Studieren abseits der Metropole: "Oh Gott, wo bin ich gelandet?"

Wer nach einem speziellen Studium sucht, findet dieses oft nicht in den großen Städten, sondern an beschaulichen Fachhochschulstandorten. Wie geht es Studenten aus der Stadt mit der ländlichen Idylle?

Über Spittal an der Drau nach Afrika: Michelle Primorac bei einem FH-Projekt in Südafrika.
Über Spittal an der Drau nach Afrika: Michelle Primorac bei einem FH-Projekt in Südafrika.
Über Spittal an der Drau nach Afrika: Michelle Primorac bei einem FH-Projekt in Südafrika. – (c) Beigestellt

Oh Gott, wo bin ich denn hier gelandet!“ Das war die erste Reaktion der Architekturstudentin Michelle Primorac, als sie aus der hektischen Metropole Frankfurt ins beschauliche Spittal an der Drau kam, um hier an der Fachhochschule Kärnten ihr Architekturstudium abzuschließen. Das sei schon eine Art Kulturschock gewesen: Kein Großstadttrubel, nur wenige Fortgeh-Lokale, das Event-Angebot eher beschränkt. Vieles von dem, was das Studentenleben letztlich auch ausmacht, kommt angesichts der Reduktion auf das Studieren doch etwas zu kurz. „Wenn man hier etwas unternehmen will, muss man es selbst organisieren“, war eine der ersten Lektionen. Und als die Deutsche merkte, dass die Geschäfte schon am frühen Abend schließen, „musste ich mich erst einmal an einen ganz anderen Tagesrhythmus gewöhnen.“

Studieren pur. Dass an seinem neuen Studienort nicht so wirklich die Post abgeht, musste auch Laurenz Petek zur Kenntnis nehmen: Der 24-Jährige pendelt für sein Masterstudium „Nachhaltige Energiesysteme“ an der FH Burgenland wöchentlich zwischen seinem Heimatort Graz und Pinkafeld. In der Stadt an der Mur gibt es fast zehnmal so viele Studierende wie die burgenländische Stadtgemeinde Einwohner hat, „und wenn mein Studium länger als zwei Jahre dauern würde, hätte ich es mir wirklich überlegt, ob ich nicht woanders inskribieren soll“, sagt Laurenz. Kein Kino, kein Einkaufszentrum, kaum Party-Möglichkeiten – wenn mehrere Tage hintereinander keine Lehrveranstaltungen angesetzt sind, fährt er daher gerne nach Hause in die steirische Hauptstadt. In Pinkafeld spiele sich das Sozialleben fast ausschließlich an der FH sowie im Studentenwohnheim ab. „Die FH hat rund um die Uhr geöffnet, da sitzen wir zusammen oder wir kochen gemeinsam im Heim, weil viel anderes gibt es ja nicht – so kommt man aber wenigstens intensiv zum Studieren und lässt sich nicht durch andere Möglichkeiten ablenken!“

Ähnliche Vorteile sieht die 26-jährige Anneli Eddy aus San Francisco am Studieren in einer Kleinstadt. Sie hat sich gegen ein Studium in ihrer Heimat an der amerikanischen Westküste entschieden und ist nach Kuchl im Tennengau gezogen, um ihre universitäre Ausbildung am dortigen Campus der FH Salzburg abzuschließen. Statt mit etwa 2000 Kollegen wie in den USA, wo sie ihre akademische Laufbahn begonnen hat, sitzt sie seit nunmehr einem Jahr mit rund einem Dutzend Gleichgesinnter in den Seminaren und Vorlesungen des Masterstudiengangs „Design und Produktmanagement“. „Ich bin glücklicher hier als in der Großstadt“, sagt die angehende Designerin.

Anneli Eddy aus San Francisco hat sich sichtbar in Kuchl eingelebt.
Anneli Eddy aus San Francisco hat sich sichtbar in Kuchl eingelebt.
Anneli Eddy aus San Francisco hat sich sichtbar in Kuchl eingelebt. – (c) Beigestellt

Zugängliche Professoren. „Durch den kleinen Kreis der Studierenden ist alles viel persönlicher. Mit den Professoren ist man fast befreundet, man kann mit Fragen immer zu ihnen kommen.“ In den USA sei das anders: „Da kommt man an die Professoren gar nicht heran, die haben ihre Assistant Teachers, die für Fragen der Studierenden zuständig sind.“ Michelle pflichtet bei: „Beim Bachelorstudium zu Hause war ich für die Vortragenden eine Nummer, in Spittal bin ich die Michelle, und das wissen alle. Das kannte ich vorher so nicht.“ Für Laurenz bringt das aber auch Nachteile: „Man steht mehr unter Druck, weil man die Professoren persönlich kennt und sie bei den Prüfungen nicht enttäuschen will.“ Für Michelle birgt diese persönliche Nähe sogar Konfliktpotenzial: „Wenn es Probleme miteinander gibt, kann man sich schwer aus dem Weg gehen.“ Die Anonymität einer Großstadt-Uni kann auch Schutz bedeuten – wenn man in kleinen Orten studiert, sucht man sie vergebens.

Starker Zusammenhalt. Der Zusammenhalt der Studierenden untereinander sei größer als beispielsweise in Graz, wo nach einer Vorlesung jeder seine eigenen Wege geht, sagt Laurenz. Die Möglichkeiten, enge Freundschaften zu schließen, seien jedoch angesichts der wenigen Studierenden begrenzt. Anneli hat da Glück gehabt. Die Amerikanerin, die auch schon ein Semester in Madrid verbrachte, hat seit ihrer Ankunft in Österreich mehr Leute kennengelernt als damals in Spanien. Und sie hat gefunden, was sie in Madrid vergeblich gesucht hat: eine Volleyball-Mannschaft auf ihrem Niveau. Der Sport ist für die Amerikanerin eine Möglichkeit, der Enge des Studienortes zu entkommen.

Auch Michelle setzt auf das Ventil Sport: In den Bergen rund ums kärntnerische Spittal hat die Frankfurterin das Snowboarden erlernt, im Sommer bietet sich der nahe Millstätter See zum Schwimmen an. „Die Berge und das Wasser hier sind natürlich eine Abwechslung von der Großstadt, und das nutze ich aus, solange ich hier bin.“ Laurenz wiederum versucht die burgenländischen Hügel beim Wandern zum Krafttanken zu nutzen.

Studieren in Österreich abseits der großen Städte sei jedenfalls, so die übereinstimmende Meinung, nicht nur aufgrund der spezifischen Ausbildungsangebote attraktiv, sondern auch wegen der landschaftlichen Einbettung der Studienorte, die es erlaubt, vorübergehend Abstand vom Studienalltag zu gewinnen.

Laurenz Petek kann sich in Pinkafeld voll auf sein Studium konzentrieren.
Laurenz Petek kann sich in Pinkafeld voll auf sein Studium konzentrieren.
Laurenz Petek kann sich in Pinkafeld voll auf sein Studium konzentrieren. – (c) Beigestellt

„Flucht“ ins Auslandssemester. Aber es gibt auch Möglichkeiten, etwas länger „unter die Leute“ zu kommen. Laurenz „flüchtete“ zwischendurch aus Pinkafeld für ein Praxissemester nach Wien, legte auch ein Auslandssemester in Dänemark ein. Michelle war gar in Südafrika, wo sie im Rahmen eines Fachhochschulprojekts mithalf, einen Schulbau zu errichten. „Jetzt kann ich auch dachdecken und betonieren, wozu ich wahrscheinlich nie die Chance gehabt hätte, wäre ich zum Studieren in Frankfurt geblieben“, lacht die Deutsche. Die Aussicht, nach Ende des Studiums wahrscheinlich sowieso wieder in einer Großstadt zu landen, weil es dort die meisten Jobs gibt, lässt sogar ein klein wenig Wehmut aufkommen. Trotzdem: Wer im urbanen Umfeld aufgewachsen ist, den zieht es doch wieder dorthin zurück. Nur Anneli will über die Dauer ihres Studiums hinaus in Salzburg bleiben: „Ich habe hier auch schon einen Job gefunden, habe Freunde und mir ein Leben aufgebaut. Ich hätte Alternativen, möchte aber gar nicht mehr weg.“

Michelle kann einen studienbedingten Wechsel von der Großstadt in eine rustikalere Umgebung trotz – oder gerade wegen – so mancher Herausforderung nur empfehlen. „Das sind zwei verschiedene Welten, man bekommt eine ganz neue Sicht der Dinge.“ Laurenz stimmt zu: „Es erfordert Mut, aber es zahlt sich aus“, stellt auch er dem Studieren abseits der Großstadt-Hektik letztlich ein gutes Zeugnis aus.

("UniLive", Print-Ausgabe, 26.09.2018)

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