. Was oft gar nicht so einfach ist, weil viele von den tatsächlichen Berufsbildern kein reales Bild darstellen. Ritters Job etwa ist mehr ein Bürojob, bei dem sie viel Zeit vor dem Computerbildschirm verbringt. Weit mehr als ein steriler Reinraum. Und damit wesentlich mehr als man es bei einer Forscherin mit materialwissenschaftlichem Einschlag vermuten würde.

Auf einen Berg steigen. Zugegeben, es ist nicht immer einfach, das richtige Studium zu wählen. Bernhard Reisner, Personalchef beim Technologieunternehmen Miba, warnt vor Kurzsichtigkeit. „Wer auf einen Berg steige, der sehe die Dinge plötzlich anders“, sagt er. Im übertragenen Sinn rät er dazu, „das Gespräch mit vielen anderen Menschen zu suchen, um andere Perspektiven kennenzulernen“ und einen neuen Blick auf das Job-Thema zu entwickeln. Denn: „Der Beruf spielt für ein erfülltes Leben eine wichtige Rolle.“

Unternehmen ist das vollkommen bewusst. Aus diesem Grund bieten viele Firmen Praktika an. Studierende können so das Unternehmen, die Arbeitsweise und die Firmenkultur kennenlernen. Die jungen Praktikanten werden in gewisser Weise auch hofiert, denn ihre Ideen und ihre Zugänge, von denen auch erfahrene Kollegen lernen können, sind immer willkommen.

Daher bergen diese Praktika eine nicht zu unterschätzende Gefahr: Sie wirken in vielen Fällen wie eine Einstiegsdroge − nicht mehr aus dem Berufsleben auszusteigen. Denn der Erfolg im Job, die Arbeit im Team und die im technischen Bereich meist sehr gute Bezahlung haben durchaus Suchtpotenzial. Weshalb viele Personalisten eher zu Ferialpraktika raten, die mit dem Ferienende und dem Semesterbeginn ein klares, Ablaufdatum haben.

Apropos Kultur: Für Romana Hausleitner, Leiterin des Human Resource Management beim österreichischen Business-Software-Hersteller BMD, ist sie entscheidend. Für sie spielt es keine Rolle, ob ein Bewerber studiert, mit einem Titel abgeschlossen oder abgebrochen hat. „Entscheidend ist, dass die Person zu uns und zum Profil der jeweiligen Einheit passt.“ Deshalb bindet sie auch die Fachabteilungen früh in den Bewerbungsprozess ein. Wer sonst, wenn nicht das Team und die Führungskräfte, könne besser einschätzen, was fachlich gebraucht werde und wie die Bewerber in persönlicher Hinsicht harmonieren.
Umgekehrt würde sie aber auch keine Bewerber aus der Ausbildung „herauskaufen“ wollen, also mit Geld ködern. Wenngleich sie selbstverständlich in engem Kontakt mit (Fachhoch-)Schulen und Universitäten ist, um auf ihr Unternehmen aufmerksam zu machen.

Das ist mein Traumjob. Wer sein einst begonnenes Studium abbricht, muss sich darauf einstellen, auf die Frage nach den Gründen für den Abbruch angesprochen zu werden. Eine Antwort könnte − wenn sie auch tatsächlich gedeckt ist − lauten: „Ich habe damals geglaubt, das ist mein Traumjob.“ Und dann kann man mit Reflexionsfähigkeit punkten: „Ich habe mich im Laufe der Zeit besser kennengelernt und will jetzt einen Entwicklungsschritt gehen.“ „So könnte man sich aus der Affäre ziehen“, sagt Kern − sozusagen unter der Voraussetzung, dabei nicht zu lügen. Denn Ehrlichkeit im Bewerbungsprozess zahlt sich aus, Unehrlichkeiten kommen eher früher als später ans Licht und sorgen garantiert für einen Knatsch.

Zurück zum von Kern angesprochenen Traumjob. Sie hält es für keine gute Idee, nur wegen des Geldes von der Uni abzugehen. „Der Beruf sollte eine Berufung sein“, sagt sie. Daran knüpft Reisner an. Es gehe im Job auch darum, sein Glück zu finden. Wenn jemanden ein Abschluss nun so gar nicht glücklich macht, dann habe es keinen Sinn, an der Universität zu bleiben.

Starke Signalkraft. Eines geben Reisner und viele seiner Kollegen in anderen Personalabteilungen zu bedenken: Ein Abschluss hat starke Signalkraft. Dann, wenn es dem Absolventen nicht nur um den Titel an sich geht. Der Abschluss ist so etwas wie der Beweis, dass jemand starken Willen hat, bereit ist Opfer zu bringen und eine Sache zu Ende zu führen.

("UniLive", Print-Ausgabe, 26.09.2018)

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